FeedAlgerien
ErdkundeAfrika Hand-Lexikon 1885

Algerien, Land im nördl. Afrika, zur Zeit die wichtigste von Frankreichs aussereuropäischen Besitzungen. Es bildet den mittlewın Teil der alten „Barbareskenküste* undliegtzwischen der Regentschaft Tunis und dem Kaiserreich Marokko. Im Norden wird es in seiner vollen Länge (etwa 1070 km) vom Mittelmeer bespült. Seine westliche Grenze ist 1845 mit Marokko, seine östliche 1846 mit Tunis vereinbart worden. Die westliche Grenze geht von 4° 36’ westl.L. v. Par. und 35°4'20“ n. Br., etwa 5 km östlich von der Mündung der Muluja, dem Ued Kis entlang, dann südsüdöstlich bis etwa zum Plateau von. Tademait, wo sie sich in der Wüste verliert. Die östliche Grenze geht vom Kap Roux (6° 16° östl. L. v. Par., 36°56' n. Br.), etwa 18 km östl. v. La Calle, in ziemlich direkter Linie 500 km südwärts. Die Südgrenze ist die Wüste; sie ist natürlicherweise nicht bestimmt gezogen; ihre vorgeschobensten Punkte sind: Geryville (400 km von der Mittelmeerküste), Laghuat (456 km), Tuggurt (20 km von der Küste) und Wargla; neuerdings drangen die Franzosen bis El-Golea. Der Gesamtflächenraum von A. beziffert sich annähernd auf540 000 qkm. Hiervon entfallen auf das Kulturgebiet („Tell“) etwa 140000 qkm (14000000 ha). Das Plateauland zwischen dem Tell und der Sahara enthält noch weitere 10—11 Mill. ha kultivierter fruchtbarer Ebenen (z. B. die Metidschah bei Algier, die Ebene am Scheliff, das Hodna, die Ebene von Tlelat, von Eghrisbei Maskaraete.). Gebirge. Die Franzosen unterscheiden, obwohl thatsächliche Verhältnisse hierfür nicht zu Grunde liegen, in A. zwischen dem „Kleinen“ und dem. „Grossen Atlas“. Der „Kleine Atlas‘‘ ist aus den zahlreichen und regellosen Gruppen zusammengesetzt, welche der sich als „Tell“ zum Meere herabsenkende Nordabfall des Plateaulandes zeigt; der „Grosse Atlas“ ist die den Südabhang des Plateaulandes bildende Gebirgskette, welche in kleineren stufenförmigen Bergpartien allmählich in die Sahara übergeht. Die höchsten Spitzen dieses algerischen Gebirges sind: der Djerdjera (zwischen 2308 und 1700 m), der Babor, südlich von Djidjelli (1995 m). Die wichtigsten Flüsse A.s sind, von Westen angefangen: der Kis (Adjerud), bildet die Grenze zwischen A. und Marokko und mündet 6 km östlich von der Muluja; die Tafna, nimmt den west]. Isser auf und mündet gegenüber der Insel Rachgun in Meer; die Makta, durch Zusammen fluss der Habra mit dem Sig gebildet; der Scheliff, welcher von allen Flüssen A.s den längsten Lauf hat und der einzige, dem Plateau und dem Tell gemeinsam gehörige ist; der Mazafran und der Harrach, münden beide in den Mitidjah; der östliche Isser, mündet, nachdem er die Westerenze der Grossen Kabylie gebildet, zwischen Algier und Dellis in das Mittelmeer; der U&d Sebau, entspringt auf dem Djebel Dirah, nimmt den Bu-Sellam auf und mündet 3 km südl. v. Bougie; der U&d El-Kebir, einer der wichtigsten Flüsse A.s, obgleich er nur eine ge ringe Lauflänge hat; die Seybouse, mündet in den Golf von Böne und die Medjerda in ihrem Oberlaufe. Die algerische Sahara hat den nicht unbedeutenden WasserlaufDjedi, der sich aus einer Anzahl von kleineren, sämtlich dem Djebel Amur entrinnenden Bächen bildet und in östlicher Richtung am Fusse des algerischen Plateaulandes