Kafırland, von den Franzosen Cafrevie genannt), Name eines umfangreichen Landgebiets an der östlichen Grenze Südafrikas, südwärts vom Sambesi. Das Wort Kaffer (richtiger Kafr) ist arabischen Ursprungs; es bedeutet „Ungläubiger* und wurde in den ersten Zeiten der Hedjra auf alle Eingeborenen des östlichen Afrika angewandt, welche sieh nicht dem Gesetze des Propheten unterwarfen. Die Portugiesen entlehnten es im 16. Jahrhundert den Arabern und verstanden unter der Bezeichnung „Kaffernland“ das gesamte Afrika, dassich südwärts von ihren Besitzungen am Sambesi und Kongo bis zur Südspitze des Kontinents erstreckte. In der neuern Zeit aber sind. die Bezeichnungen „Kaffer“ und „Kafraria“ wesentlich beschränkt worden; sie gehören nur noch den Völkerschaften des östlichen Südafrika, welche sich von den Kongo- und Mozambique-Negern in physischer Hinsicht nicht minder unterscheiden, als von den das westliche Südafrika bewohnenden Hottentotten. Geographisch versteht man unter der Bezeichnung „Kafraria* das Küstengebiet des südlichen Afrika, welches sich vom untern Sambesi bis zur Östgrenze der englischen Kapkolonie erstreckt und auf der einen Seite vom Kanal von Mozambique umspült, auf der anderen von den dasHochlandbildenden Bergketten umschlossen wird. K. erstreckt sich innerhalb dieser Grenzen von nordöstlicher nach südwestlicher Richtung über 18 Grade (= 2000 km) und hat von Osten nach Westen (zwischen der Küste und dem Gebirge) eine Breite von 200— 250 km. Der Flächenraum von K. kommt also demjenigen des Deutschen Reichs ziemlich gleich. Das eigentliche „Kaffernland * aber („Kafirlandproper“ im englischen Kolonialstil genannt) ist bedeutend kleiner; dessen Nordgrenze wird durch die Delagoa-Bai (im 26. Breitengrade) gebildet. Für die englische Kapkolonie haben die seit 1834 wiederkehrenden Kriege zwischen den Kaffern und den Engländern regelmässig dasselbe Resultat gehabt, das heisst die fortschreitende Annexion des Kafferngebiets an den englischen Besitz. Durch den Frieden von 1835 wurde dem Kaplande das Gebiet zwischen dem grossen Fischfluss und der Keiskamma, durch den‘ Frieden von 1847 das Gebiet zwischen der Keiskamma und dem (das Kapland jetzt vom eigentlichen Kaffernland scheidenden) Kei-Flusse hinzugefügt. Aus dem erstgenannten Gebiete (65 km Küstenlänge) wurden die Distrikte Peddie und Vietoria gebildet. Das zweite (dreimal so- gross als das erste) erhielt die offizielle ae „Britisch-Kafraria* (s. d.). Ausserdem ergriff England 1843 von Natalland Besitz, wödureh esin einen der besten Häfen der afrikanischen Küste gelangt ist; 1874 erwarb Natalland das Gebiet zwischen dem Um-Simkulu (seiner Südgrenze) und dem Um-Tamfuna, und bildete aus ihm den Distrikt Alfredia. 1876 endlich wurden die bisher das eigentliche oder unabhängige Kafternland bildenden Gebiete zwischen Britisch-Kafraria und Natalland unter dem Namen „Transkeian Districts* von England in Besitz genommen mit Ausschluss jedoch des im Norden von Natal, zwischen dem: Transvaal-Freistaat und der portugiesischen Provinz Mozambique, gelegenen, als „Sulu-Land“ begriffenen Gebiets, das einen Flächenraum von etwa 163000 ykm umfasst. Die Engländer beabsichtigen das gesamte Südafrika südlich vom Sambesi in ihren Besitz zu ziehen; deshalb ihr Streit mit Portugal um den Besitz der Delagoa-Bai und die Differenz mit Deutschland über den Besitz der Lucia-Bai, sowie die eifersüchtige Überwachung der Boeren. K. ist im grossen und ganzen ein vortreffliches Land. Der von einer unendlichen Menge von Bächen und Flüssen bewässerte Boden eignet sich in den südlichen Strichen zu allen Kulturen der gemässigten Zonen, nnd je weiter man nach dem Sambesi herauf kommt, zu jenen