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BaukunstBau-Lexikon 1881
Fig. 1774. Aus Venedig. Zu Art. Früh
Fig. 1774. Aus Venedig. Zu Art. Früh

Frührenaissance, f.,frz. renaissance f. primaire, en first revival-style. Die Umwälzungen auf allen Gebiet geistigen Lebens, welche die Reformationszeit charakte siren, erstreckten sich natürlich auch auf die Architektur, u brachten es mit sich, daß der gothische Stil, der damals ganzen christlichen Europa Gültigkeit hatte, allmähl diese verlor und einer Nachahmung der Antike weich mußte. Da aber dies, weil die Gothik sich ins Volk gelebt hatte, nicht ohne Kämpfe erfolgen konnte und di Kämpfe in langem Schwanken auf und ab wogten, so dokumentiren sie sich auch in der Architektur. Die Art und Weise, wie sich während dieser Kämpfe die architektonischen Formen gestalteten, nennt man F. Aber fast ist diese Benennung noch zu allgemein. Während der langen Dat vom ersten Eindringen antiker Formen zwischen die thischen bis zum Sieg der Antike kann man drei Perioẽ unterscheiden: I. Periode. Die mittelalterliche Hauptdisposition, d mittelalterliche Baugerippe, wird beibehalten, selbst Großdetails der Gothik, und nur Kleindetails aus Antike angewendet. An Stelle der Hohlkehle tritt oft Karnies oder eine schmale Schrägplatte, an Stelle Blätterkehle der Eierstab, an Stelle der Blattknäufe Blumenknäufe antike Kapitälchen etc. Schon auf die Stufe aber machen sich Abweichungen bei den verschie nen Völkern bemerkbar. a) In Italien beginnt am frü sten die erwähnte Ersetzung mittelalterlicher durch ant Details, und zwar mit den Bauten Brunelleschi's: Do kuppel zu Florenz 1420, Kirche zu St. Lorenzo dasel 1425 etc. Die Hauptdisposition gothischer Gebäude in J lien hatte immer viel von der Klarheit und nüchtern Verständigkeit der Antike behalten. Ja selbst das eigentli Baugerippe der Gothik, die Strebepfeiler, Spitzbog Giebel, Fialenetc., waren zwar adoptirt, aber vielfach v ERG O Universitatsbibli uft drückt u. verkümmert worden; vgl. dar. d. Art. italienischgothische Bauweise. Dies bringt mit sich, daß die Werke le, der Zeit von 1420—1470, soweit sich an ihnen eine Anwendung antiker Kleindetails zeigt, bei flüchtiger Betrachtil. tung den Eindruckmachen, als seien sie auch im Baugerippe en, nicht mehr gothisch, obgleich bei genauem Studium dieser Eindrucknicht nur wieder schwindet, sondern auch selbst in sche Details vielfach Mittelalterliches noch sich zeigt, wie z. B. der an Fig. 1773, einem Kapitälaufsatzfries am Untergeschoß den des Endpavillons an der Eingangshalle des Dogenpalastes zu Venedig (um 1460), bes. im Vergleich mit der Behandlung desselben Motivs an dem Obergeschoß aus der Zeit igl. um 1477 (s. Fig. 1774). An anderen Werken sind Anlage ten und Details noch vollständig gothisch, und dennoch zeugen eri⸗ sie, z. B. durch Weglassung der Nasen und des Mäßwerks und in den Pfeilerfüllungen, durch die Hinführung einzelner im Simse quer über Dienste oder Strebepfeiler an ganz unlich geeigneter Stelle, durch einzelne Blattwendungen u andere hen Kleinigkeiten, für den bereits wieder wachsenden Einfluß in⸗ der Antike; namentlich treten in den Bilderblenden, Ziniese nennischen u. dgl. Muscheln oder glatte Rundbogen an hrenaissance. Fig. 1775. Schloß von Gaillon. wuer Stelle der Mäßwerksbogen, z. B. an der Abbildung der go⸗ früheren Vorderfagade des Doms von Florenz und am dden Bigallo daselbst, die Kriechblumen werden lockerer und flatteriger, z. B. an der Porta della Charta am Dogendas palast zu Venedig (1438 ff.) etc.; auch in den Profilen der die Trummhölzer, den kleinen, Eckkonsolen unter den Thürder stürzen, in den Kapitälprofilen der Pilaster etc. zeigt sich der dieser Anfang der Rückkehr zu antiken Formen, wie denn der auch kleine Fialen durch antikisirende Dockenkegel, Zinnen⸗ »der giebelchen durch geschwungene Aufsätze mit Kugeln ereser setzt werden etc. — b) In Deutschland zeigt sich zunächst ede-nureine Hinneigung