entlang läuft, um sich in den Schott el Mele’hir zu verlaufen. Diese Schotts (oder Sebchas), eine Eigentümlichkeit der Algerien durchziehenden östlichen Fortsetzung des Atlas, „sind muldenförmige Einsenkungen, welche zur Regenzeit Salzseeen gleichen, im Sommer aber bis auf kleine Wasserlachen austrocknen und infolge der zurückbleibenden Salzkruste Schneeflächen gleichen“, Ihre Region erstreckt sich bis in die Nähe der Kleinen Syıte. Fast sämtliche Gewässer des Plateaulandes nehmen in die Schotts ihren Abfluss. Die grössten der algerischen Schotts sind: der Schott El-Garbi (an dessen Rand die Grenze Marokkos entlang zieht), der Schott e’Scherai und der Schott Hodna. Eine kleinere Gruppe führt den Namen Shach. A.s Klima hat, da das Land an lichen R der Grenzscheide zwischen demheissen tagelan: und dem gemässigten Himmelsstriche schönen liest, die Eigenschaften beider Zonen: zwische es ist warm, aber im Winter stellt ist selt sich auch heftige Kälte ein und die Eis an Beresipfel überziehen sich mit Schnee- der Hin deeken. ManunterscheidetdreiJahres-- entwick zeiten: den Winter (vom November und Up bis Februar), den Frühling (vom März seinen bis Juni) und den Sommer (vom Juli grosse bis Oktober). Der Winter ist die im Som am Rande der Sahara auch zwischen fieber ı 0% und 45° C. An der Küste ist hand. im Durchschnitt das Minimum der ein hef Temperatur -—- 2° C., der Durch- zont fi schnitt 19° C., das Maximum 40°C. Dunst; Die Stadt Alscier hat eine durch- Wind, schnittliche Jahrestemperatur von folgen. 20,63% ©. (Nizza z. B. nur 25,30°C. ginn de und Madeira selbst nur 18,38% C.). nachgel Die Sommerhitze und die damit ver- Tagem; bundene Dürre ist in A. ungemein die We lästig. Regen fällt während des Som- Blumer mers selten. Die Vegetation erschlafft. litschke Das Arbeiten unter freiem Himmel istfür die Europäer gefährlich; Gallen- Die eit, namentlich sind die Monate r und November die eigenttegenmonate. Der Regen währt g, wechselt wohl auch mit n Tagen. Die Wärme schwankt »n 8% und 21% C. Schneefall en und nur ausnahmsweise ist zutreffen. Im Frühlinge ist nmel völlig klar, die Vegetation xelt sich in ihrer vollen Pracht ppigkeit, der Feldbau nimmt Anfang. Im Juli beginnt die Hitze. Die Wärme schwankt ımer zwischen 15° und 30% C., nelle des Nil. und Dysenterie nehmen über-Im September stellt sich oft ftiger Scirocco ein, der Horiärbt sich mit einem rötlichen 2—3 Tage dauert der heisse worauf gewöhnlich Gewitter In den Oktober fällt der Bees Winters; ohne dass die Hitze lassen hat, wechseln trockene itnassen. Im Dezember prangen iden im saftigen Grün und die nvegetation entfaltet sich (Paue). Flora A,s ist seit der Besitznahme des Landes durch die Franzosen bis weit in die Sahara hinein, wo sie gleichartiger wird, mit Sorgfalt untersucht worden, vornehmlich 1540—44 durch die Kommission für die wissenschaftliche Erforschung A.s und durch den Botaniker Dr. Cosson („Compendium Floraeatlanticae*,1882 tf.), dem die Hilfe zahlreicher Freunde (Kralik, Letourneux, Rebaud und Warion) zur Seite stand und der auch Eingeborene (Ammeribt, Mardochai Abi Serur)in fördersamer Weisezu floristischen Ausflügen heranzuziehen verstand. Cosson unterscheidet (nach Druse, „Pet. Mitth.