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ErdkundeAfrika Hand-Lexikon 1885

Atlas, Gebirgssystem Nordwest-Afrikas, nicht eine einheitliche, ohne Unterbrechung fortlaufende Bergkette, sondern eine Aneinanderhäufung von Bergketten,Hochplateausundisolierten Bergmassen. Es erstreckt sich vom Kap Nun bis zum Kap Bon. Am atlantischen Ozean hebt die Hauptkette, der zentrale, die grössten Erhebungen aufweisende Teil des Atlasgebirges, der marokkanische Atlas an, und zieht sich in der Form einer charakteristischen 3) km breitenHauptkette von vielen parallelen Nebenketten, begleitet bis zum Gebirgsknoten des Dschebel Aischin, wo es in ein 80-150 km breites Hochplateau übergeht, das in der Richtung der Hauptkeite gegen Nordosten streicht. Der Nordabfall desselben ist das algierische, mit zahlreichen Salzseeen (Schotts) bedeckte Steppenplateau, das sich weiter gegen Norden indem als ‚‚Tell“ bekannten fruchtbaren Kulturlande zum Meere herabsenkt, der Südabhang geht in kleineren stufenförmigen Bergpartien allmählich in die Sahara über. Die ganze Längenerstreckung des Atlassystems beträgt ungefähr 2300 km, von denen über 1000 km Marokko und nahezu ebensoviel Algier angehören. Den Bewohnern des Gebirges ist der Name „Atlas“ völlig fremd, sie nennen den Hauptkamm desselben „Idrar-n-Deren“. Die Bezeichnungen „hoher“, „kleiner“ und „grosser“ Atlas ist eine unpassende, von den Franzosen in Umlauf gebrachte, da ihr keinerlei thatsächliche. Verhältnisse zu Grunde liegen. Die Hauptkette des Atlassystems, zwei bis vier Gebirgsrücken umfassend, hat eine mittlere Kammhöhe von 1200—1500 m. Sie steigt steil aus dem Özean in einer Höhe von 1300 m auf, senkt sich allmählich wieder bis zu 1000 m Höhe, um bald darauf wieder mächtige anzuwachsen und erreicht in der Provinz Haha eine Höhe von 3050 m. Etwa 100 km vom Kap Ghir entfernt findet sichin den Kammer Pass von Bidauan eingeschnitten, durch welchen die Kommunikation der Hauptstadt Marokko mit Tarudant und den Landschaften am Draa geschieht. Durch diesen Pass ziehen die Karawanen, welche von Marokko durch die Sahara nach Timbuktu, den Haussa- und Senegalländern gehen. Östlich vom Passe Bidauan steigen die Gipfel des Gebirgszuges bis 3500 m an, noch weiter östlich sogar bis 3900 m. In einer Höhe von 2600—3500 m finden sich noch Pässe, welche erstiegen werden müssen, wenn man vom westlichen Marokko nach der Oase Tafilet hinabsteigen will. Einen derselben, den Tisint el Rint, passierte Rohlfs und mass dessen Höhe zu 2589 m. Westlich vom 6.° westl. Länge von Greenwich ist uns der Atlas wenig bekannt. Soviel steht fest, dass auch hier Gipfel bis zu einer Höhe von 8000 m ansteigen. Von dem Gebirgsstockeum den DschebelAischin, der die Wasserscheide zwischen dem Atlantischen, Mittelländischen Meere und dem Saharagebiet bildet, streicht in nordwestlicher Richtung der Dschebel Mastalitha, von diesem ausgehend in der Richtung des Hauptkammes der Dschebel Tamarakuit, über welchen eine über 2500 m hohe Strasse (Megaderpass) von Mekines in das Thal des Muluja führt. Weiter gegen Osten löst sich das Gebirge in das erwähnte System von isolierten Berg. zügen und Hochplateaus auf. Da Abfall des Hauptkammes des Atlas ist nach Norden und Süden steil, Von der Stadt Marokko aus, welche eine Seehöhe vond00m hat, gewährt der mächtige Gebirgszug einen präcltigen Anblick. Gegen Südost vom Dschebel Aischin streicht ein Gebirg. zug, der eine im Süden des Hauptkammesmit diesemparallelstreichende ca. 20U0 m hohe Nebenkette mit dem eigentlichen Atlas verbindet. Diese ist unter dem Namen des „Antiatlas" bekannt und hat lokale berberische Namen. An dem Südabhange „Antiatlas“ sammelt der Draa seine Wässer und führt sie am Rande der marokkanischen Sahara dem Atlantischen Ozean zu. Obgleich die höchsten Gipfel der Hauptkette des Atlas im Winter bis zu einer Höhe von 2400 m mit Schnee 7 bedeckt sind, so reicht doch keiner derselben bis zur Schneegrenze hinaufundschon im Monat Mai erscheinen die höchsten Spitzen schneefrei. Die östliche Fortsetzung des Atlas vom Dschebel Aischin ist ein zwi schen 200 und 80 km breites Hochplateau, dessen Nordrand nicht scharf markiert, dessen Südrand aber durel die Bergzüge Dschebel Amur und Dschebel Aures gekennzeichnet ist. Der landschaftliche Charakter dieses im Mittel 930 m sich erhebenden Hochplateaus ist ungleich. Dasselbe ist im Westen zum grössten Teil eben, rauh, vegetationslos, im Osten dagegen bergig, mit Halfasteppen bedeckt. Eine besondere Eigentümlichkeit desselben bilden muldenförmige Einsenkungen (Schotts), welehe zur Regenzeit Salzseeen gleichen, im Sommer aber bis auf kleine Wasserlachen austrocknen und infolge der zurückbleibenden Salzkruste Schneeflächen ähnlich sehen. In diese Schotts ergiessen sich fast sämtliche Gewässer derHochebene. DieRegion der Schotts zieht sich bis in die Nähe des Golts von Gabes und umfasst sechs grössere und kleinere Salzseeen: den Schott Tigri, Nogheres, el Mehaia, el Garbi, e] Schergi, Sebcha (Hodna) und eine kleinere Gruppe: Sbach. Die nördlichen mit Lokalnamen belegten Randgebirge des Hochplateaus kulminieren m. Dscherdschera-Massiv (2300 m), die südlichen im Dschebel Bu-Derga (1959 m) und im Pik von EI Gada (1800 m). Im Dschebel Aures erheben sich der Scheliah sogar zu 9328 m, der Mahmel zu 2006 m. Östlich vom Dschebel Aures werden die Gipfel immer niedriger. Ihr Nordyand ist meist mit Vegetation bedeckt, während der Südrand derselben entbehrt. Selbst die höheren Bergstufen des Atlassystems tragen Gehölze von immergrünen Eichen, die unteren wilde Ölbäume. Charakteristisch für die Vegetation sind aber besonders die Kakteen. Wenn auch die meisten Flussläufe des Hochplateaus nicht andauernd Wasser führen, so sind sie doch imstande, des „Tell“ (vom Lateinischen tellus = fruchtbare Erde) zu bewiässern und bedingen dessen

Afrika Hand-Lexikon. Ein Nachschlagebuch für JedermannVon Paul Heichen, Leipzig: Gressner & Schramm 1885 · Bd. 1, S. 171Scan: Staats- und Universitätsbibliothek Bremen · gemeinfrei

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