FeedKehlkopf (Larynx)
MusikBrockhaus 1882

Kehlkopf (Larynx), das Organ der Stimmbildung, liegt in der Mittellinie des Vorderhalses vor dem vierten und fünften Halswirbel, unterhalb der Zunge und des Zungenbeins und wird gegen die Haut des Halses hin zum Toil von den Schilddrüsen (s. d.) bedeckt; er wird beim Schlingen, Sprechen und Singen gehoben und danach gesenkt, ist auch einigermaßen seitlich verschiebbar. Man kann ihn durch die Haut hindurch deutlich als einen harten Körper fühlen und bei Männern auch seinen am meisten vorspringenden Teil, den sog. Adamsapfel (pomum Adami), sehen. (S. die Tafel: Die Brusteingeweide des Menschen, Fig. I, 3; Fig. II, 7.) Der K. hat einen größern Umfang als die Luftröhre und besteht in seiner knorpeligen Grundlage aus sieben verschieden gestalteten Knorpeln, von denen die drei größern der Schildknorpel, der Ringknorpel und der Kehldeckel heißen, während die vier kleinern die Namen Gießkannen⸗ oder Stellknorpel und Santorinische Knorpel führen. Zuweilen findet sich noch ein Paar sehr kleine Knorpel (die Wrisbergschen Knorpel) in den beiden sich vom Kehldeckel 1. den Spitzen der Gießkannen-Schilt hinabziehenden Schleimhautfalten. Der Schildknorpel (cartilago thyreoidea) liegt über dem Ringknorpel und ist der größte Kehlkopfknorpel, um welchen herum die übrigen Teile des K. sich befestigen. Er bildet den größten Teil der vordern Wand des K. und besteht aus zwei länglich viereckigen Seitenplatten, welche vorn in einen abgerundeten Winkel zusammenfließen. Die beiden Seitenplatten divergieren nach hinterwärts und lassen hier einen freien Raum, in welchen sich die hintere Wand des K. einlegt. Der hintere Rand jeder Seitenplatte läuft nach oben und nach unten in ein Horn aus. Die obern, größern Hörner des Schildknorpels hängen mit den großen Hörnern des darüberliegenden Zungenbeins durch je ein Band zusammen. Die untern, kleinern Hörner des Schildknorpels sind durch je eine kleine Gelenkfläche beweglich mit dem Ringknorpel verbunden. Der Ringknorpel (cartilago cricoidea) hat die Gestalt eines mit einem hohen viereckigen Schilde (Platte) versehenen Siegelrings. Die vordere, dünnere Hälfte dieses Rings (der Bogen) liegt unterhalb des Schildknorpels und hat auswendig an jeder Seite eine flache Gelenkvertiefung zur Verbindung mit den untern Hörnern des Schildknorpels. Die hintere Hälfte (das Schild) des Ringknorpels ragt als hintere Wand des K. zwischen den hintern Rändern des Schildknorpels in die Höhe. Auf dem obern Rande des Ringknorpels stehen hinten nebeneinander zwei dreiseitige, pyramidenförmige Knorpel, die Gießkannen-oder Stellknorpel (cartilagines arytaenoideae), welche beweglich sind und durch Muskeln einander genähert und voneinander entfernt werden können. Der kolbige, nach hinten, außen und unten gerichtete Teil jedes Stellknorpels heißt der Gelenkfortsatz, der spitzere, nach vorn ge-Kich dagegen der Stimmfortsatz. An der hintern Fläche des sog. Adamsapfels erhebt sich in einem tiefen Einschnitt des Schildknorpels und darüber hinaus der platte, knorpelige Kehldeckel (epiglottis), welcher über die ganze obere Apertur des K. hinausragt. Ein zwischen der Zungenwurzel und dem mittlern Teile des Kehldeckels ausgespanntes Band (das Zungen-Kehldeckelband, ligamentum glosso-epiglotticum) hält ihn in aufrechter Stellung. Zu gleichem Zwecke dienen die beiden Zungenbein-Kehldeckelbänder (ligamenta thyreo-hyoidea). Oberhalb