FeedSingvögel
TierreichBrockhaus 1882

Singvögel (Oscines) sind wie die Schreivögel (s. d.) eine und zwar sehr zahlreiche Unterordnung der Sperlingsvögel (s. d.), die durch eine ganz besondere Entwickelung der Luftröhre an der Stelle, wo sich dieselbe gabelt, und die man den untern Kehlkopf (Syrinx) nennt, ausgezeichnet ist. An diesem Syrinx haben die untern Ringe der eigentlichen Luftröhre und die obern der Bronchien eine Umbildung erfahren, indem sie zu Plättchen, Spangen u. s. w. umgestaltet wurden, welche durch 5—6 Muskelpaare gegeneinander bewegt werden können und die sich, im Verein mit zwischen ihnen befindlichen Membranen jederseits eine Art untere Stimmritze bildend, durch willkürlichen Einfluß der Muskeln bald einander nähern, bald voneinander entfernen können und so dem jederseits aus den Lungen kommenden Luftstrom einen verschiedenen Widerstand bieten, der die Verschiedenheit und Aufeinanderfolge der Töne des Vogelgesangs bedingt. Der Gesang ist fast immer nur dem männlichen Geschlecht eigen und als ein Produkt der geschlechtlichen Zuchtwahl aufzufassen; merkwürdig ist es, daß sich die anatom. Verhältnisse des untern Kehlkopfs der Weibchen (3.B. der Nachtigall) auch bei den genauesten Untersuchungen weder qualitativ noch quantitativ von denen der Männchen unterscheidet, wie es denn auch eine ganze Reihe von Vögeln (z. B. Raben) gibt, die auch im männlichen Geschlecht bei einem dem Bau nach allen Anforderungen auf Gesang genügenden Syrinx, doch nicht singen, und andererseits solche, die, ohne einen derartigen Apparat zu besitzen und ohne zur Ordnung der S. zu gehören, doch einen und oft sehr melodischen Gesang haben. Der Schnabel der S. ist zwar je nach der Lebensweise sehr verschieden gebaut, immer aber mit einer bis zur Wurzel hornigen Scheide versehen; Handschwingen finden sich nie unter neun, bisweilen sind es zehn. Die Systematik der S. ist äußerst schwierig und zur Zeit noch sehr unklar und verworren; man hat die ganze Unterordnung in eine große Anzahl von Familien von sehr verschiedenem Werte aufgelöst. Einer zwar ältern und nicht natürlichen, aber übersichtlichen und bequemen Einteilung nach zerfallen die S. in sechs Gruppen: 1)Zahnschnäbler (Dentirostres), Schnabel an der Spitze hakenförmig übergreifend, an den Mundwinkeln mit Borstenfedern; hierher gehören unter andern die Würger (J. d., z. B. der Neuntöter, Lanius collurio, Tafel: Singvögel 1, Fig. 18) und die Fliegenschnäpper (s. d., 3. B. der gefleckte und der Halsbandfliegenschnäpper, Muscicapa grisola und albicollis, Taf. I, Fig. 16 und 17). 2) Pfriemenschnäbler (ubulirostres), Schnabel an der Spitze nicht übergebogen, pfriemenförmig, In⸗ , teilweise auch Beerenfresser. Am bekanntesten aus dieser Gruppe sind die Bachstelzen (s. d., Hrt die weiße Bachstelze, Motacilla alba, Taf. I, zig. 5), die Drosseln (I. d., mit der Amsel (s. d., Purdus merula], Taf. II, Fig. Y, die echten Sänger (Sylviidae), schlanke Vögel mit 10 Steuerfedern, einem an der Spitze seitlich, an der Wurzel von oben nach unten zusammengedrückten Schnabel, die sich hauptsächlich von Insekten, doch auch von Beeren ernähren. Zu ihnen gehört die Nachtigall (s. d., Sylvia luscinia oder Luscinia lusciola, Taf. II, Fig. 8), das Rotkehlchen (Sylvia rubecula, Taf. I, Fig. 6), das Gartenrotschwänzchen (Ruticilla phoenicurus, Taf. I, Fig. 