“ 1882, S. 147 ff.) vier floristische Gebiete in A., welche Gliederung durch die doppelte Kette der von Westen mit nördl. Abzweigung nach Osten ziehenden Berge bewirkt wird. Die zusammenhängende nördliche Kette scheidet das Gebiet der Mittelmeerflora von dem daran stossenden der Hochflächen, welches seinerseits, abgesehen von der Saharavegetation an den Rändern der grössern Schotts, bis zu der südl. Kette sich erstreckt, von deren Südabhang an das Saharagebiet unumschränkt sich ausdehnt. Die „Montanvegetation“ findet sich vertreten besonders in zahlreichen höheren Bergstöcken der Provinz Constantine und dem östl. Teile der Provinz Algier und breitet sich in der Regel nur auf 1000 m überragenden Bergen aus. Ihr Charakterbaum ist der Cedrus Libani, var. Atlantica (auf der Nordkette von 1200 m an, auf der Südkette meist erst von 1400 m an bis zu den grössten Höhen aufsteigend). An wenigen Stellen, vor allen am Babor, gesellt sich die majestätische, wälderbildende Tanne Abies Pinsapo var. Baboriensis zu der Ceder, am Djebel Edurh und bei Kollo eine Kiefer (Pinus Pinaster); 2 Wacholdersträucher (Juniperus thurifera und J. nana), und die gewöhnl. Eiche (Taxus baccata) vervollständigen die Liste von Montannadelhölzern. Eine Eiche Quercus Pseudosuber, welche zwischen den Arten mit abfälligem und immer. grünem Laube die Mitte hält, zwei auch in Südeuropa häufige Ahomarten (Acer obtusifolium und Mon spessulanum), sehr selten auch unsere Espe (Populus tremula), die Süsskirsche (Prunus avium), auch die Ulme und Erle (Ulmus campestris Alnus glutinosa) bilden den Zentral: europäern sehr vertraute Waldungen, in die sich aber auch an seltenen Stellen Mandelbaum und Kastanie mischen, beide in anscheinend durchaus wildem Zustande. Die Gebüsche werden hauptsächlich von dem weit in Europa verbreiteten Hülsenstrauch (lex aquifolium), von Berberitzen, Buxbaum, Kreuzdorn (Rhamnus pina), Sorbus-, Lonicera- und Ribes Arten gebildet. Die Vegetation der Küstenzone des „Tell“ entspricht genau den korre spondierenden Ländern Südeuropas: der in Constantine liegende Teil eı-' innert hauptsächlich an Sardinien, Süd italien, auch Sizilien und Malta; der algerische mehr an die Flora der Balearen, der Provence und des nord östlichen Spaniens; der in Oran lie gende Teil mehr an das südl. und süd-östl. Spanien. Das Hochflächengebiet ist in deı Provinzen Oran und Algier durch deu nördl. Gebirgszug scharf von dem Mittelmeergebiet geschieden, da sieh die Bergkette fast überall wie eine Mauer erhebt; eine weniger schark Trennung herrscht in der Provin Constantine, weil dort durch die stark verzweigten Bergzüge eine lokale Untermischung von Berg-, Mittelmeer und Hochflächen-Flora gestaltet ist Diese letztere besteht zu */, au europäischen Pflanzen (besonders span. und zugleich oriental.). Die weiten Steppen der Hochflächen, die keine anderen Unebenheiten als die Gewässern (Sahara - Wadis) ausge furchten Schluchten und wellenförmigen Anschwellungen bieten, sind mit grossen Gramineen der Gattung Stipa und hauptsächlich mit dem Halfa- (Alfa-) Grase (Stipa tenacissima) bedeckt, dessen wahre Heimat sie bilden. Die Depressionen werden in der Regel von der auch weit in Spanien verbreiteten, bis zuden Pyramiden vorgedrungenen Artemisia Herba-alba und von Thymus ciliatus eingenommen, Statt derWälder