Kleinrussische Litteratur. Nachdem in Rußland durch Einführung des Christentums unter Wladimir (972—1015) ein litterarisches, zunächst kirchlichen Zwecken dienendes Leben begonnen hatte, war der Mittelpunkt desselben das in dem später als kleinrussisch bezeichneten Sprachgebiete gelegene Kiew. Die hier gepflegte kirchliche und die sich anschließende profane (Chroniken⸗) Litteratur ist aber nicht als eine spezifisch kleinrussische zu nen, da sie in der überhaupt in alter Zeit in Rußland allein als Schriftsprache angewandten kirchenslaw. Sprache geschrieben ist (ein Charakter, den die im Laufe der Zeit häufiger werdenden Beimischungen klein⸗ oder südruss. Spracheigentümlichkeiten nicht aufheben) und in ihrem innern Wesen von den litterarischen Erzeugnissen anderer Gegenden Rußlands nicht verschieden ist. Das geistige Leben Klein⸗ oder Südrußlands, mit dem Weiß- oder Westrußland stets eng verbunden war, erhielt indes durch die politische Trennung von Nordrußland allmählich eine andere Richtung. Seit Anfang des 14. Jahrh. hatte die Eroberung Kleinrußlands (Kiews) durch Litauen begonnen, und nach der Vereinigung Litauens mit Polen unter den Jagellonen (1386) trat Kleinrußland in diese Verbindung mit ein. Dadurch entstand eine Berührung mit der westeurop. Kultur, namentlich in der Rivalität der beiden großen Kirchengemeinschaften, der römisch-katholischen in Polen, der griechisch-katholischen in den weiß- und kleinruss. Dependenzen Polens, während das moskauische Rußland (Großrußland) sich noch jahrhundertelang von Westeuropa abschloß. Die Periode der Verbindung mit Polen (bis 1686) ist ziemlich reich an Litteraturprodukten, namentlich seit Anfang des 16. Jahrh., wo die Strömungen der Renaissance und der Reformation über Polen auch Kleinrußland berührten. Es gehören in diese Zeit Bibelübersetzungen für das Volk, die mißt, sind unter C aufzusuchen. sich, wenn auch durchaus nicht unabhängig von kirchenslaw. Sprache, doch mehr dem Dialekt des Volks anschließen wollten (so namentlich die des Franz Skoryna, gedruckt 1517—19), dazu andere kirchliche Litteratur. Zur Ausbreitung der Bildung und Beförderung dieser Litteratur trugen vor allem die zahlreichen kirchlichen Laienbrüderschaften (in Kiew, Ostrog, Lemberg, Minsk und andern Orten) 1 Stiftung von Schulen bei. Auch war die Zahl der Druckereien verhältnismäßig beträchtlich. Die Notwendigkeit der Polemik gegen die röm. Kirche und deren Streben nach Gewinnung der Kleinrussen machte der griech.⸗kath. Geistlichkeit zugleich die Aneignung der Gelehrsamkeit und des scholastischen Rüstzeugs der röm. Kirche zur Notwendigkeit. Daher gründete der Metropolit Peter Mohyla (Mogila) 1632 zu Kiew das sog. Kollegium nach dem Vorbilde der krakauer Akademie mit lateinischer Vortragssprache. Diese Bestrebungen wirkten wieder auf die kirchliche Litteratur zurück, und jenes Kollegium erzeugte auch die von den Schülern aufgeführte Schulkomödie biblischen Pohalts (Verfasser solcher Stücke sind Simeon Polockij, 1628 — 82, und Demetrius Rostowskij, 1651 — 1709). Allein auch derartige gelehrt⸗ oder populär-kirchliche Werke hielten sich wesentlich in der gebräuchlichen Form der kirchenslaw. Sprache, und konnten sowohl deshalb wie nach ihrem Inhalt nicht in weitere Kreise dringen oder volkstümlich werden. Cher gilt dies von der histor. Litteratur, die sich an den nationalen Aufschwung Kleinrußlands durch das Kosakentum und seinen Kampf mit Polen anschloß. Nennenswert sind hier die Darstellungen der Kämpfe Chmelnickis durch einen Anonymus des 17. Jahrh. (er nennt sich Samowidec, d. h. Augenzeuge), Gregor Hrabjankas und Samuel Weliczkos aus dem Anfang des 18. Jahrh., sowie die Chronik von Leontius Bobolinskij (1699), eine große Kompilation älterer und neuerer Werke. Die Sprache dieser Bücher ist weit volkstümlicher, wenn auch immer noch ein Gemisch von Kirchenslawisch und Volkssprache. Eine selbständige litterarische Thätigkeit der Kleinrussen hörte nach der Vereinigung mit Großrußland im 17. Jahrh. völlig auf, teils waren die Verhältnisse an sich der Entwickelung nicht günstig, teils wurde die Tendenz zu einer Sonderentwickelung der kleinruss. Sprache und Litteratur von seiten der Regierung gehemmt oder unterdrückt. Erst mit dem Wiedererwachen des nationalen Bewußtseins der slaw. Völker, der sog. slawischen