des untern Teils der nach hinten gekehrten Fläche des Kehldeckels befindet sich eine konvexe Vorwölbung, der Kehldeckelwulst. Zwischen den Seitenrändern des mittlern und untern Teils des Kehldeckels und der Spitze jedes Stellknorpels zieht sich auf jeder Seite das Stellknorpel-Kehldeckelband (igamentum ary-epiglotticum) hin und hinten zwischen den beiden innern, einander zugekehrten Kanten der Stellknorpel eine muskulöshäutige Masse querüber; auf diese Weise entsteht die obere Offnung des K. Das Innere des K. zerfällt in drei übereinander liegende Abteilungen, die obere, die mittlere und die untere, welche durch zwei leistenartige seitliche Vorsprünge voneinander abgegrenzt werden. Gleich hinter und etwas unterhalb des sog. Adamsapfels (s. d.) liegt die kleine, am meisten vertiefte Stelle des mittlern Kehlkopfraums, die Centralgrube, welche durch das Zusammenstoßen mehrerer, an dem Schildknorpel sich anheftender häutiger Gebilde zu Stande kommt; es sind dies das rmißt, sind unter E aufzusuchen. Aufhängeband des Kehldeckels, die beiden Taschenbänder lauch die falschen oder obern Stimmbänder genannt) und die beiden (wahren oder untern) Stimmbänder. Der von den Taschen⸗ und Stimmbändern begrenzte und nach hinten von den Stellknorpeln abgeschlossene Raum ist der mittlere Kehlkopfraum. Zwischen je einem Taschen⸗ und einem Stimmband befindet sich auf jeder Seite des mittlern Kehlkopfraums eine Aushöhlung, der sog. Morgagnische Ventrikel. Die Taschenbänder (Üügamenta thyreo-arytaenoidea), welche nach unten den obern Kehlkopfraum begrenzen, entspringen in der Centralgrube dicht nebeneinander und ziehen als Wülste in ziemlich horizontaler Richtung nach hinten zu den Stellknorpeln. Die Stimmbänder (ligamenta glottidis s. vocalia) entspringen etwas tiefer als die Taschenbänder, verlaufen parallel mit diesen letztern und setzen sich je eins am Stimmfortsatz der Stellknorpel an. Die Stimmritze (glottis s. rima glottidis) ist derienige Raum, welcher von den Stimmbändern, den Stimmfortsätzen, den Stellknorpeln, insoweit sich diese an der Kehlkopfhöhle beteiligen, und den die Stellknorpel verbindenden Weichteilen (hintere Glottiswand) begrenzt wird. Die vordern zwei Drittel der Stimmritze nennt man die häutige, das hintere Drittel jener die knorpelige Stimmritzenabteilung. Beim tiefen Atmen zeigt die Stimmritze die Gestalt einer länglich-rundlichen, nach vorn spitz auslaufenden Offnung. Beim Tonangeben dagegen nähern sich die Spitzen der Stimmfortsätze und berühren sich die Stimmbänder bei Brusttönen in ihrer ganzen Länge, wobei jedoch die knorpelige Stimmritzenabteilung noch einigermaßen geöffnet bleiben kann; beim Falsetton, beim Schreien und beim leisen Sprechen ist jedesmal die Gestalt der Stimmritze eine andere, im ganzen in der häutigen Abteilung eine langovale, während die knorpeligen Abteilungen der Stimmbänder einander berühren. Den verschiedenen Bewegungen der Kehlkopfknorpel und der Stimmbänder dienen mehrere Muskeln, welche sich an jene ansetzen, resp. von diesen entspringen. Alle Teile des Innenraums des K. sind mit einer gefäß⸗, nerven⸗ und drüsenreichen Schleimhaut ausgekleidet, welche, mit Ausnahme der Stimmbänder, ein geschichtetes Flimmeroberhäutchen besitzt. „Das menschliche Stimmorgan ist eine Art Blasinstrument, und zwar ein sog. Zungeninstrument, einigermaßen vergleichbar mit dem Fagott oder der Oboe, auf welchen der Ton durch