der Mediterranzone heben sich nur grosse Umbelliferen (Ferula und Thapsia) vom Horizonte ab; der Reisende findet nur den Schatten spärlich verstreuter Butum-Biume (Pistacia Atlantica); die Wacholdersträucher der Mediterran- und untern Montanregion (Juniperus Oxycedrus und Phoenicea), in der Provinz Constantine auch die endemische Esche (Fraxinus dimorpha) mischen sieh in der Nähe der Berge unter die Vegetation der Hochflächen. Einige Tamarisken (Tamarix Gallica, Afrvicana) wachsen im Bette der wenigstens im Winter Wasser führenden Schluchten und an den Rändern der An den Südabhängen der südl. Gebirgsmauer beginnt dann die durch die Dattelkultur charakterisierte Sahara-Vegetation, welcheihrerseits nach Süden erst durch die reichere Flora des äquatorialen Afrikas abgeschlossen wird, Der Ackerbau (der 1850 auf nur 320000 ha betrieben wurde, 1881 aber bereits auf 18310775 ha) erzeugt Weizen (1876: 91/, Mill. hl), Roggen (22900 hi), Gerste (15 Mill. hl), Hafer (715 000 hl), Mais (176 000 hl), Hülsenfrüchte (541 000 hl), Sorghum (528 000 hl). Gemüsepflanzen werden in fast sämtlichen südeuropäischen Sorten gezogen: die Kartoffel wird in dem Tell-Lande dreimal geerntet (die Ausfuhr von Gemüsen und Kartoffeln betrug 1862: 9800 000kg). — Nächst den Ackerpflanzen nimmt der Olivenbaum, vornehmlich an der Küste von Constantine, im Lande Tlemssen, in der grossen Kabylie wachsend, die wichtigste Stelle ein; 1871 betrug die Ausfuhr des Öls 4238000 kg (dagegen in dem glänzenden Erntejahre 1869: 10 000000 kg). — Von Feigenbäumen wurden 1860: 353 000 Stück gezählt; der Weinstock erzeugt treffliche Trauben (1859 waren ihm 4374 ha, 1864: 9715, 1867: 12267, 1870: 22055 ha gewonnen); Orangen- und Citronenbäume (die schönsten Haine sind die von Blida, Koleah, Bufarik, Scherschell) erreichen eine Höhe von 30 und mehr Fuss (1867 zählte man in der Prov. Algier 102 000 Orangenbäume, welche 34000 000 Früchte trugen). — Eine nicht minder wichtige Stelle nimmt die Tabakpflanze ein (1872 wurden 5 Mill. kg. Tabak exportiert). Von wilden Tieren haust in A. der Löwe (in den Thalschluchten des Tell und der anstossenden Hochlandsgebiete), der Panther, die Hyäne, der Luchs, die Tigerkatze, der Karakal, Serval, Schakal (Dib), Fuchs, Marder, Eber, das Ichneumon, Wiesel, Stachelschwein, der Hase, das Kaninchen, das Mähnenschaf (Aroui), die Gazelle, der Wildbüffel (Begher-el-Ouähach) u. a. — Der Strauss bewohnt die Sahara und steigt bis auf die Steppen des oranischen Hochlandgebiets. Er wird seit 1897 gezüchtet; die Ausfuhr von Straussenfedern beziffert sich auf etwa 16 Mill. Fr. (1879 wurde durch Pariser Kaufleute eine „Gesellschaft zur Straussenzucht in A. gegründet). — Schlangen sind in der Steppenregion häufige Erscheinungen (bis zu 7 und 8 Fuss Länge). — An den grossen Raubtieren ist besonders die Provinz Constantine reich mit ihren grossen Wäldern; sie ist die Stätte der kühnen Jägerzüge eines Gerard und Chassaing. Von Haustieren besass A. 1867: 7233000 Hämmel, deren Zahl sich infolge mehrerer Trockenjahre, wie auch des grossen Aufstandes (1871) seitdem leider verringert hat (1872: 656 000 Stück, Wollausfuhr 3 300 000 kg). Der Rindviehbestand A.s zählte 1867: 820000 Stück, ist aber ebenfalls zurückgegangen; ferner zählte man: 165000 