7) und das safranköpfige Goldhähnchen (Regulus cristatus, Taf. I, Fig. 15); weiter gehören noch zu den Pfriemschnäblern die Zaunkönige mit dem europ. Zaunkönig (s. d., Troglodytes parvulus, Taf. I, Fig. 14) und viele andere mehr. 3) Kegelschnäbler (Conirostres). Der kräftige harte Schnabel ist kegelförmig: sie leben hauptsächlich, aber nicht ausschließlich von Vegetabilien. Zu ihnen rechnet man die Meisen (s. d. Paridae, Taf. I, Fig. 9 — 13), von denen in Deutschland häufig sind: die Blaumeise (Parus caeruleus, Fig. 9), die Kohlmeise (Parus major, Fig. 10), seltener die Sumpfmeise (Parus palustris, Fig. 11), die Haubenmeise (Parus cristatus, Fig. 12), die Tannenmeise (Parus ater, Fig. 13) und sehr häufig die aberrant gebaute Spechtmeise (s. d., Sitta caesia, Taf. I, Fig. 8); die Lerchen (s. d., Alaudidae), mit der Haubenlerche (Klauda cristata, Taf. I. Fig. 3) und der Feldlerche (Klauda arvensis, Fig. 4); weiter die große Familie der Finken (Fringillidae), mit der Unterfamilie der Ammern (s. d., Emberizinae), zu der die Goldammer (Emberiza citrinella, Taf. I, Fig. 1) und die Schneeammer Electrophanes nivalis, Taf. I, Fig. 2) gehört; derjenigen der eigentlichen Finken (s. d. Fringillinae, Taf. II, Fig. 3— 7). Hierher der Kreuzschnabel (Loxia curvirostra, Fig. 3), der Rotgimpel (Pyrrhula vulgaris, Fig. 4), der Kernbeißer (Coccothraustes vulgaris, Fig. 59 der Buchfink (Pringilla coelebs, Fig. 6) und der Girlitz (Serinus hortulanus, Fig. 7);, die Webervögel (s. d., Ploceidae), zu denen die Paradieswitwe (Vidua paradisea, Taf. II, Fig. 1) und der Bartfink (Amadina fasciata, Taf. II, Fig. 2) gerechnet werden. Auch der Seidenschwanz (s. d., Bombi⸗- cilla garrula Taf. I, Fig. 19) wird der Gruppe der Kegelschnäbler zugezählt. 4) Rabenvögel (Coraces), mit starkem, fast geradem, verlängert kegelförmigem Schnabel, mit kräftigen Wandelbeinen. Zu ihnen gehören die Pirole (z. B der Kirschpirol, Oriolus galbula, Taf. II Fig 13) die Stare (s. d.P mit unserm gewöhnlichen Star (Sturnus vulgaris, Fig. 14), die Paradiesvögel (s. d., z. B. Paradisea apoda, Fig. 15), der Eichel. Haen (Garrulus glandarius, Fig. 16), der Nußäher Nucifraga caryocatactes Fig. 17) die Elster PPica caudata, Fig. 18), der Kolkrabe (Corvus corax, Fig. 19) und viele andere mehr 0 Dünnschnäbler (Tenuirostres) mit dännem Baumle scharf zugespitztem Schnabel, denen der aumläufer (f. d.), der Mauerläufer ckichodroma Welt au⸗ 12 11) und die den Tropen der alte elt angehörenden Honigsauger (z. B. der E scheidun 8 näbler (Fissirostres), bilden, nach Aus-Schwalben mit kurzem, flachem, an der Basis verbreitertem Schnabel, spitzen, langen Flügeln und Gabelschwanz; die in Deutschland häusigste Art ist die Rauchschwalbe (Hirundo rustica, Fig. 12). S. werden oft aus Liebhaberei in der Gefangenschaft gehalten; über ihre Zucht und Abwartung existiert eine reiche Litteratur, aus welcher hervorzuheben sind: Brehm, «Handbuch für Liebhaber der Stubenvögel (Ilmenau 1832); Bechstein, «Naturgeschichte der Stubenvögel (4. Aufl., Halle 1840); Ruß, (Handbuch für Vogelliebhabero (2 Bde., Hannov. 1872 —78); A. und K. Müller, «Deutschlands Säugetiere und Vögelo (Kassel 1886).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 839Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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