Schwingungen der freien Ränder zweier zusammengefügter Rohrblättchen sog. Zungen) erzeugt wird. Unser Stimmorgan, als ein solches Blasinstrument betrachtet, zerfällt in das Windrohr, das Mundstück und das Ansatzrohr. Das Windrohr stellt die Luftröhre dar, durch welche die eingeatmete Luft während des Ausatmens entweicht, um in dem der Luftröhre aufsitzenden K. (dem Mundstück) durch die in Schwingungen versetzten Stimmbänder zum Tönen gebracht zu werden. Der so erzeugte Ton wird in der Schlund⸗, Mund⸗ und Nasenhöhle, welche drei Höhlen zusammen das Ansatzrohr darstellen, zum Klang⸗, Vokal-oder Nasenlaut umgebildet. Dieses Ansatzrohr erleidet durch die Zusammenziehung seiner Muskeln räumliche Abänderungen, und dadurch entstehen beim Durchstreichen der tönenden oder nichttönenden Luftsäule die Sprachlaute. Da das Stimmorgan des weiblichen Geschlechts kleiner als das des männlichen ist, so ist auch die Stimmlage der Frau eine höhere als die des Mannes. (S. Stim me.) Beim Schlingen wird der K. zunächst gehoben. während der Kehldeckel sich hierbei über den Kehlkopfeingang hinweglagert, gleitet der Bissen über den Zungenrücken in die hinter dem K. gelegene Speiseröhre; hierauf senkt sich der K. wieder und der Kehldeckel richtet sich wieder aufwärts. In das eigentliche Kehlkopfinnere gelangt so beim Schlingakt kein Teil des Verschluckten; nur bei dem sog. Verschlucken, wenn etwas in die aunrechte Kehlekommt, wie der Laie sich auszudrücken pflegt, gelangt ein Teil des Geschluckten in die Kehlkopfhöhle und bewirkt sofort einen heftigen Hustenanfall, welcher das fälschlich in den obern oder mittlern Kehlkopfraum Gelangte wieder nach außen hinausbefördert. Kalte oder mit Rauch oder Staub geschwängerte Luft, reizende Gasarten, Schleim, aus den Lungen in den K. gelangt, reizen gleichfalls die Schleimhaut und die in dieser verlaufenden Nerven des K. und erregen mehr oder minder heftigen Husten. Unter den Krankheiten des Kehlkopfes, für deren Erforschung und Behandlung die Untersuchung mit dem Kehlkopfspiegel (s. d.) von der größten Wichtigkeit ist, kommen am häufigsten vor: 1) Der Kehlkopfkatarrh (Laryngitis), bei welchem die Schleimhaut des K. in größerer oder geringerer Ausdehnung verschwollen, blutreicher und entzündet ist. Seine Haupterscheinungen sind ein fortwährendes Brennen und Kitzeln im Halse, eine heisere, belegte und klanglose Stimme, öfterer kurzer bellender Husten und ein anfangs dünnflüssiger, später zäher schleimig-eiteriger Auswurf. Nimmt der Kehlkopfkatarrh einen chronischen Verlauf, so besteht andauernde Heiserkeit und Stimmlosigkeit, große Trockenheit in der Kehle, periodischer Krampfhusten und erschwerte Atmung, wozu sich nicht selten Geschwüre und polypöse Wucherungen auf der Kehlkopfschleimhaut gesellen. Die Ursachen des Kehlkopfkatarrhs bestehen am häufigsten im Einatmen kalter, staubiger oder rauchiger Luft, in Erkältungen der äußern Haut, insbesondere des Halses und der Füße, sowie in übermäßigen Anstrengungen des Stimmorgans (anhaltendes Sprechen, Singen, Schreien und Kommandieren); auch Excesse im Essen und Trinken, namentlich der Mißbrauch von Spirituosen, begünstigen die Entstehung von Kehlkopfkatarrhen. Die Behandlung erfordert in frischen Fällen vollkommene Schonung des Stimmorgans (Vermeidung des Sprechens, Singens und Rauchens), Aufenthalt in warmer, gleichmäßiger, reiner Luft, den Genuß warmer schleimiger Getränke und öftere Einatmungen von warmen Dämpfen und fein zerstäubter Kochsalzlösung; in veralteten und hartnäckigen Fällen ist eine sachkundige örtliche Behandlung der erkrankten Kehlkopfschleimhaut (durch Pinselungen, Atzungen, Einatmungen u. dgl.) meist ganz unerläßlich. 