Pferde, 194000 Esel, 117000 Maultiere und 180000 Kamele. Auch Ziegen sind in grosser Zahl vorhanden. Von Hunden kennt man zwei Arten: den Wächterhund und den Windhund. Der Reichtum A.s an mineralischen Schätzen ist sehr bedeutend: mit Ausnahme von Gold werden alle Arten von Metallen gewonnen, auch lithographische Steine, Granite und Edelsteine; Marmor und Alabaster wird seit alters gebrochen; Ziegelerde, Bausteine, Gips sind in Menge vorhanden. Auch an Mineralquellen (Ihermen-, Schwefel-, Salz- und Eisenbäder) ist A. sehr reich; man kennt ihrer mehr als 100: 46 in der Prov. Algier (Hammam-Meskhutine), 41 in der Prov. Constantine (Hammam-Meluan und Hammam-Righa), 20 in Oran. Einteilung; Bevölkerung. A. ist als französische Besitzung in 3 Provinzenoder Präfekturen (Territoires de commandement) und in 10 Arrondissements od. Unterpräfekturen (mit etwa 170 Gemeinwesen: 50 communes frangaises oder de plein exereice und 15—20 communes mixtes) eingeteilt. Die Provinz Algier umfasst die drei Arrondissements: Algier, Milianah und Tizi-Ouzou; die Provinz Constantine (die grösste) vier Arrondissements: Bona, Constantine, Philippeville und Setif; die Provinz Oran (die kleinste) ebenfalls. vier: Oran, Mascara, Mostaganem und Tlemssen; zusammen 276 734 qkm. — Die Bewohnerschaft dieserd Territoireg de commandement bezifterte sich 1877 auf 1552000 Seelen. Hierzu tritt ein Territoire eivil mit 41999 qkm und 1315000 Einw. An der Spitz der Provinzen stehen Präfekte. Zu‘ Ordnung der arabischen Angelegen. heiten sind die sogenannten bureau arabes eingesetzt. Die Gesamtbevölkerung von 4 wurde 1881 auf 3310412 Seel geschätzt (1872: 2 366 055); 1872) zählte man 245 000 Europäer, davon waren: 130000 Franzosen (mit Ein beziehung der naturalisierten Juden” 164 175); ferner: 71366 Spanier (37658 in Prov. Oran, 30 605 in’ Prov. Alsier, 5003 in Prov. Con. stantine); 18 300 Italiener (15 445 in Constantine); 11502 Malteser (830) in Constantine); 4953 Deutsche (Rl sässer) ete. — Von den 16700° Fremden der 1881er Schätzung waren, 114320 Spanier (hauptsächlich Kata lanen und Balearen), 33 693 Italien (aus Neapel und Sizilien), 1540 Malteser, 4201 Deutsche (Elsässer) ferner Portugiesen, Schweizer, Türken. — Die Europäer nahmen sei der Besitznahme durch die Franzose in folgender Weise zu: 1831: Europ. 3228, davon 600 Franz 1838: „20078 Zi 8034 „ 1846: „ 109 400 „. 41274 1866: „» 218 000 „ 122000 1872: , 248000 ,, 130.000 „ Im Jahre 1881 lebten bereits 233 937 Franzosen in A. Die eingeborene Bevölkerung A,s zerfällt in Berbern (Kabylen) ul Araber. Die Kabylen besassen ur sprünglich das ganze, jetzt als A. bezeichnete Land, von der Seeküste ab bis zu den Oasen der alger. Sahara, Sie sind die Numidier des alten Roms, ein Teil der mächtigen aboriginären Rasse, welche ehedem die ganze bewohnbare Zone Nordafrikas vom Nilthal an bis zum Atlantischen Ozean hinüber besetzt hielt, Gegenwärtig bewohnen die Kabylen vornehmlich die rauhesten Landstriche A.s in den Provinzen Constantine und Algier. Man unterscheidet vier Gruppen derselben; 1) die Gruppe im Inmern der Prov. Constantine, an der tunisischen Grenze zum Djebel Aures bis an seinen südlichen Abfall nach den. Sandsteppen hin; 2) die unter der Bezeichnung Grosse und Kleine Kabylie bekannte Gruppe