der tropischen Zone. Der Goldgehalt zahlreicher Wasserläufe bekundet, dass im innern Land reiche, zur Zeit noch unerforschte Goldlager in Menge vorhanden sind. Zur Zeit der arabischen Herrschaft war das unmittelbar südlich vom untern Sambesi gelegene Sofala wegen seines Reichtums an Gold berühmt. Das die Küste beherrschende Gebirge steigt im allgemeinen staffelförmig auf bis zu seinem höchsten Kamme, welcher den Grat des innern Hochlandes bildet, und besteht aus einer bedeutenden, von Südwest nach Nordost streichenden Kette. Die ehemaligen holländischen Kolonisten (Boörs genannt), die noch jetzt im Westen dieses Gebirges. die überwiegende Bevölkerung bilden, und auch im Osten desselben noch sehr zahlreich sind, benennen es gewöhnlich „Draakenberge* (die Eingeborenen „Quathlamba‘). Derhöchste Teil ist im Süden gelegen, wo es bis zu 3000 m aufsteigt und einen grossen Teil des Jahres hindurch mit Schnee bedeckt ist. Das ganze südliche Gebiet des unterhalb der Delagoa-Bai belegenen, dein englischen Einfluss mehr oder weniger unterstehenden K. (ausser Natal und Britisch-Kafraria also Sululand und Katirland proper), ist gegenwärtig vollständig bekannt, grossenteils auch kolonisiert und wird von englischen Missionären planmässig bereist und bearbeitet. Nicht so aber das nördlich von der Delagoa-Bai bis zum Sambesi reichende Gebiet, auf welches Portugal Hoheitsrechte erhebt; was die Karten über dieses Gebiet enthalten, ist noch jetzt kaum mehr als. Zufallsnotiz; sogar die Küste ist noch unvollkommen trassiert. Die wichtigeren der in das Meer mündenden Wasserläufe von K. sind: der Grosse Fischfluss, dessen Unterlauf bis 1835 die Grenze zwischen K. und dem Kaplande bildete; die Keiskamma und der Grosse Kei, bis 1874 die Grenze zwischen. Britisch-Kafraria und Kafırland proper (mündet unter 32950‘ südl. Br. und 26° 2" östl. L.). Von Kei biegt die Küste direkt nach Nordosten ab und nimmt eine grosse Zahl anderer Flüsse auf: die Baschi, Umtata, den ziemlich bedeutenden Um-Simwubo (oderSt.John-River; mündet unter 31° 50°), den Um-Simkulu (30° 45‘), den die Nordgrenze von Natal bildenden Tughela (290 20‘). Um eine Vorstellung von dem übergrossen Wasserreichtum K.s an dieser Küste zn geben, genügt es zu bemerken, dass zwischen dem St. John-River und Port Natal (auf einer Strecke von 230 km) 122 grössere oder kleinere Flüsse münden, die zumeist in prächtigen Kaskaden von den staffelförmigen Bergen herniederfallen. Auch von der Tughela bis zur Delagoa-Bai, und von dieser bis zum Sambesi ist der Wasserreichtum von grosser Bedeutung. Die wichtigeren Mündungen sind: der Umwolosi (in die Santa Lucia-Bai unter 28030 südl. Br.); der Maputa, der Tembe und der Manisse (in die Delagoa-Bai, unter 269); der Inhampura (25°15‘), welcher die Mündung des Limpopo (einer der bedeutendsten Flüsse des Innern) zu sein scheint; der Inhambane (mündet unter 230 34° wenig nördlich vom Kap Correntes); der Sabia (20056°) und' der Busi (19047°), welcher der letzte bemerkenswerte Wasserlauf diesseits des noch 175 km entfernten Sam- ‚besi-Delta ist. Die Mündung der meisten Küstenflüsse ist durch Sandbarren verlegt, welche die Einfahrt für tiefgehende Schiffe - bedeutend erschweren oder ganz unmöglich machen. Die Benennung „Kaffer“ (oder Kafır) ist den Eingeborenen nicht bekannt oder höchstens aus dem Das Land vom grossen Fischfluss, fast von der Algoa-Bai an bis zu dem (circa 100 km) breiten Bassin der Delagoa-Bai wurde, ehe es durch die Engländer in Besitz genommen wurde, ausschliesslich von dem jetzt „Kaffern“ genannten Volke bewohnt. Dasselbe besass keinen Gesamtnamen, sondern war unter den Namen der drei Hauptstämme: Amakossas, Sulus und Fingos