FeedStimme
TierreichBrockhaus 1882

Stimme (vox) bezeichnet im physiol. Sinne den Inbegriff der Töne, welche im tierischen Organismus beim Durchgange eines kräftigen Luftstroms durch den Kehlkopf willkürlich erzeugt werden. Es sind daher Lungen, Luftröhre, Kehlkopf, Mund- und Nasenhöhle, sowie die Mitwirkung der Stimmnerven durch den Willen notwendige Erfordernisse zur Hervorbringung derselben, und nur Säugetiere und Bögel mit wenigen Ausnahmen und einige Amphibien besitzen eine S., während die von manchen andern Tieren, z. B. Grillen, hervorgebrachten Töne so wenig wie die beim Husten, Schluchzen, Röcheln u. s. w. gehörten Geräusche Anspruch auf diese Benennung haben. Geschaffen wird die S. in der Stimmritze, einer im Kehlkopfe durch die untern oder wahren Stimmbänder (ligamenta glottidis) gebildeten länglichen Spalte, indem diese Bänder von der ausgestoßenen Luft, wie Zungen in den sog. Zungenpfeifen, in Schwingungen versetzt werden. Die oberhalb des Kehlkopfes gelegenen Teile, namentlich die Mundhöhle, dienen als Schallraum und bewirken in ihrer verschiedenen Stellung die Klangfarbe des Tons. Die Stärke des Tons wird durch die Stärke des Luftstroms, die Höhe desselben durch die Länge und Spannung der Stimmbänder bestimmt. Daher haben Frauen und Kinder mit kürzern Stimmbändern eine höhere S. als Männer. Der übergang der hohen Kinderstimme in die klangvollere und tiefere S. des Erwachsenen (Stimmwechsel, Mutation) findet während der Zeit der Pubertät statt. (S. Kehlkopf.) Die S. dient teils zur (lauten) Sprache, teils zum Gesange, teils zu dem weniger als diese beiden artikulierten und modulierten Geschrei. (S. Sprachorgane.) Krankhafte Affektionen des Kehlkopfes und der übrigen Stimmorgane haben auch fast immer Veränderungen der S. zur Folge. Abweichungen von der Regelmäßigkeit der S. nennt man Stimmfehler (kakophonis oder paraphonia), gänzlichen Mangel derselben Stimmlosigkeit (aphonia). Die letztere beruht meist auf einer Lähmung der die Stimmbänder spannenden Muskeln und ihrer Nerven (Stimmbandlähmung), welche nach übermäßigen Anstrengungen der S., bei chronischem Kehlkopfkatarrh, nach starken Gemütsaffekten, bei Hysterie und andern schweren Nervenkrankheiten entsteht und nur durch die methodische Anwendung der Elektricität geheilt wird. Zu den Stimmfehlern kann man die hohe S. bei Kastraten und Männern, deren Geschlechtsteile überhaupt in der Entwickelung zurückgeblieben sind, sowie die tiefe S. bei sog. Mannweibern bei übrigens ganz gesundem Körper rechnen. Zu den Untersuchungen des Stimmorgans dient vorzüglich der Kehlkopfspiegel (s. d.). Vgl. Merkel, «Anatomie und Physiologie der menschlichen S.„ (Lpz. 1857); Meyer, «Stimm⸗ und Sprachbildung v (Berl. 1870); Mandl, «Gesundheitslehre der S. (Braunschw. 1876); WAufl. 3 (Lehre von den Tonempfindungen » (4. Aufl., Braunschw. 1877). In der Gesangsmusik bezeichnet S. die Fähigkeit, musikalische Töne hervorzubringen und zu verbinden, sowie auch die eigentümliche Beschaffenheit der Töne selbst. Die Güte der S. beruht vorzüglich auf der Gesundheit und Kraft der Stimmorgane und äußert sich durch Stärke, Deutlichkeit und Betimmtheit, Reinheit, Leichtigkeit, Dauer, Gleichheit, ohlklang und Fülle der Töne. In Hinsicht der Höhe und Tiefe, des Umfangs und der damit verbundenen Stärke, Weichheit, Fülle und Klarheit nimmt man vier Hauptgattungen der S. (die man auch die vier S. nennt) an, nämlich Sopran oder Diskant (Cantus), Alt, Tenor und Baß. Die erste nennt man Oberstimme, auch Hauptstimme, weil sie jetzt in der Regel die Melodie hat; die letztere ist die eigentliche Grundstimme, auf deren Tönen die Accorde hen die zwei mittlern heißen Mittelstimmen. Früher war der Tenor (s. d.) die Hauptstimme, woher auch sein Name stammt, und Alt (s. d.) bedeutet soviel wie hoher Tenor. In der kontrapunktisch-mehrstimmigen Kunstmusik gibt es keine Haupt⸗ oder Nebenstimmen, weil alle S. von gleicher Bedeutung sind. In jeder menschlichen S. unterscheidet man Stimmarten oder Stimmregister. Sie ist nämlich Bruststimme und Kopfstimme. Die Töne der erstern werden durch gleichmäßige Verengerung, die der letztern durch teilweise Verschließung der Stimmritze hervorgebracht. Die tiefe männliche S. gebraucht fast nur das Brustregister. Die weiblichen S. sind von Natur Diskantstimmen oder Altstimmen, die Knabenstimmen dem Tone nach gewöhnlich Altstimmen, wenn sie auch den Umfang des hohen Diskant haben. Beim Übertritte des Knaben in das Jünglingsalter verändert sich die S. und geht aus Diskant oder Alt in Tenor und Baß oder eine Zwischengattung über. Aber durch Castrieren oder Verschneiden während der Kindheit bleibt die S. stehen und erhält daneben männliche Fülle und Kraft, wodurch die S. der Castraten (s. d.) entsteht. Das Verhältnis der vier Singstimmen —. man auch auf die übrige Musik übertragen und spricht von vierstimmigem Satze, sowie bei den Instrumenten von Diskant⸗, Mittel- und Grundstimme je nach der Tonhöhe derselben. Desgleichen nennt man jeden einer Singstimme oder einem Instrumente übertragenen Anteil an einem Tonstück S. oder Partie, sei es nun Begleitung oder Hauptstimme. Die Besetzung der Partien durch mehrere Singstimmen oder Instrumente derselben Art bewirkt den Unterschied der Solostimmen und Ripien⸗ oder Füllstimmen. Die Litteratur über die S. in physiologischer wie in gesanglichtheoretischer Beziehung ist sehr bedeutend. Vgl. Mandl, «Die Gesundheitslehre der S. in Sprache und Gesango (Braunschw. 1876).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 243Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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