nordwestlich von der .erstern, in der Mediterranzone, in den Provinzen Constantine und Algier ziemlich gleich verteilt; 3) die Küstengruppe des Dahra-Gebirgsstocks, zwischen Scherschell und Tenes in der westlichen Prov. Algier; 4) die Gruppe der siidlichen Oasen, vornehmlich Msab, Biskrah und Wargla. Die Araber A.s zerfallen,. wie überhaupt im ganzen Nordafrika, in ansässige, die auf dem Lande Viehzucht und Ackerbau, in den Städten Gewerbe treiben, und nomadisierende (Beduinen). Sie bewohnen meist das Tell und die Sahara in zahlreichen Stimmen (Arbaha, Hamjan Scherka, Uled- Bu - Hammu, Schambahat- Bu-Der Maure (teils arabischer, teils mauretanischer, also berberischer Herkunft) ist der sesshafte Eingeborene in den Städten, besonders der Küstenzone. — Die Kulugli (im Aussterben beoriften) sind Mischlinge aus Türken mit Maurinnen. — Die in A. zahlreichen Juden sind als Beamte, Schreiber, Handwerker ete, thätig, und bilden eine Art vermittelnden Bindegliedes zwischen der europäischen und der eingeborenen Bevölkerung. — Die Neger, als Sklaven aus dem Süden nach A. geführt, seit 1848.in Freiheit gesetzt, sind nicht zahlreich; sie bilden die dienende Klasse. Der Handel A.s ist sehr bedeutend. An der Ein- und Ausfuhr sind vorzugsweise Frankreich (?/3), Spanien und England beteiligt. Die Gesamteinfuhrziffer war beispielsweise 1882: 411,9 Mill. Fr., der eine Ausfuhrziffer v. 195 Mill. Fr. gegenüberstand. In den algerischen Häfen (Algier, Oran, Bona, Philippeville sind die wichtigsten) verkehrten im Jahre 1882: 5469 Schiffe mit 1940465 Tonnen (davon 1122607 unter französ. Flagge). Die Getreideausfuhr betrug 1876: 2129000 metr. Zentner. Zur Einfuhr kommen in erster Linie Gewebestoffe, Modeartikel, Spirituosen, Kaffee, Früchte und Öle (aus Spanien), Steinkohlen und Metallwaren (aus England), Cerealien und Fleisch (aus Italien), Bauholz (aus Schweden und Österreich-Ungarn). — Münzen, Masse und Gewichte sind die französischen. Eisenbahnen hat A. seit dem Jahre 1561; im Betrieb standen 1881 neun Linien (ca. 1500 km): Algier-Oran, Philippeville-Constantine, Constantine-Setif; Bona-Gelma, Bona-Ain Mokhra, Bona-Sukharras; Arzeu-Saida, Tlelat-Sidibel Abbas, Maison Carr&e-Coldes Beni Aischa; ihnen werden sich zunächst anschliessen (zum Teil vielleicht bereits erfolgt): Constantine-Biskra, Medea-Laghuat und Saida-Geryville. Zwei grosse Bahnprojekte beschäftigen die Franzosen schonjahrelang: der Ausbau des algerischen Bahnnetzes bis an den Ozean im Westen und die Sahara-Bahn (bis Laghuat, Metlili und El Golea weiter nach dem Süden). Von denselben hat die erstere zunächt die grössere Aussicht ins Leben zu treten. A.s Geschichte greift weit ins Altertum zurück. Herodot und andere Schriftsteller des Altertums geben ausführliche Beschreibungen des Atlasgebiets und seiner berberischen Bevölkerung. Die älteste Periode ist die karthagische, welche bis ıns 11. oder 9. Jahrh. vor der christlichen Zeitrechnung hinaufsteigt und mit dem Jahre 146 v. Chr. endigst. An sie schliesst sich die römische Zeit 575 Jahre, bis zur Eroberung Karthagos durch die Vandalen. Die vandalische Periode dauert 104 Jahre, bis zur Wiedereroberung des Atlaslandes durch Belisar, den Feldherrn Kaisers Justinian. Auf die byzantinische Periode (157 Jahre) folgte die arabische (400 Jahre) bis zum Ausgang der Fatimiden-Herrschaft und zum Beginn der Autonomie der berberischen Ureinwobner, Auf diese 475 Jahre, bis zur Eroberung durch die Türken währende berberische Periode folete die türkische (290 Jahre), auf diese die französische (seit 1830). 