
Somali, ein Stamm des die Ostecke Afrikas von der Grenze Abessiniens bis zur Nordgrenze der Suaheli bewohnenden Volkes der Galla. Die Küste des von ihnen bewohnten Landes ist ausserordentlich hafenarm und öde. Korallenklippen umsäumen den Strand und lassen zwischen sich und dem Ufer einen Kanal seichten, stillen Wassers. Wo dieser sich ein wenig erweitert und einen Ausgang nach der offenen See besitzt, da sprechen die Eingeborenen von einem Hafen. Regelmässig nach dem Wechsel der Jahreszeiten wehen in diesen Gewässern die Monsune, der Nordostmonsun von Ende Oktober, der Südwestmonsun von Mitte April an. Starke Strömungen finden sich nahe der Küste und halten zumeist die Richtung der wehenden Monsune inne; ihre Geschwindigkeit beträgt nicht selten 15 - 18 Meilen in der Stunde. „Der Pflanzenwuchs ist an der Küste ärmlich, dem der Samhara ähnlich: grosse, armleuchterartige Euphorbien, Mimosen, Koloquinten herrschen vor. Nuran den Flussufern wachsen schattige Haine auf. Aber in dieser trocknen Hitze giebt es kaum ein Kraut, das nicht seinen starken Duft aushauchte, und schon früh hat man bier „die Küste der Wohlgerüche* gesucht. Im Innern herrscht die Savanne, die selbst von Mimosenbüschen wenig unterbrochene Wiesenflur, welche den grössten Teil dieser Länder zu einem .der besten Weidegebiete der Erde macht. „Wie schade ist es doch‘, ruft Krapf, „dass diese schönen Länder nicht besser benutzt werden, denn die Galla haben so fruchtbare, wasser- und weidereiche Gegenden, geeignet für den Landbau sowohl als für die Viehzucht, dass man in Europa sich keine Vorstellung von ihrer Schönheit machen kann. Dabei ist das Klima so mild, so. gesund wie in Italien oder Griechenland.“ Am Wobi tritt zum erstenmal der Charakterbaum Mittelafrikas, der Affenbrotbaum, auf. In den Gebirgen wachsen drei verschiedene Arten von Weihrauchbäumen, von denen der übrigens als Schattenbaum beliebte Djan Der durch Anbohren der braunen, als Gerbstoff verwendeten Rinde den feinsten Weihrauch (Liban Maskati oder Liban Maheri) liefert. Hildebrandt fand im Somalilande auch Drachenblut und Aloe, die aber gar nicht ausgenutzt werden. Die Weidesräser ausgenommen, ist die Zahl der einheimischen Nutzpflanzen gering. Man bereitet Pfeilgifte aus einer Aristolochia und emer Wabey genannten Euphorbie. Im Westen ist die Sykomore, der breitschattige Schirmbaum, den Galla heilig; wer, von Feinden verfolgt, sich unter ihren Schatten flüchtet, hat ein sicheres Asyl. Der Meswag- oder Raakbaum ist häufig; die Gläubigen reinigen sich mit seinem Harze die Zähne, weil ein mit gereinigtem Munde gesprochenes Gebet vierzigmal wertvoller ist als ein anderes. Gummibäume sind überall verbreitet. Am Wobi findet man viele verwilderte Weinreben, Limonen, Mandeln, Feigen etc., Reste eines einst blühenderen Gartenbaues, von dem auch zahlreiche alte Brunnen und Zisternen Zeugnis geben. Der heutige Ackerbau der Somalı ist viel ärmlicher: Durra, ‚Mais, Weizen und Erbsen sind seine ‚einzigen Früchte.* (Hatzel, Naturkunde, 1. Band.) — Gegen das fruchtbare Binnenland sticht aber die öde kahle Küste grell ab. Nur wenige bedeutende Plätze finden wir an derselben. In dem noch unter der Oberhoheit des Sultans von Sansibar stehenden Teil der Küste liegen die Städte Mörka und Makdischu (s. Sansibar), und hinter letzterem wird die Küste noch einförmiger als sie bisher schon war. Über Warscheikh und Ras Asuad gelangen wir nach Abbia, in dessen Nähe Ras Auad, das Kap der Veränderung, in das Meer hinausragt, So genannt, weil von dort an ein auffälliser Wechsel im Ansehen der Küste sich bemerkbar macht. Die flachen Hügel verschwinden, das