Kriebelkrankheit oder Kornstaupe (Ergotismus, Morbus cerealis, früher auch unrichtig Raphania genannt), eine infolge von längerm Genuß des Mutterkorns (s. d.) entstehende, in der Regel epidemisch auftretende Krankheit, welche je nach der Menge des genossenen Mutterkorns in zwei verschiedenen Formen auftritt: als konvulsivische und als brandige. Die konvulsivische oder eigentliche Kriebelkrankheit, auch Mutterkornkrampf oder Krampfsucht genannt (Ergotismus convulsivus s. spasmodicus), gibt sich durch Kopfschmerzen, Schwindel, Ohrensausen. Mattigkeit und durch ein sehr charakteristisches Kriebeln in der Haut zu erkennen, welches auf einer eigentümlichen Erregung der sensiblen Hautnerven beruht. Außerdem stellen sich Taubheit, Gefühllosigkeit, schmerzhaftes Zucken der Zunge, Übelleit, Erbrechen und Durchfälle ein. In diesem Stadium der Krankheit kann vollständige Genesung erfolgen, wenn dem weitern Genuß des Mutterkorns rechtzeitig vorgebeugt wird. Bei fortgesetzter Vergiftung dagegen folgen heftiger Durst und Heißhunger, schmerzhaftes Ziehen im Rücken, ja sogar quälende, lange anhaltende Gliederkrämpfe, Blindheit, epileptische Anfälle, Tobsucht und Blödsinn, bis schließlich (in schweren Fällen nach wenigen Tagen, in andern erst nach vier bis acht Wochen) der Tod dem schweren Leiden ein Ende macht. Die brandige Form des Ergotismus, der sog. Mutterkornbrand, die Brandseuche oder das Antoniusfeuer(Ergotismus gangraenosus) et nt mit Eingenommenheit des Kopfes, Schwindel, Betäubung, Krämpfen, Diarrhöe, Erbrechen und endet mit Brandigwerden einzelner Glieder, die erst anschwellen und sich rotlaufartig entzünden, dann kalt werden und zuletzt entweder zu einer schwarzen hornartigen Masse zusammentrocknen oder, nachdem sich zuvor auf der Haut mit blutiger Jauche erfüllte Blasen gebildet haben, in eine penetrant stinkende schmierige Masse verwandeln. Amputationen können oft den Kranken retten; bei raschem Umsich-Peifen des Brandes tritt aber unvermeidlich der Tod durch Pyämie oder Eitervergiftung des Blutes ein. Diese furchtbare Form der K. ist wiederholt in größern mörderischen Epidemien aufgetreten; so 1709—16 in der Schweiz, 1710 in Italien, 1747 in der Sologne in Frankreich und anderwärts. Die Ursache der K. ist immer der Genuß von Brot, welches aus unreinem, mit viel Mutterkorn (. d.) vermischtem Getreide gebacken ist, daher die idemie gewöhnlich nach Zeiten und in Landstrichen wsfa in denen durch widrige Naturereignisse Mißwachs hervorgebracht worden. Der Name Ergotismus stammt von dem franz. Namen des Mutterkorns (Ergot); Raphania nannte man früher die Krankheit, weil man fälschlich glaubte, daß dieselbe durch eine Vermischung des Getreides mit dem Samen des Hederichs (Raphanus Raphanistrum) erzeugt würde. Bezüglich der Behandlung ist vor allen Dingen der fernere Genuß des verdorbenen Brotes zu verhüten und das noch im Darmkanal vorhandene Gift durch Brechmittel und Abführmittel zu entfernen; daneben erweisen sich gute kräftige Nahrung, Reizmittel und warme Bäder nützlich. Vgl. Heusinger, Studien über den Ergotismusv (Marb. 1856).