146 v. Chr. Der östl. Teil von A. wird röm. Prov. Numidia, der westl. Mauretania Caesariensis. 429 n. Chr. Eroberung A.s durch die Vandalen. 533 Belisar vertreibt die Vandalen. 7. Jahrh. Araber erobern Algier und einverleiben es ihrem Reiche. 935 Gründung der Stadt Algier durch Yussuf Zeiri. 970—984 Abul Futuh Zeivri, Stifter der Dynastie der Zeiriden (erobert Tripoli und Fes). 9383—996 Abulkasem Mansur. 996 --1016 Abu Munad Badis. 1016—1061 Abu Tamin el Moezz. 1061— 1108 Tamim (erobert Tunis, Sus, Kairvan u. Harba). 1108—1115 Yehia. 1115—1121 Ali. 1121 —1148 Hassan; Eroberung Alnde der Dynastie der Zeiriden. 1159 —1260 Algier unter Herrschaft der Almohaden. 1260 Die in Fes residierenden Zianiden 1492 aus Spanien vertriebene Mauren und Juden (20000 Familien) siedeln sich in A. an. 1506 Ferdinand v. Aragonien erobert Oran u. Budschia. 1509 Kardinal Ximenes erobert die Inseln vor Algier. 1516 Horuk und Haireddin Barbarossa, durch den maurischen Emir Selim Eutomi zu Hilfe gerufen, vertreiben die Spanier aus Ä.; Horuk erobert Tunis, Oran und Tlemssen zurück. 1518 Horuk, von Gomarez gefangen, wird hingerichtet, sein Bruder Haireddin zum Sultan ausgerufen, giebt aber A. dem türk. Padıschah zu Lehen und wird türk. Pascha. 1530 Haireddin vertreibt die Spanier von den A. gegenüberliegenden Inseln, die er durch einen Damm mit der Stadt verbindet. 1535 Kaiser Karl V. erobert Tunis; Haireddin geht nach Konstantinopel; sein Sohn Hassan Aga wird Pascha von A. 1541 Kaiser Karls V. Expedition ge. gen A, 1600 der Padischah gestattet dertürk, Miliz, sich selbst einen Anführer (Dey) zu wählen. 1655 der engl. Admiral Blake zerstört die algerische Flotte. 1669/70 Krieg der Briten u. Holländer gegen A. 1682 Ludwig XIV. bekriegt A. (%, Juli Bombardement von Alsier). 1683 (26. u. 27. Juni) Bombardement von Algier durch den franz. Marschall 1694 Frankreich erwirbt d. ausschliessl, Recht der Korallenfischerei bei Oran. 1708 Dey Ibrahim erobert Oran. 1710 Baba-Ali wird vom Padischah mit der ungeteilten Gewalt bekleidet; die türk. Herrschaft nur noch nominell 1732 die Spanier erobern Oran wieder 1785 (4. Juli) 25000 Spanier unter 0' Reilly landen in A., erzielen aber keine Erfolge. 1783 (1. Aug.) Admiral Barcelo bombardiert Algier. 1815 (20. Juni) der nordamerikan. Commodore Decatur schlägt die algen Flotte bei Cartagena und zwingt den Dey Omar Pascha, die nordamerikan. Flagge zu respektieren. 1816 Lord Exmouth unterhandelt in Auftrag der brit. Regierung mit den Barbareskenstaaten wegen Abschaffung .der Sklaverei. Infolge A.s Weigerung beschiesst Exmouth Algier 27. Aug, worauf 28. Aug. alle Sklaven freigegeben werden. 1817 Dey Omar ermordet; Ermeuerung der Konzession, den Korallenfischfang betr, an Frankreich gegen eine Jahressteuer von 200000 Franken. 1826 Freigabe der Korallenfischere durch den Dey an alle Nationen. _ 1827 Beschimpfung des französ. Kon suls Deval durch den Dey; 12. Jun Blockade von Algier. 