zu Befreiung von Ueberschwenglichem ihe-in Vereinfachung der Disposition, geringerer Theilung stike der Hauptmassen, im Zurücktreten der Vertikaltheilung om⸗ aus ihrer, die Horizontalabtheilung völlig beherrschenden lbst Stellung, in erneuter Liebe zum Rundbogen, Wiederanzta⸗ wendung des Rundbogenfrieses, in Aufnahme des Stichnen bogens, ja selbst des elliptischen Flachbogens und der geiche raden Ueberdeckung. Alle aus technischen, klimatischen und zen, anderen praktischen Gründen hervorgegangene Formen her-aber werden beibehalten. Die so gestalteten, meistzwischen siothek Heidelberg DFC 1460 und 1525 entstandenen Bauten bilden ein Mittel-2 glied zwischen F. und Spätgothik. Die nächste Stufe bezeichnet eine Reihe Bauten, entstanden zwischen 1490 und ( 1540, an denen bereits, immer unter vollständiger Bei⸗ 1 behaltung des mittelalterlichen Hauptcharakters, sowie der meisten Großdetails, z. B. der in Fasen gestellten Ecksäulen,‚ d der sogar ziemlich gehäuft angewendeten Simsüberkreuzungen statt der Gehrung, der steilen Abwässerungen, der r Vorkragungen etc., doch in den Kleindetails fast durch⸗ 1 gängig, in den Großdetails hin und wieder, direkt antike Formen zuAnwendung kommen, anderwärts, doch indirekt, o der antike Einfluß sich zeigt, z. B. in der Besetzung der 9 Giebelstaffeln mit Rundgiebeln, Ersetzung der Fialen durch Obelisken auf Postamenten oder durch mit Kugeln bekrönte Cylinder oder Kegel etc. Vgl. d. Art. Deutschrenaissance nebst Fig. 1387 und 1388. — c) In Frankreich wurde die Renaissance, so viel bis jetzt bekannt, 1496 durch Fra Giocondo aus Italien eingeführt; während dort schon die Periode II(s. unten) angebrochen war, zeigte sich in Frankreich der Einfluß der Gothik noch so stark, daß völliges Verdrängen selbst der gothischen Kleindetails nicht sofort gelang. Zunächst wurden die Mäßwerksfüllungen mit antikisirenden Ornamenten besetzt, in die Wimbergen Muschelnischen eingefügt, auch wohl Kapitäle korinthisirend verziert, dann die Fialen durch kandelaberähnliche Bildungen ersetzt, Zahnschnitte in die Simse eingeschnitten rec. Als Beispiele sind anzuführen das Untergeschoß des Schlosses zu Gaillon, von Fra Giocondo um 1500 ausgeführt (. Fig. 1775), der herzogliche Palast zu Nancy (s. Fig. 1766) u. der von Meister Hector Sohier 1521 begonnene Chor von St. Pierre in Caën (Fig. 1778). Es erhielt sich diese Richtung bis um 1535. — d) In Spanien war der Kampf der Gothik gegen die Renaissance ein sehr hartnäckiger. Einerseits finden sich gothische Bauten bis um 1550, anderseits zeigen schon das 1494 begonnene Portal des Collegio mayor de Santa Cruz in Valladolid und andere Bauten derselben Zeit eine höchst pikante Mischung gothischer Hauptdisposition u. maurischer Reminiscenzen mit antiken Elementen, u. in den Kleindetails ein buntes tails zwischen den Formen der Renaissance; s. Elizabethanstyle.—f) In Belgienu. d. Niederlandenscheint die F. nur wenig später als in Frankreich eingedrungen zu sein; die I. Periode derselben währt hier ungefähr bis 1540 u. charakterisirt sich inähnlicher Weise wie in Deutschland und Frankreich bes. durch eine, hier freilich oft etwas plumpe Umgestaltung der Giebelstaffeln u. ihrer Fialenbesetzung, sowie durch Einfügung antikisirender Details in den Portalen, Fenstern etc., hier u. da aber auch nur durch größere Betonung der Horizontaltheilung und Ersetzung der Pfeiler durch dockenähnliche Säulen. Als Beispiel geben wir in Fig. 1777 einen Theil des Hofs im erzbischöflichen (jetzt Justiz⸗) Palast zu Lüttich, erbaut 1508 — 1540. ibliothek Heidelberg CDFC II. Periode. Das gothische Baugerippe ist zwar noch bei-Uunde behalten, aber scheinbar schon vollständig mit antiken De⸗ an S tails überzogen. An Stelle der Kaffgesimse sind antike Auch Gebälke getreten, an Stelle der Dienste Pilasterchen, an bes. i Stelle der Wimbergen Muschelnischen mit Frontons; der begot Sieg über die „Barbarei des Mittelalters“ scheint errun⸗ an de gen; er scheint es aber blos, denn die antiken Formen sind Bau nur gleichsam als durchsichtiges Gewand über den mittel⸗ gerip alterlichen Baukörper gebreitet. Diese Periode tritt in den lank verschiedenen Ländern zu verschiedener Zeit ein und greift zuwe vielfach zwischen die früher erwähnte zurück. — a) In Ita⸗ imm lien zeigt sich schon an der 1457 von Martino Lombardo Maf und Antonio quondam Marco begonnenen Fagade der Bau Kirche San Zaccaria in Venedig und an den um 1450 schor vonBernardo da Venezia erbauten Theilen (Kuppel, Kreuz-mitte gang etc.) der Certosa bei Pavia (Fig. 1784) das Bestreben, ken das Gerippe selbst mit den antiken Details in Harmonie mei zu setzen. Aehnliches zeigt der sogen. Florentinische Stil. Der Beibehalten wurden immer noch z. B. die durch Säulchen scho getheilten Zwillingsfenster, die Stellung der Säule unter min dem Bogen, die Zwerggalerien, die bedeutende Erhöhung gese der Fagadenmitte gegen die Seitentheile, die Rundfenster, dig die Flankirung der Halbkreisgiebel durch Fialen, die dief Herumführung der Horizontalgesimse um die vorspringen⸗ wei den Pfeileretc. Dieselben Eigenschaften, jedoch bei meist viel Ber zierlicherer, graziöserer Durchbildung der Details, zeigen beh die Werke der Venetianischen Schule. Selbst die Detail⸗ dies bildungentspricht noch nicht den strengen Regeln der Antike. schl' Beispiele: Fig. 1779 Postament aus der Scuola San tes, Rocco in Venedig aus der Zeit von 1517.—1524; Fig. übe 1780 und 1781 Sockel und Gebälk am Dogenpalast aus rak der Zeit von 1485—1498; Fig. 1782 und 1788, Mittel⸗ dah BERG O Universitatsbibliothek Heid Eckakroterie, sowie bei a Profileines Halbkreisgiebels . Zaccaria in Venedig aus der Zeit von 1477— 1490. hBologna birgt sehr viele Beispiele für diese Richtung, in Backstein ausgeführt; dahin gehört auch das 1456 nnene Ospeédale grandezu Mailand u. g. m. Selbst sen ersten Bauten des Bramante, sowie an anderen iten bis um 1530, zeigt sich das mittelalterliche Bauppe noch nicht vollständig besiegt. — b) In Deutschd kann man dieser Periode die Zeit von 1540 — 1600 eisen. Sämtliche Bauten dieser Zeit zeigen nämlich ier noch manchen Anklang an das Mittelalter in ssenvertheilung und Disposition. An den späteren iten dieser Periode schweifen allerdings die Details oft nan das Barocke, die früheren aber zeigen sogar völlig telalterliches Baugerippe, ziemlich konsequent mit anti-Gliederungen bekleidet, zwischen denen wohl hier uud ine Feinheit in der Detailarbeit. Vergl⸗ auch d. Art. utschrenaissance. — 6) In Frankreich überzieht zwar on bei einzelnen der früheren Bauten, bei den frühesten ndestens in einzelnen Theilen, z. B. bei dem Oberchoß von Fig. 1775, das antike Detail ziemlich vollständas mittelalterliche Gerippe, allgemein aber wird se Erscheinung erst um 1525; die so entstandene Bauise ist von den französischen Kunsthistorikern mit der nennung style Frangois premier belegt worden und hielt Geltung bis um 1550. Besonders die Schloßbauten ser Zeit zeigen noch gothische Silhouette, hohe Dächer, lank begiebelte Dachfenster, mittelalterliche écharguet⸗ „ zu runden Kuppelthürmchen umgebildet, auch eine eraus große Zierlichkeit und Zartheit der Details chakterisiren sie. — d) In Spanien arbeitete der 1520 hin zurückgekehrte Alonso Berruguete nebst Genossen u. mothes 1882bd?/0390 Schülern zuerst darauf hin, antike Details konsequent durchzuführen, ohne jedoch das maurisch-gothische Gerippe zu beseitigen. Das früheste Beispiel der so entstandenen, manca, das späteste der Obertheil der Giralda zu Sevilla 1558. Fast alle Werke dieser Periode sind ungemein reich mit Verzierungen besetzt, so die Säulenschäfte mit Ornamentranken überzogen, alle Platten mit Laubwerk, Pfeifen etc. ausgestattet; aber dabei ist doch durch die Kleinheit der Ornamente der Eindruck der Ueberladung, wenigstens bei etwas weiterem Standpunkt, fern gehalten. — e) In England sind die Bauten dieser Periode sehr selten