bekannt, deren jeder wieder in eine grössere Anzahl von Teilstämmen zerfiel. Diese Dreiteilung stützt sich auf die drei zwar verwandten, aber auch deutlich unterschiedenen Mundarten dieser Hauptstämme. Die Amakossas, deren Gebiet ehemals am Fischfluss seinen Anfang nahm, wohnen jetzt zwischen dem Kei-Fluss und dem Um-Samkama. Auf sie folgen die Sulus (vom Um-Samkama bis in die Gegend der Delagoa-Bai). Die Fingos haben kein so bestimmtes abgegrenztes Gebiet, wie die beiden’anderen Stämme, was jedenfalls in ihrem politischen Verhältnis begründet ist; sie werden nämlich aus uns nicht bekannten Gründen von den beiden anderen Stämmen als unrein verachtet und gewissermassen als Sklaven behandelt. Sie wohnen sowohl südlich von den Amakossas, als nördlich von den Sulus. Die in Britisch-Kafraria und in den annektierten Gebieten zurückgebliebenen Kaffern sind ausnahmslos Fingos, für welche die englische Herrschaft. eine Art von Freiheitsära eröffnet hat. Die ganze Völkerschaft der Kaffern wird auch vielfach unter der Bezeichnung „Ama-Sulu“ begriffen. Über die nördlich von der Delagoa-Bai, in der Richtung des untern Sambesi verbreiteten Völkerschaften der Kaffern-Rasse entbehren wir der Nachrichten. Nach Kapitän Owen’s Mitteilungen hat die Sprache der Eingeborenen an der Küste von der Delagoa-Bai an bis zur Insel Basaruto (21°35‘° südl. Br.) viel Ähnlichkeit mit der Sulusprache. Nach Livingstone scheinen, je näher man dem Sambesi kommt, die nördlicheren Negervölker mit den Kaffernstämmen des Südens in starker Vermischung zu stehen. Die in Südafrika seit vielen Jahren thätigen Missionäre haben festgestellt, dass die in Südafrika, vom Äquator an bis herab zur Südspitze, gesprochenen Mundarten — mit einziger Ausnahme der Hottentottensprache — sämtlich zu einer und derselben Familie (dem Bantu oder Abantu) gehören. Die Kaffern gehören, ihrer dunkeln Hautfarbe sowohl wie ihres Wollhaares wegen, zu den Negervölkern, müssen jedoch ein schöner Menschenschlag genannt werden, mit regelmässigen Zügen und einer kaukasisch geformten Nase („prächtige Wilde“, wie sie Livingstone, „das lebende Abbild der Bronzestatuen des Altertums“, wie sie Oberst Napier nannte). Ihre Hautfarbe ist nicht das Schwarz des richtigen Negers, sondern die als „Florentiner Bronze“ bekannte Nüance des Kupferbraun. Die Kaffern leben hauptsächlich von ihrem Herdenreichtum; sie sind im Grunde ein Hirtenvolk. Bevor sie mit den Kolonisten des Kaplandes und Natals in Berührung traten, bestanden ihre Herden nur aus Rindvieh; jetzt besitzen sie grosse Mengen von Hammeln, Ziegen und Pferden. Was sie vom Boden verlangen, beschränkt sich auf etwas Hirse (Holcus sorghum), von ihnen „amasimba“ genannt, Bohnen und Tabak (der in grosser Beliebtheit bei ihnen steht). Ihre ‚Kleidung ist die denkbar einfachste. Sie besteht bei den Männern aus einer gegerbten Ochsenhaut, die sie um die Schultern befestigen, so dass der ganze Vorderkörper frei bleibt. Die Frauen ergänzen dies Kleidungsstück. durch zwei weitere Felle oder Stoffstücke, welche die Stelle von Kleid und Hemd bei ihnen ersetzen; weiter nördlich, in der Gegend der Delagoa-Bai, tragen die Frauen nur einen schmalen Stoff gürtel um die Hüften. Die Acker. arbeit, sowie auch die Wartung der Herden liegt den Frauen ob. Die Beschäftigung der Männer ist de Krieg und die Jagd. Ihre nationalen Waffen sind: eine lange Lanze, die sie weithin mit grosser Gewalt und Geschicklichkeitschleudern, eine kurze massige Keule zum Kampf in der Nähe und ein gewaltiger Schild, der sie fast völlig deckt. Ihre Hütten zeigen die Bienenkorb-Form, Sie sind sehr primitiv gebaut aus langen, in den Boden gesteckten, durch ein Band am obern Ende