1830 Kriegserklärung Frankreichs ı Algier; Landung der Franzosen 14. Jun bei Sidi-Ferruch; 5. Juli Einnahme von Algier; 22. Nov. Vorstoss bis Medeah; erste Expedition ins Innere des Landes. 1831 allmähliche Besitznahme der Küstengebiete. 1832 (26. März) Besetzung von Bona. 1833 Abd-el-Kaders erstes Auftreten. Der heilige Krieg wird proklamiert; 3. Juli Besetzung von Arzeu; 29. Septbr. Besetzung von Bougie. 1834 (26. Febr.) Vertragsschluss mit Abd-el Kader, Anerkennung desselben als Emir; 22. Juli: A. wird als „französische Besitzung im Norden von Afrika “ bezeichnet, die Verwaltung einem Generalgouverneur unterstellt. — Abdel-Kader bemächtigtsich Oransu.Titteris. 1835 Juni‘ der Krieg mit Abd-el-Kader bricht von neuem aus. 1836 (Novbr.) erster Streifzug der Franzosen nach Constantine; Niederlage derselben an der Makta. 1837 Marschall Bugeaud schliesst mit Abd-el-Kader den Vertrag von Taina. — 2. Expedition nach Constantine; Einnahme der Stadt am 13. Oktober. 1838 (7. Oktbr.) Gründung von Philippeville. 1839 Abd-el-Kader proklamiert von neuem den Heiligen Krieg. 1841-43 Abd-el-Kader wird aus dem alger. Gebiet gedrängt und flüchtet nach Marokko. 1844 Streifzug nach der Oase Biskrah (4. März Einnahme derselben und Unterwerfung von Zab) 8. Mai: Einnahme von Dellis; im Juni: Kriegserklärung Marokkos; 14. August:. Schlacht von Isly; Sieg des Marschalls Bugeaud; 10. Septbr.: Frieden von Tafna; Abd-el-Kader setzt den Kampf gegen Frankreich und Marokko zugleich fort. 1845 (18. März) Grenzvereinbarung zwischen Marokko und Frankreich; April: Aufstand der Dahra-Kabylen; Expedition gegen die Ksors von Oran; die Franzosen dringen zum ersten male über das Hochflächengebiet hinaus; Mai: Unterwerfung der Stämme im Aures; September: Aufstand aller oranischen Stämme für Abd-el-Kader. 1846 Vereinzelte Kämpfe. 1847 (23. Dezbr.) Abd-el-Kader, aller Hilfsquellen bar, ergiebt sich an den General Lamoriciere. 1852 (4. Dezbr.) Besitznahme von Laghuat. 1856 (Aug.) Aufstand in der Kabylie. 1857 (Mai— Juli) Zweiter Feldzuggegen die Grosse Kabylie unter Marschall Randon; Unterjochung derselben. 1858 (24. Juni) Einsetzung eines Ministeriums für Algerien. 1860 (24. Novbr.) Algerien wird unter direkte Verwaltungeines Feneralgouverneurs gestellt. 1864 Verschiedene Aufstände (besonders der Uled-Sidi-Scheich und der Flittas im oran. Tell). 1870 A. nimmt anı Kriege Frankreichs gegen Deutschland Anteil. 1871 Grosser Aufstand der Araber u. Kabylen in den Prov. Constantine u. Alsier: die Umgegend von Batna, Setil, Scherschell wird verwüstet; Sukharras, Bordj-Bu-Areridj, Dellis u. Fort National werden belagert, Palestro zerstört und die Hälfte seiner Bewohner ermordet; die Aufständischen dringen in die Metidschah ein und vor bis an die Alma, 37 km von Algier. Der Aufstand wird niedergeschlagen. 1872—73 Gründung französ. Kolonien (auch durch Elsässer). 1873 General Chanzy wird mit der obersten Gewall in A. betraut. 1874 Erweiterung des Eisenbahnnetzes. 1879 Alb. Grevy, Zivilgouverneur in A. 1881 Aufstand Bu-Amemas; Verstärkung der militär. Gewalt.

Afrika Hand-Lexikon. Ein Nachschlagebuch für JedermannVon Paul Heichen, Leipzig: Gressner & Schramm 1885 · Bd. 1, S. 119Scan: Staats- und Universitätsbibliothek Bremen · gemeinfrei

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