oder, wenn mehrere noch vorhanden sind, doch sehr wenig bekannt; jedoch wäre das Schloß Wollatonhall, 1580 von John Torpe erbaut, und das königliche Schloß zu Whitehall, eins der ersten Werke von Inige Jones, anzuführen. Die Details sind scharf und klar behandelt, doch weder sehr reich noch sehr zierlich; der Gesamtcharakter der Bauten hat etwas Kahles und Nüchternes. — f) In Belgien u. den Niederlanden zeiger ständige Ueberziehung eines noch vorhandenen gothischen Gerippes mit antiken Details, so die Kirche zum Blut Gottes in Brügge, 1533 vollendet, das Nordportal von St. Jacques in Lüttich, 1558 von Lombard vollendet etc. Die Gesamtverhältnisse sind etwas schwerfällig, die Formen der Details schwülstig, theils schwunglos, theils in zu kurzen, schroffen Krümmungen gewunden. III. Periode. Diese Periode charakterisirt die wenigstens äußerliche Durchführung des antiken Konstruktionssystems in der Hauptgliederung der Facade, und die vollständige Verdrängung gothischer Details; dennoch unterscheiden sich die Werke dieser Periode von denen der eigentlichen Renaifsance noch durch die hier und da, namentlich in Vertheilung u. Anordnung der Fenster sichtbaren mittelalterlichen Reminiscenzen. — a) In Italien gehören dieser Periode ein großer Theil der Bauten der Lombardi in Venedig an, die Bauten des Leone Batista Alberti aus der Zeit von 1440—1472, die 1473 von Ambroggio Fossano, gen. Borgognone. begonnene Facade der Certosa bei Pavia (Fig. 1784) bis zu den mittleren Bauten des Bramante und den ersten Bauten Raphaels, des Baldassare Peruzzi und Antonio da Sangallo, dieser Schüler Bramante's. — b) In Deutschland fehlt diese Stufe fast ganz, wohl besonders infolge des Dreißigjährigen Kriegs. Zu vollständiger Verdrängung aller mittelalterlichen Theile des Baugerippes, namentlich aber des mittelalterlichen Charakters der Silhouette, kam es hier erst nach dem Westfälischen Frieden beim Eindringen der Spätrenaissance. 5ig. 1784. Certosa bei Pavia. je Höchstens könnte man etwa die Schlösser Waldsteins, o Trschka's etc. in Leitomischl, Opoezno etc. erwähnen. Vgl. „übr. d. Art. Deutschrenaissance. — c) In Frankreich zeigt sich die in Rede stehende Stufe des Kampfes nur an sehr wenig Gebäuden, so an dem 1549 begonnenen Stadtnhaus von Paris, an der Fontaine des Innocents daselbst bibliothek Heidelberg CDFC( und an dem 1549 von Philibert de Lorme begonnenen Schloß zu Anet. Noch sind die eingehenden Gewände, die steilen Dächer u. Dachfenster nicht überwunden. — 0 In Spanien könnte als Zeichen für das Vorhandensein dieser Stufe eine große Reihe von Bauten angeführt werden, deren Ausstattung zwar genaue Kenntnis des ganzen Apparats antiker Architektur zeigt, aber zugleich, bei ungemeiner Lieblichkeit der Details, noch ein Hängen an den poetischen Anordnungen früherer Bauweis en erkennen läßt. Wir nennen hier nur die Dombauten des Diego de Silos in Granada und Malaga, 1529—1540, des Pedro de Valdelvira in Jaen etc. — e) In England fehlt die jetzt in Rede stehende Stufe ganz. Hier ging Inigo Jones direkt von der sub Lerwähnten Weise zur reinen Renaissance über. — kf) In Belgien und den Niederlanden hat die Renaissance in vielem Bezug einen ähnlichen Gang wie in Deutschland genommen; auch hier kam es eigentlich erst dann zu voller Verdrängung des mittelalterlichen Hochgiebels und der Erker, als von außen bereits die verdorbene Spätrenaissance eindrang.

Fig. 1778. Aus der Certosa bei Pavia.
Fig. 1778. Aus der Certosa bei Pavia.
Frührenaissance
Fig. 1780. Aus Venedig.
Fig. 1780. Aus Venedig.
Frührenaissance
Illustrirtes Bau-Lexikon. Praktisches Hülfs- und Nachschlagebuch im Gebiete des Hoch- und Flachbaues, Land- und Wasserbaues, Mühlen- und Bergbaues, der Schiffs- und KriegsbaukunstHrsg. von Oscar Mothes, 4. Aufl., Leipzig und Berlin: Otto Spamer 1881–1884 · Bd. 2, S. 378Scan: Universitätsbibliothek Heidelberg · gemeinfrei

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