Kontrapunkt bezeichnet in der Musik den strengsten und gelehrtesten Teil der Komposition; die Wissenschaft desselben führt in den Mittelpunkt der musikalischen Gestaltung ein. Mit dem Auftreten des K. nahm das, was man musikalische Komposition nennt, eigentlich erst seinen Anfang; die älteste Zeit bezeichnete denn auch mit diesem Worte die gesamte Komposition, insofern sie darunter die harmonische Zusammensetzung oder die Kunst verstand, mißt, sind unter E auszusuchen. mehrere Stimmen nach den Gesetzen des Wohlklangs zu vereinigen. Die Noten wurden damals durch Punkte (Köpfe ohne Stiele) angegeben; wenn nun zu einer hingeschriebenen Stimme noch eine oder mehrere andere gesetzt wurden, um mit derselben gleichzeitig gesungen zu werden, so mußte man weitere Reihen von Punkten unter oder über die erste setzen. Diese Punkte kamen damit also einander gegenüberzustehen, ein Punkt gegen den andern, punctum contra punctum: und von dieser Schreibweise hat das Verfahren den Namen K. erhalten. In der spätern, nach allen Richtungen ausgebildeten Tonkunst bezeichnet der Name K. nicht mehr die gesamte Komposition, sondern nur denjenigen Teil derselben, welcher die musikalische Harmonie durch Stimmen herstellt, die einander selbständig gegenüberstehen, von denen also nicht die eine Stimme die Melodie führt und die übrigen nur zur Iöottehsainan Füllung dienen, sondern welche melodisch einander so ebenbürtig sind, daß die entstehende Harmonie wirklich als ein Gewebe verschiedener Melodien erscheint. Die beiden Formen, in denen diese Art des K. am vollkommensten zur Geltung kommt, heißen Kanon und Fuge. In der musikalischen Praxis ist der K. zu einer großen Mannigfaltigkeit ausgebildet. Einfacher oder gemein er K. heißt der musikalische Satz, in welchem die Melodie der höhern und tiefern Stimme nicht miteinander vertauscht wird. Können dagegen diese Stimmen miteinander verwechselt und ohne Veränderung ihres Ganges und ohne Verletzung der Harmonie höher oder tiefer gesetzt werden, sodaß z. B. der Gang im Basse, welcher vorher die Diskantstimme bloß begleitete, nunmehr diese Stimme selbst als Melodie bekommt, oder hingegen die vorige Melodie der Diskantstimme mit dem Gange des Basses, welcher vorher zur Begleitung diente, vertauscht wird u. s. w., so wird dies der doppelte oder vielfache K. genannt. Weil es bei dem doppelten K. demnach hauptsächlich auf die Versetzung der einen Stimme in ein anderes Intervall ankommt, so gibt es ebenso viele verschiedene Gattungen des K., als Intervallen zu einer solchen Versetzung der Stimmen vorhanden sind. Man hat daher den doppelten K. in der Sekunde oder None, in der Terze oder Decime, in der Quinte oder Duodecime, in der Oktave oder Decima quinta u. s. w. Die Anfänge der kontrapunktischen Schreibart lassen sich nicht nachweisen; man kann ihre Spuren bis ins frühe Mittelalter verfolgen, und im 12. Jahrh. hatte sie bereits eine ziemliche Ausbildung erlangt. Seine erste Glanzperiode erlebte der K. im 15. und 16. Jahrh. durch die großen Kirchenkomponisten, von denen zuerst die Niederländer und sodann die Italiener alle übrigen Nationen überragten. Später thaten es die Deutschen den andern Völkern zuvor, namentlich als Fugenkomponisten. Weil der K. in einer Kunst besteht, deren Verständnis und übung unserer Zeit zum guten Teile abhanden gekommen ist, so stammen auch die gediegensten Lehrbücher desselben aus den frühern Musikperioden. Die hesten Werke über den K. schrieben Fux (1725), Marpurg (1753), Paolucci (1765), Martini (177⁴4) und Cherubini (18209).