FeedKnochen (ossa)
HeilkundeBrockhaus 1882

Knochen (ossa), die festesten Teile des tierischen und menschlichen Körpers, welche als Gerüst für die weichen Teile desselben, als Befestigungspunkte der meisten Muskeln und als passive Bewegungsorgane dienen und zum Teil auch zartere innere Gebilde schützend umgeben. Ihrer Gestalt nach teilt man die K. ein in lange oder Röhrenknochen, wie die meisten K. der Extremitäten, welche aus einem kompakten, im Innern die Markhöhle und das Knochenmark enthaltenden-Mittelstück (eigentliche Röhre oder Diaphyse) und zwei kurzen, mit überknorpelten Gelenkflächen versehenen Endstücken (Epiphysen oder Apophysen) bestehen; in platte oder breite Knochen, welche meist aus zwei Lagen fester Substanz, zwischen denen eine der Dicke des K. nach verschieden starke Schicht schwammigen Knochengewebes (sog. Diplos) sich findet, bestehen, wie die Schulterblätter, die meisten Kopf⸗, Gesichts⸗ und Beckenknochen; endlich in dicke, kurze oder gemischte Knochen, welche von sehr verschiedener, meist unregelmäßig würfeliger Gestalt sind, wie die Wirbel, die Hand⸗ und Fußwurzelknochen. Verbunden sind die K. untereinander entweder beweglich durch die Gelenkbänder (s. Gelenk), oder unbeweglich durch Nähte (gezackte, ineinander greifende Knochenränder), wie die Kopfknochen, oder durch feste Bandmassen. (S. Bänder und Tafel: „Die Bänder des Menschenv.) Das Ganze der K. zusammengenommen nennt man Knochensystem, und es enthält dasselbe mit Einschluß der 32 Zähne 245 K. Von den einzelnen Körperteilen enthalten der Kopf 28, der Rumpf 53, die obern Gliedmaßen je 34, die untern je 32 Knochen. Sie genau zu beschreiben ist Aufgabe der Knochenlehre oder Osteologie, welche einen wichtigen Teil der deskriptiven Anatomie (s. d.) bildet. Die Gesamtheit der von den Weichteilen befreiten K. heißt das Gerippe oder Skelett, an welchem man, vorausgesetzt, daß es einem regelmäßig gebauten Menschen angehörte, eine vollkommene Symmetrie wahrnimmt, und zwar so, daß alle K., die nicht in der Mittellinie des Körpers liegen, paarig und auf beiden Seiten gleich gebildet sind. Bei einem Erwachsenen von mittlerer Größe besitzt das Skelett im vollkommen ausgetrockneten Zustande durchschnittlich ein Gewicht von 5 kg. Die Gestalt der einzelnen K. hängt so innig mit dem Bau und der Thätigkeit des ganzen Körpers zusammen, daß der Kundige aus der Form des K. erkennt, welcher Klasse das Tier angehört und wie es im übrigen beschaffen ist. Nicht alle Tiere besitzen K., sondern nur die Wirbeltiere, und auch diese nicht alle, sofern als das Skelett der Knorpelfische nicht aus K., sondern aus Knorpel besteht. Die wirbellosen Tiere haben entweder eine mehr oder minder harte Haut (Krebse u. s. w.), oder sind ganz weich. Die organische Grundsubstanz der K. besteht aus dem sog. Knochenknorpel, einer knorpelähnlichen, biegsamen und elastischen organischen Substanz, welche mit unlöslichem, phosphorsaurem Kalk (Knochenerde) auf das innigste durchtränkt ist. Dieser Einlagerung der Knochenerde verdankt der K. seine Festigkeit, Härte und Schwere; entzieht man dem K. die Salze durch mißt, sind unter C aufzusuchen. Säuren, so hinterbleibt in der ursprünglichen Form des K. der elastische, biegsame Knorpel, welchen man weiterhin leicht durch Kochen in Leim umwandeln kann. Jeder K. ist an seiner Oberfläche mit einer außerordentlich festen, fibrösen, der Knochenoberfläche überall innig anliegenden Haut, der Bein⸗ oder Knochenhaut (periosteum), überzogen, von welcher aus die Ernährung, das Wachstum in die Dicke, sowie die meisten Erkrankungen der K. ausgehen. Das Längenwachstum der Röhrenknochen erfolgt von den Endstücken derselben, den sog. Epiphysen aus, von deren Knorpelscheiben bis zur Vollendung des Knochenwachstums beständig Knochenmasse neu gebildet und an die Enden des Mittelstücks angesetzt wird, wodurch das letztere immer länger wird. Beim Neugeborenen besteht der K. noch größtenteils aus Knorpel (s. d.), welcher sich nur allmählich durch Ablagerung von Kalksalzen in Knochengewebe umwandelt. Das Innere der K., sowohl die Höhlen der Röhrenknochen als die spongiöse (schwammige) Substanz der kurzen und glatten K., ist mit einer weichen, rötlichen oder gelben, fettreichen Masse, dem Knochenmark, erfüllt, welches nicht bloß als Schutz- und Fixierungsmittel der in den K. eintretenden Blutgefäße, sondern auch als Bildungsstätte der weißen Blutkörperchen dient (s. unter Blut, Bd. III, S. 198d) und bei allen entzündlichen Affektionen der K. eine wichtige Rolle spielt. Hinsichtlich seiner feinern mikroskopischen Struktur unterscheidet man am Knochengewebe eine gelbliche, konzentrisch geschichtete, mit Kalksalzen imprägnierte Grund⸗ oder Intercellularsubstanz, welche von zahlreichen feinsten Gefäßkanälchen, den sog. Haversischen Kanälchen (entdeckt von dem engl. Anatomen Havers im 17. Jahrh.), nach allen Richtungen durchzogen ist, und zahlreiche kleinste, sternförmige, durch zarte Ausläufer miteinander verbundene Zellen, die sog. Knochenzellen, welche in ganz regelmäßiger Anordnung in der Grundsubstanz eingebettet sind und die Ernährung des Knochengewebes vermitteln. Für die Technik haben die K., besonders die der größern Säugetiere, durch ihre Verwendung in zahlreichen mechanischen und chemischen Gewerben Bedeutung. Durch Auskochen oder Ausdämpfen wird aus denselben das Knochenfett, Knochenöl oder Klauenfett gewonnen, das, durch Umschmelzen und Filtrieren gereinigt, seiner Dünnflüssigkeit wegen als Schmieröl für Uhren, Maschinenteile u. 6. w. vorzüglich brauchbar ist. Die entfetteten und gebleichten K. werden zu allerlei Drechslerwaren verarbeitet (s. Knochenbearbeitung), während die sich hierbei ergebenden Rückstände, sowie die zur Verarbeitung nicht geeigneten K. zu Knochenmehl (s. d.) vermahlen werden. Die durch Auskochen der K. mittels gespannter Wasserdämpfe gewonnene knorpelige Substanz bildet das Rohmaterial für die Fabrikation des Leims (s. d.). Die Knochenasche (verbrannte Knochen) benutzt man in der Glasfabrikation zur Erzeugung des Milchglases (Beinglas, Knochenglas), ferner zur Erzeugung weißer Glasuren, als Gemengeteil zur Herstellung von Muffeln und Treibherden, als Polier⸗ und Putzmittel, als I . zur Gewinnung der Phosphorsäure und des Phosphors und als Düngmittel. über weitere Verwendungsarten der K. s. Beinschwarz und Knochenkohle.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 370Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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