FeedKurzsichtigkeit (Myopie, grch.)
TierreichBrockhaus 1882

Kurzsichtigkeit (Myopie, grch.), ist eine fehlerhafte Refraktion des Auges (Ametropie), bei welcher dasselbe im Zustande vollständiger Accommodationsruhe (das entspannte Auge) nur divergent auffallende Strahlenbündel auf der percipierenden Netzhautschicht vereinigt, parallele Strahlenbündel sich dagegen schon vor der Netzhaut schneiden, auf letzterer Zerstreuungskreise bilden und daher keine scharfen, sondern nur verwaschene Bilder geben. Während der Fernpunkt des normalsichtigen (emmetropischen) Auges in der Unendlichkeit liegt, d. h. von dem entspannten Auge nur unendlich weit entfernte Punkte ohne Zerstreuungskreise gesehen werden, liegt der Fernpunkt des myopischen Auges in endlicher Entfernung und zwar desto näher, je stärker die K. ist. Das myopische Auge wird korrigiert, d. h. zu einem emmetropischen gemacht durch Bewaffnungmit demjenigen Konkayglase, dessen Brennweite gleich ist dem Abstande des Fernpunktes vom Auge, das daher den parallel auffallenden Strahlen eine solche Divergenz gibt, als wenn sie aus dem Fernpunkte des Auges kämen. Wenn demnach der Fernpunkt eines myopischen Auges um 10 Zoll abliegt, so ist zur Korrektion ein Glas concav 10 (— 40D der neuen Bezeichnung) erforderlich, und, da man den Grad der Myopie mit dem optischen Werte des Korrektionsglases bezeichnet, so besteht in diesem Falle Myopie ½ (Myopie 4 D). Nach dem Gesagten liegt beim kurzsichtigen Auge die Netzhaut hinter dem Hauptbrennpunkte der brechenden Medien: entweder ist bei normaler Brechkraft die Augenachse zu lang (Achsenmyopie), oder bei normaler Achsenlänge die Brechkraft zu stark (Kefraktionsmyopie), oder endlich, es wirken beide Faktoren zusammen. Die bei weitem häufigste Form ist die Achsenmyopie, die mitunter angeboren ist, meistens jedoch sich allmählich entwickelt, indem die Augenhäute in der Gegend des hintern Augenpols infolge einer angeborenen, oftmals ererbten, oder von entzündlichen Prozessen an der genannten Gegend herrührenden Weichheit und Nachgiebigkeit nach hinten sich ausbuchten (progressive Myopie). Begünstigt wird dieser Vorgang durch anhaltende Beschäftigung mit feinen, nahe gehaltenen Obiekten, namentlich wenn dieselbe durch ungünstige Beleuchtung, den Gebrauch unpassender Brillen oder Insufficienz der innern geraden Augenmuskeln erschwert wird. Daher fällt die Entstehung und Weiterentwickelung der Myopie hauptsächlich in die Zeit vom Beginn der Schuljahre bis etwa zum 25. Lebensjahre, wird mitunter auffällig beschleunigt, wenn in dieser Zeit erschöpfende Krankheiten den Körper befallen. Mit dem Abschlusse des Körperwachstums hört in der Regel der Fortschritt der Myopie auf. Nicht selten geht die Ausdehnung der Augenhäute mit weitern Gewebsstörungen in denselben einher, die das Sehvermögen beeinträchtigen und selbst völlig aufheben können (Blutungen, entzündnliche und atrophische Veränderungen der Aderhaut jeund Netzhaut, Trübungen des Glaskörpers und der Linse, Ablösung der Netzhaut). Andererseits bietet der Langbau des Auges, das von der Kugelform in die Birnform übergeht, ein mechanisches Hindernis ermißt, sind unter C aufzusuchen. bei seinen Bewegungen, namentlich bei den durch die Myopieerforderten starken Konvergenzstellungen, und ruft hierdurch eine Insufficienz der innern geraden Augenmuskeln hervor. Die Refraktionsmyopie hat ihren Grund entweder in einer abnorm starken Wölbung der Hornhaut (s. Keratokonus), oder der Linse, oder in einem Vorrücken der letztern aus ihrer normalen Lage nach vorn, oder endlich in einem Krampfe des Accommodationsmuskels, infolge dessen das Auge beim Fernsehen sich nicht völlig entspannt, sondern in einem dem Nahesehen entsprechenden Zustande verharrt (scheinbare Myopie, Krampfmyopie). Nur die letztere Form ist einer Heilung fähig, sofern es gelingt, durch Atropin-Einträufelungen und nötigenfalls Tenotomie der äußern geraden Augenmuskeln die Spannung des Accommodationsmuskels dauernd zu heben, während die durch Formveränderungen der Hornhaut und Linse bedingten Myopien in der Regel nicht zu beseitigen sind. Ebenso wenig läßt sich an der Achsenmyopie etwas ändern. Hier kann es sich nur um eine Prophylaxe handeln, die der Entstehung und dem Fortschreiten der Myopie in dazu disponierten Augen entgegenwirkt, und in möglichster Schonung des Accommodationsapparats zu bestehen hat. Namentlich ist es die Aufgabe der Schulhygiene, durch Regelung der Arbeitszeit, Beschaffung von genügend hellen Arbeitsräumen, angemessenen Schultischen und Schulbänken, geeigneter Druckschrift u. s. w. in dieser Richtung zu wirken. Korrigiert werden die kurzsichtigen Augen, wie oben erwähnt, durch Konkavgläser. Ob und wann die korrigierenden Gläser, die den Fernpunkt in die Unendlichkeit hinausrücken, oder ob zeitweise oder immer schwächere Konkaygläser getragen werden, oder die Augen unbewaffnet bleiben sollen, wird am besten in jedem Falle dem Augenarzte zu bestimmen überlassen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 703Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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