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ErdkundeAfrika Hand-Lexikon 1885

Kanuri, Völkerschaft im zentralen Sudan, welche den Stock der Bevölkerung von Bornu ausmacht. Die K. sind Menschen von fast schwarzer Hautfarbe, vierschrötigem Bau und grobem Gesicht. Nach ihren Überlieferungen sind sie von Norden her in das von ihnen jetzt besetzte Gebiet gewandert, und diese Meinung steht in voller Übereinsemmuns mit der Ähnlichkeit, welche ihre Sprache, das Kanuri, mit derjenigen der Teda oder Tibbu, der Bewohner des Südwestens der libyschen Wüste, d. h. der Länder im Norden und Nordosten des Tschad-Sees, aufweist. Auch zeigen zahlreiche Namen von Brunnen der Sahara und von Weideplätzen im südlichen Tripolitanien noch heute deutlich die kanurische Form. Nachtigal fand 1877: 5400 K. in Kanem. Da die K. eine der ersten Völkerschaften sind, welche zum Islam bekehrt wurden, so haben dieselben ohne Zweifel eine grosse geschichtliche Rolle im Sudan gespielt. Die K. ermangeln ohne Zweifel der gesellschaftlichen Eigenschaften, welche ihre westlichen Nachbarn, die Haussa, auszeichnen; aber sie scheinen die Disziplin besser zu verstehen, als diese; und dank dieser Naturanlage hat das Reich Bornu mehrere Jahrhunderte hindurch eine unbestreitbare politische Wichtigkeit bewahrt. Die Kanuri-Sprache stellt einen besondern linguistischen Typus dar; indessen steht die Sprache der Ka: nembu und der Tebu (das Teda) mit ihr in Zusammenhang. Zwei Europäer haben das Kanuri studiert (Koelle und Barth); Koelle gab eine Grammatik, Barth ein Vokabulär desselben heraus, Gerh. Rohlfs („Quer durch Afrika“, Bd. I. 8. 7) schildert die K. fol. Die Eingeborenen von Bornu oder Kanuri sind eine im ganzen wohlgestaltete Menschenrasse. Ihr Körperbau hält ungefähr die Mitte zwischen den vollen plastischen Formen der Haussa-Neger und der sehnigen Magerkeit der Tebu; unter den Vornehmen gibt es allerdings auch viele fette und korpulente Gestalten. Die Beine stehen in richtiger Proportion zum Oberkörper und entbehren nicht, wie bei den meisten Negerstämmen, der Waden. An Grösse erreichen die Männer das europäische Durchschnittsmaass, während das weibliche Geschlecht weit hinter demselben zurück bleibt. In der Kopfbildung prägt sich entschiedener alsim Wuchs der echte Negertypus aus: krauses wolliges Haar, rundes Gesicht, vorstehende Backenknochen, wulstige Lippen; nur tritt die Nase mehr als sonst bei den Negern aus dem Gesicht heraus, ich sah äusserst selten ganz platte, häufig vielmehr wirkliche Adlernasen. Drei Längsschnitte auf der Wange fehlen nie. Der Ausdruck in den -Gesichtszügen, namentlich im Blick verrät bei den meisten Gutmütigkeit und Wohlwollen und hätte mich noch sympathischer berührt, wenn nicht durch die gelbe Bindehaut des Auges die vorteilhafte Wirkung etwas abgeschwächt würde. Das Kopfhaar wird von den Männern glatt abgeschoren, und tagelang lassen sie die heissen Strahlen der Tropensonne auf den kahlen Schädel brennen, nur die Wohlhabenden bedecken das Haupt mit einer weissen baumwollenen Mütze, die Vornehmen mit dem roten Fes. Hingegen verwenden die Frauen Sorgfalt auf ihre freilich nicht langen Haare, indem sie dielben entweder in eine Menge kleiner Zöpfe flechten, die rings um‘ den Kopf hängen oder in einen helmartig von hinten nach vorn über dem Kopfe liegenden Wulst zusammenbinden. In betreff der geistigen Bildung stehen die Kanuri den Nachbarvölkern keineswegs nach; ihre natürlichen Neigungen sind vorwiegend dem Guten zugewendet, daher Völlerei und andere Laster, denen sich z. B. die Maba oder die Abessinier hingeben, in Bornu selten oder gar nicht vorkommen. Die mohammedanische Sitte, die Vielweiberei, haben nur die Fürsten und Grossen angenommen, der Mann aus dem Volke führt ein geordnetes Familienleben mit einer Frau und manche Ehe ist mit einem Dutzend Kinder gesegnet. Obwohl die Mädchen schon mit 12 Jahren die geschlechtliche Reife erlangen, heirathen sie selten vor dem sechzehnten Jahre; freilich gestatten sich die Töchter der Reichen vor ihrer Verheiratung grosse Freiheiten im Umgang mit Männern, ohne dass der Bewerber um ihre Hand daran Anstoss nimmt. Nach der Verheiratung ist die Frau Eigentum des Mannes, und Ehebruch wird in Karu, wie es scheint, nach den strengen Gesetzen des Koran bestraft. Indessen wenn auch die Frau dem Manne wie eine Sklavin unterthan ist und erst als Mutter zalılreicher Nachkommenschaft zu einer etwas geachteteren Stellung gelangt, so hat sie doch hier nich; wie in Zentralafrika die Last der Arbeit allein zu tragen. Vielmehr machen die Kanuri unter den Negern, denen im allgemeinen mit Recht Trägheit und Arbeitsscheu vorgeworfen wird, eine rühmliche Ausnahme. Die Frauen spinnen und weben die Baumwolle, die Männer nähen die langen Streifen Zeug zu Kleidungsstücken zusammen, welche sie oft mit fleissiger Handstickerei bedecken. Von anderen Handwerkern, Schuhmachern, Schmieden, Töpfern u. s. w. gilt ganz das Nämliche, genug, die K. oder die Bornuer sind unstreitig das betriebsamste von allen Negervölkern. Neben den gewerblichen Hantierungen versäumen die Frauen auch nicht die Pflege und Erziehung ihrer Kinder; Schulen, in welchen die Knaben einen äusserst dürftigen Unterricht empfangen — die Mädchen sind ganz ausgeschlossen — gibt es nur in den grösseren Städten. Welch wichtigen Faktor die Familie im Leben der Kanuıi bildet, davon zeugt unter an- ‘deren die Reichhaltigkeit ihr er Sprache an Bezeichnungen für die verschicdenen Verwandtschaftsgrade. Sie haben z. B. ein eigenes Wort für den älteren Bruder (gaya), und für den jüngeren (kerami), für den Oheim von väterlicher und von mütterlicher Seite, für eine eben erst Witwe gewordene Frau und für eine Witwe, wennsie sich wieder verheiraten darf.

Afrika Hand-Lexikon. Ein Nachschlagebuch für JedermannVon Paul Heichen, Leipzig: Gressner & Schramm 1885 · Bd. 2, S. 660Scan: Staats- und Universitätsbibliothek Bremen · gemeinfrei

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