2) Die kruppöse und diphtheritische Kehlhevitis. s. unter Krupp und Diphtheritis. 3) Die Kehlkopfschwindsucht, Kehlkopftuberkulose, Luftröhren-oder Halsschwindsucht (Phthisis laryngea s. trachealis), die Verschwärung und Zerstörung des K. durch mehr oder minder umfängliche tuberkulöse Geschwüre in der Kehlkopf⸗ und Luftröhrenschleimhaut, tritt niemals, wie so viele Laien irrtümlich fürchten, als mißt, sind unter C aufzusuchen. selbständige, für sich bestehende Krankheit auf, sondern wird immer nur bei solchen Menschen beobachtet, deren Lungen schon in umfänglichem Maße von tuberkulösen Geschwüren zerstört sind. Hinsichtlich ihrer Behandlung gilt ganz dasselbe wie von derjenigen der Lungenschwindsucht (s. d.). 4) Das Kehlkopf-oder Glottisödém (s. d.). oder gestielte Geschwülste, welche auf den Stimmbändern oder deren nächster Umgebung sitzen und Heiserkeit oder vollständige Stimmlosigkeit, bisweilen auch durch Verengerung der Stimmritze Atemnot und plötzliche I ein peruhln erzeugen. Ihre häufigste Ursache ist ein vernachlässigter und verschleppter Kehlkopfkatarrh. Sie sind nur vermittelst des Kehlkopfspiegels zu erkennen und werden unter der Leitung des letztern am besten vermittelst der galvanokaustischen Schneideschlinge oder vermittelst W oder pincettenartiger Instrumente von der Mundhohle aus entfernt. 6) Der Stimmritzenkrampf (Spasmus glottidis, Laryngismus stridulus), die krampfhafte Zu-Uammemihun der kleinen Kehlkopfmus keln, welche die Stimmritze verschließen, kommt fast nur bei Kindern in den ersten Lebens sjahren, insbesondere bei zahnenden und künstlich aufgefütterten Kindern vor 7 äußert sich in periodischen, bald häufiger, bald seltener auftretenden Anfällen von Erstickungsnot, wobei die Kinder eine plötzliche gewaltsame Unterbrechung oder estecken bleibeno), blau im Gesicht werden, die höchste Angst nn Unruhe zeigen und angestrengte Bewegungen machen, um zu atmen; Husten, Heiserkeit und Fieber fehlen dabei gänzlich (og. Asthma der Kinder). Die Behandlung besteht während des Anfalls im Aufrichten des Kindes, kräftigem Reiben des Rückens mit Essig oder kaltem Wasser, kalten Bespritzungen des Gesichts und Klystieren von Seife nwasser, Kamillen-oder Baldrianthee; die Hauptsache aber besteht in einer wöglichs zweckmäßigen Ernährung des Kindes, ohne welche eine Heilung des Stimmritzenkrampfes nicht möglich ist. (S. Auffütterung.) 7) Die Stimmbandlähmung (Paralysis glottidis), die teilweise oder vollständige Lähmung eines oder beider Stimmbänder, mit schweren Sprachstörungen verbunden, entsteht am häufigsten durch anhaltende Überanstrengungen des K., nach schweren Erkältungen, sowie durch den Druck von Geschwülsten auf die den K. versorgenden Nervenäste, kann nur vermittelst des Kehlkopfspiegels (aus der Unbeweglichkeit und abnormen Stellung der Stimmbänder) erkannt werden und erfordertzu ihrer Heilung außer einer sehr sorgfältigen Schonung des Sprachorgans die Anwendung des galvanischen Stroms auf die gelähmten Kehlkopfmuskeln.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 213Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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