Kleinrussen, slaw. Volksstamm im südl. Rußland. Die ungefähre Nordgrenze des kleinruss. Sprachgebiets gegen das Weißrussische und Großrussische wird gebildet durch eine Linie von Bialystok bis an die Mündung der Pripet in den Dnjepr, von da bis Saratow an der Wolga; die Westgrenze gegen das Polnische durch eine ungefähre Linie von Bialystok nach Lublin, von da über Jaroslaw nach Sandee in Galizien; die Südgrenze gegen das Slowakische und Magyarische durch eine Linie von Sandec über Unghvär nach Szöllös und an die obere Theiß, gegen das Rumänische durch eine Linie von da nach Czernowitz, von hier nach Chotin, endlich durch den Lauf des Dnjestr. Von K. sind also außer dem eigentlichen Kleinrußland bewohnt: der südöstl. Winkel des Königreichs Polen, die Gouvernements Grodno (südl. Teil), Minsk (südl. Teil), Volhynien, Podolien, Cherson, Kursk (zum Teil), Jekaterinoslaw, der südl. Teil von Woronesch, außerdem der westl. Teil der Provinz des Donschen Heeres und der Landstrich am Asowschen Meere zwischen dem Kuban und der Mündung des Don. Dazu kommen größere kleinruss. Enklaven im Gouvernement Saratow und selbst jenseit des Ural, während wieder das östlich von Charkow liegende kleinruss. Sprachgebiet stark von großruss. Ansiedelungen durchsetzt ist. Innerhalb des österr. Kaiserstaats bewohnen die K. (hier meist Ruthenen genannt) den östl. Teil Galiziens und in Ungarn den östl. Teil der Karpaten. Die Zahl der K. in Rußland wird auf 14200000, die der österr. Ruthenen auf 3100000 angegeben. Die K. fühlen sich als einen von den Großrussen verschiedenen Stamm und sind stark unterschieden von diesen durch Sitte, Lebensweise und Lebensanschauung, namentlich aber durch die Sprache. Vom sprachwissenschaftlichen Gesichtspunkte betrachtet bilden zwar Großrussisch (mit Weißrussisch) und Kleinrussisch innerhalb der slaw. Sprachfamilie eine besondere, untereinander eng verwandte Gruppe, innerhalb diesen darf aber das Kleinrussische als eine besondere Sprache betrachtet werden und bildet keineswegs einen Dialekt des Russischen, wenn man unter dieser Bezeichnung, wie gewöhnlich, das Großrussische versteht. Durchgehende charakteristische Unterschiede sind z. B., daß das Kleinrussische h statt g einsetzt, z. B. großrussisch gorod (Stadt), kleinrussisch horod, und i statt s gebraucht, z. B. großrussisch gröch (Sünde), kleinrussisch hrich. Das Kleinrussische zerfällt selbst in eine Anzahl Dialekte. Als hauptsächliche Dialektgruppen, die wieder in Untermundarten geteilt sind, werden unterschieden: 1) Die rotrussische (ruthenische) im westl. Teil von Podolien und Volhynien, in Galizien und Ungarn; 2) die süd-kleinrussische (ukrainische) in den Gouvernements Charkow, Jekaterinoslaw, Kiew, in den südöstl. Teilen von Volhynien, Podolien, Tschernigow, in Cherson, Woronesh, Kursk, am Asowschen und Schwarzen Meere; 3) die nord-kleinrussische (Mundart von Polesje) in den Gouvernements Grodno, Minsk, im östl. Teil Volhyniens, im nördl. Teil von Kiew und Tschernigow. (Vgl. Ogonowski, «Studien auf dem Gebiete der ruthenischen Sprachev, Lemb. 1880.) Die beste Grammatik des Kleinrussischen ist: M. Osadia, 4Gramatika ruskoho jazykan (3. Aufl., Lemb. 1876); ein größeres kleinruss.⸗deutsches Wörterbuch lieferte C. Zelechowski (Lemb. 1882).