zusammengebundenen Zweigen; die Zwischenräume sind mit Laub und Kuhdünger ausgefüllt; die niedrige Öffnung dient zugleich als Thüre, Feuster und Kamin. Ein Dutzend Hütten etwa bildet ein Dorf (umsi). Wie bei allen afrikanischen Völkern, herrscht auch bei den Kaffern Vielweiberei. Jeder Stamm hat seinen erblichen Fürsten, welcher eine unbeschränkte Macht übt; in ihren Kriegen gegen die Engländer gehorchten die Stämme einem Oberheldherrn. Ihre religiösen Begriffe sind die denkbar schlichtesten. Sie haben eine unbestimmte Vorstellung von einem höheren allmächtigen Wesen, das den Himmel lenkt, den Donner und Regen sendet. Aber sie widmen ihm keinen sichtbaren Kultus. Sie haben weder Götzenbilder, noch Fetische. Dagegen besteht auch unter ihnen das Institut des Zauberers, welcher zuweilen Tieropfer bringt. Die Beschneidung üben sie seit undenklichen Zeiten; der Akt gilt ihnen als Übergangspunkt vom Jünglingszum Mannesalter. Seit etwa zwei Jahrzehnten, seitdem die englischen Missionäre unter ihnen wirken, haben die Sitten der Kaffernstimme sich wesentlich gemildert. Die Mehrzahl der eingeborenen Bewohner des Kafirland proper, wie auch des Sulu-Landes ist zum Christentum bekehrt und besitzt eine Art von Civilisation. Der erste Europäer, von welchem die Kaffern gesehen wurden, war der Portugiese Bartholomeu Diaz (1486). Derselbe drang bis zur Algoa-Bai, 71/5 Grad ostwärts. über das Vorgebirge der guten Hoffnung hinaus. Zwölf Jahre später (1498) machte Vasco de Gama mit ihnen Bekanntschaft, der an der Ostküste Afrika’s binaufsegelte, Weihnachten 1498 die Kafraria-Küste entdeckte und sie infolgedessen „Terra do Natal“ benannte. Dieser Name ist ihr geblieben. Nach Vasco de Gama segelten die portugiesischen Schifffahrer in der Regel diese Küste hinauf auf der Fahrt nach Indien. Ihnen verdanken wir die ersten Karten dieser Gebiete. Auf der grossen Afrika-Karte von D’Anville (17 749) ist die Nomenklatur der Ostküste noch durchaus portugiesisch. Erst gegen Ausgang des 18. Jahrhunderts haben französische und englische Seeleute die Kenntnis dieser Koüsien vervollkommnet. In das Innere von K. ist bis zur Stunde noch kein Forschungsreisender vorgedrungen, abgesehen von Natalland natürlich, das, seitdem es englischer Besitz ist, bereist zu werden anfängt. Indessen sind die Berichte der Missionäre auch hier noch immer die wichtigeren Forschungsquellen. 1) Britisch - Kafraria umschliesst das zwischen der Keiskamma und der Kei gelegene, seit 1847 der Kapkolonie einverleibte Gebiet. Seit 1866 bildet es die beiden Provinzen Kine Williamstown und East London. Seine Grenzen sind: im Westen die Provinzen Peddie, Victoria, Fort Beaufort und Queenstown; im Südosten der Indische Ozean; im Nordwesten Gebirge, die bis zu 2400 m aufsteigen; im Norden und Osten die transkeianischen Distrikte (ehemals unabhängiges Kafferngebiet); vergl. im übrigen den Artikel „Britisch2) Kafırland proper, das eigentliche Kafraria, zwischen Britisch-Kafraria und Natalland gelegen, wurde der Kapkolonie 1875 und 1876 unter der Bezeichnung „TranskeianDistriets“ (jenseit des Keiflusses gelegene Gebiete) einverleibt. Ausser dem Sululand nördlich vom Natalland gibt es kein unabhängiges Kafferngebiet mehr. Das neue transkeianische Gebiet nimmt einen Flächenraum von etwa 41000 qkm ein. Seine Bevölkerung wird auf 475000 Seelen geschätzt, von denen 270. 000 Pondo- und Tamhukikaffern sind. Es wird n 8 Distrikte geteilt, von denen fünf: Fingoland, Idutwya Reserve, Emigrant Tambukiland, Tambukiland und Nomansland direkt von Kapstadt ressortieren und durch britische Kommissäre verwaltet werden; drei dagegen: Galekaland, Bomvaniland und Pondoland, eingeborenen Häuptlingen unterstehen.