Renaissance, vom Ende des 18. Jahrh. an, tritt wieder eine kleinruss. Litteratur auf, und zwar jetzt bewußter⸗ und beabsichtigterweise in der Volkssprache. Da durch die Teilungen Polens die Kleinrussen politisch getrennt wurden, teils an Rußland, teils an Osterreich fielen, bildeten sich zwei Zweige dieser Litteratur aus, einer in Südrußland (nach dem Hauptlande gewöhnlich die ukrainische genannt), der andere in Galizien (die Litteratur der Ruthenen). Der Begründer der ukrain. Litteratur ist IJwan Kotlarewskij (1769 —1838), der Verfasser der «Travestierten Aneis» und der Dramen Ma⸗- talka Poltawka (Natalie von Polkowa) und (Moskal bariwnyko (Der Soldat als Zauberero), in welchen Werken er die Volkssprache rein anzuwenden suchte und damit das Muster für die neue volkstümliche Schriftsprache gab. Unter seinen Nachfolgern ist hervorragend Gregor Kwitka (s. d., pseudonym Osnowjanenko), namentlich durch seinen Roman «Marusjas, ferner Eugenie Markowicz (pseudonym Marko Wowezok) als Erzählerin. Der bedeutendste ukrain. Dichter aber ist Taras Szewezenko (Schewtschenko, 1814-61), vor allem als Lyriker. Seine Blütezeit liegt vor 1847, wo er als politisch verdächtig mit Einstellung als gemeiner Soldat und Verbannung bestraft wurde (bis 1857). (Ausgabe seiner Werke: T. G. Seveenko, Kobzarv, Prag 1876 u. öfter.) Unter den neuern ukrain. Schriftstellern seien noch als hervorragende erwähnt: Nikol. Kostomarow, der indes seine zahlreichen, die Geschichte Kleinrußlands betreffenden Werke in großruss. Sprache schrieb, und Pantalemon Kulisz (Kulisch, geb. 1819) als Verfasser von novellenartigen Erzählungen und Romanen, Bibelübersetzer (zusammen mit Puljuj), Historiker. Seit dem Jahre 1876 ist die ukrain. Litteratur von der russ. Regierung aus Furcht vor Sonderbestrebungen der Kleinrussen völlig durch besondere Verbote unterdrückt; doch werden seitdem ihre Interessen von kleinruss. Emigranten, besonders Dragomanow (s. d.) in Genf, eifrig vertreten. In Galizien, wo die Ruthenen gegen die Unterdrückung durch die Polen zu kämpfen haben, wo außerdem zwei Richtungen, die eine den Anschluß an die großruss. Litteratur erstrebend und in großruss. Sprache schreibend, die andere eine selbständige Litteratur in kleinruss. Sprache verlangend, einander gegenüberstanden, kam es zu keiner gedeihlichen Entwickelung. Als Begründer einer eigentlich ruthen. Litteratur in Galizien gilt Marcian Szaszkewicz (Schaschkewitsch, 181143), dessen Gedichte in dem Almanach Rusalka Dnistrovaja (Ofen 1837) erschienen. Die Bewegung des Jahres 1848 brachte auch eine größere geistige und damit litterarische Regsamkeit der Ruthenen hervor (namentlich auch durch Jakob Holowackij vertreten), Zeitungen und Zeitschriften gaben einer Reihe von Schriftstellern Gelegenheit zu Publikationen in ruthen. Sprache. Als der bedeutendste Dichter darf wohl der 1834 in der Bukowina geborene Joseph Fedkowicz gelten, der zugleich ein vortrefflicher Erzähler ist (die Gedichte erschienen unter dem Titel «Poezii Josifa Fedkovia, Lemb. 1862, Kolomea 1867; die Erzählungen «Povisti Osipa F.v, Kiew 1876). Besondere Beachtung verdient die reiche und unter der Volkslitteratur der slaw. Stämme durch ihren poetischen Gehalt hervorragende Volkspoesie der Kleinrussen. Die Volkslieder zerfallen im ganzen und großen in historische (dumy), meist auf die Heldenzeit des Stammes, das Kosakentum und seine Kärnpse bezüglich und von starker und eigentümlicher lyrischer Färbung, und in die zahlreichen. mehr im eigentlichen Sinne lyrischen Lieder (Festlieder, Liebeslieder u. s. w.). Als größere Sammlungen seien erwähnt: die von Maksimovié (1827, 1834, 1836, 1849), von Waclaw z Oleska (Lemb. 1833), von Zegota Pauli (Piesni ludu ruskiego wGalicyiv, 2 Tle., Lemb. 1839—40), von Holovackij (&Narodnyja pësni galickoj i ugorskoj Rusiv, 4 Tle., Mosk. 1878), von Antonovié und Dragomanow (&Istoriseskija pösni maloruskago narodap, 2 Tle., Kiew 1874). Die Märchen sind gesammelt von Rudkenko (Narodnyja juknorusskija skazkio, 2 Tle., Kiew 1869—70). Zahlreiche Beiträge aus der Volkslitteratur enthalten auch die Publikationen der ethnogr. ⸗statist. Expedition im mißt, sind unter C aufzusuchen. südwestl. Rußland. Vgl. über die kleinruss. Litteratur und Volkspoesie Pypin und Spasovié, «Geschichte der slaw. Litteraturenb (Bd. 1, Lpz. 1880).