FeedKöniginhofer
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Königinhofer Handschrift (Rukopis Kralodvorsky) nennt man das Bruchstück einer altböhm. poetischen Kunstlitteratur, welches in der Stadt Königinhof in Böhmen 1817 von Hanka (s. d.) aufgefunden wurde. Kapitelüberschriften kennzeichnen die Pergamentblättchen als den Überrest einer weit größern Sammlung epischer und lyrischer Gedichte; von letztern enthalten die Blätten acht, von erstern sechs Proben. Der Charakter der Schrift sowie die Formen der Sprache gehören der Zeit um 1300 an. Der Urtext der Königinhofer Handschrift wurde von Hanka seit 1819 im bloßen Abdrucke wiederholt herausgegeben, und zugleich veranlaßte man übersetzungen in die meisten europ. Sprachen. Die landläufige deutsche übersetzung stammt von W. A. Swohoda, zugleich dem Verfasser des histor.⸗kritischen Vorberichts zur Ausgabe von 1829. Im Anschluß an diese mangelhafte Übersetzung hat Goethe von einem der Lieder unter dem Titel (Das Sträußchenp eine treffliche Bearbeitung geliefert. Eine andere übersetzung des Ganzen veröffentlichte 1845 Graf Thun mit einer Einleitung von Schafarik. Die kurzen lyrischen Gedichte entsprechen dem schlichten Ausdrucke und der elegischen Innigkeit czech. Volkslieder. Von den epischen Dichtungen schildert das Bruchstück Udalrich und Jaromiro die Vertreibung der Polen aus Prag 1004; „Benesch Hermanowo den Kampf dieses Führers gegen einen deutschen Fürsten Namens Otto; «Jaroslawo die Verteidigung des heiligen Berges Hostain bei Olmütz gegen die Tataren 1241 durch einen Helden dieses Namens. «Ludischa und Luboro beschreibt ein Kampfspiel am Hofe eines böhm. Teilfürsten im Osten, und 4Cestmir und Wlaslawo ist dem sagenhaften Kampfe des Czechenfürsten Neklan von Prag mit dem saazer Fürsten der Luékanen gewidmet. Der „Zabojo aber greift in die Zeit zurück, wo die heidnischen Böhmen sich gegen die Christianisierung und Unterdrückung durch einen fremden Kral (König) erheben und dessen Feldherrn Ludiek (Ludwig) vertreiben. An die Auffindung dieser Handschrift knüpft sich zu einem großen Teil die Wiederbelebung der böhm. Litteratur im ersten Viertel des 19. Jahrh. Zeit und Ort der Auffindung wie die anomale Form der Gedichte, zum Teil auch der Sprache, hatten frühzeitig Mißtrauen gegen die Echtheit des Manufkripts erweckt, und das fast gleichzeitige rät⸗ — Auftauchen der sog. Grünberger Handchrift (s. d.) war nicht geeignet, die Bedenken zu zerstreuen. Dazu kam, daß zwei spätere prager Funde: „Das Minnelied König Wenzelso und Das Lied unter dem Wyschehrado, als wirkliche Fälschungen erkannt und als solche auch allseitig anerkannt wurden. Offen entbrannte aber der Streit, als die Echtheit der Königinhofer Handschrift im Nov. 1858 im «Tagesboten für Böhmeno einen anonymen publizistischen, 1859 in von Sybels „Histor. Zeitschrifte einen wissenschaftlichen Angriff von Büdinger (Wien 1859) erfuhr. Beiden entgegnete Franz Palackh, und es folgten nun eine Reihe von Streitschriften gegen und für die Echtheit, unter denen insbesondere hervorzuheben sind die von Feifalik (Über die Königinhofer Handschrifto, Wien 1860) und Jirecek (Die Echtheit der Königinhofer Handschrift v, Prag 1862). Erneuert hat sich der Streit, als Petruszewicz in Lemberg 1878 Dobrowstys Ansicht, daß die Grünberger Handschrift unecht sei, wieder aufnahm. Ihm stimmte Sembera bei (Libusin Soud jest podvyrzeno, Wien 1879), und als Vasek die Grünberger und die Königinhofer Handschrift für Fälschungen Hankas erklärte (KEilologicky dukazy, Brünn 1879), glaubte Sembera in W. A. Swoboda und W. Hanka die Dichter der Königinhofer Handschrift gefunden zu haben (Kdo sepsal Rukopis Kralodvorskyv, Wien 1880); dagegen hielten J. Jiretek (im &Casopis Ceského Museump, 1878) und V. Brandl (4Obrana Libusina Souduy, Brünn 1879; (Uvaha o spise Filologicky dükazo im Casopis Matice Moravské, 1880) die Echtheit beider Handschriften aufrecht. Die Polemik ist noch nicht zum Abschluß gelangt. Ein Verzeichnis der ältern Ausgaben und Litteratur über die Königinhofer Handschrift ist in J. (Prag 1875) gegeben; neuere Ausgaben sind von J. Jiretek und Fr. Vymazal (1879).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 466Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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