Ufer beginnt sich allmählich ehr zu erheben, und zwischen Ras Maaber und Ras Hafın wird es felsig. Durch tiefe Schluchtenthäler un der Seefahrer hier und da einen Einblick ins Innere, Das grösste dieser Thäler ist das Wadi Nogal. Hinter dem weit in den Den vorspringenden Landviereck, welches Ras on bildet, wird die Kalte wieder kahl und unfruchtbar, und nur vereinzelte bewässerte Thäler unterbrechen die Einförmiekeit der Landschaft. Erst Kap Guardafui, die östlichste Spitze Afrikas, bildet wieder ein gut "bewelders Plateau. Das ihm benachbarte Ras Allula ist der nördlichste Punkt der Somali-Halbinsel. Südwestlich von demselben liegt am Golf von Aden die Handelsstadt Bender Miraje, welche, gleich der ganzen Östspitze, von den Medschertin- Somali bewohnt ist. -Die am Fusse der gleichnamigen Hügelkette gelegene Stadt dehnt sich oihra eine Meile lang am Ufer aus und zählt in 200 Hän. sern 600—700 Einwohner. Reges Leben herrscht hier, wenn die Karawanen aus dem Innern ankommen und dann sich auch von der gegenüberliesenden Küste Kaukleue einfinden. Weiter westwärts liegt Berbera, ein Haufen armseliger Strohhütten, der den Namen Stadt kaum verdient, aber wenn die Karawanen kommen, sind hier oft gegen 100000 Menschen versammelt und: der Warenumsatz in dem ärmlichen Orte beläuft sich auf 12—15 Millionen Franken. „Die Hügelreihen, von denen der Dschebel Miraje einen Teil ausmacht, entsprechen in ihrer Gestalt und ihrem Aufbau denjenigen, welche gelegentlich an der arabischen Küste zu ln sind. - Es ist derselbe rahmfarbige Kalkstein, gemengt mit Sandstein,‘ Schiefer und Be Die niedrige Ebene, in welcher die Stadt liegt, dehnt sich gegen Osten bis zu Vorgebirge Ras Filuk aus; der Boden ist korallenfelsie, sandie und überworfen mit Trümmern des Gesteins, aus welchem die Hügel besichen. Die Hügelreihe zieht SER drei Tagereisen ins Innere bis zu einer Stelle, an welcher das Land südlich östlich abfällt und sich in eine weite, wellige Hochfläche verliert, reich an Bau. und Graswuchs, sowie an Mengen von Hochwild.“ Die Bevölkerung lebt von Viehzucht und führt ein ı Nomadenleben: Dörfer sind selten, das Land überhaupt sehr dünn bevölkert, Die Medschertin sind auch der ärmste Stamm unter den Somali, während ihre N achbaren, die Gulledh, sich im Besitze grosser Schafherden befinden. Trotz de stellenweise dünnen Bevölkerung ist aber der Handel an der ganzen nördlichen Somaliküste ein sehr lebhafter. Zur Ausfuhr gelangen hauptsächlich Weihrauch, Cum Mulidsch (Früchte des Dome baumes), Indigo und Matten; eingeführt werden Kleidungsstücke, Datteln, Reis und Metalle. - „Die Harze, welche einen der hauptsächlichsten Ausfuhrartikel des Somalilandes bilden, werden von den Eingeborenen in süsse und bittere geteilt; zu den ersteren gehört das ums: Arabicum,‘ Mastix, „Lubon“, „Majeti“, zu den letzteren Myrrhen, „Bodthai“ und andere Sorten. Es giebt mindestens drei Arten Akkazien, aus welchen das arabische Gummi der Sumugh sehr ergiebig gewonnen wird. Die Myrrhe leitet ihre Herkunft ebenfalls von verschiedenen, noch nicht völlig genau bekannten harzgebenden Bäumen her; eine Hauptbezugsquelle soll das Wadi Nogal südwestlich vom Kap Guardafui sein. Das Bodthai ist ein Harz, welches einer stachlichen, dem Baobab nicht unähnlichen - Akazie in dieker, milckiger Masse entquillt, im trockenen Zustande aber bröckelig wird. Der Lubonbaum lietert den Weihrauch, von den Somali Bujui genannt, und kommt nur auf den Kalkbergen beider Küsten des Golfs von Aden vor. Ausgezeichnet ist dieser Baum durch seine absonderliche Gestaltung; sein steifer Stamm mit gekräuseltem Blütenschmucke haftet mittels einer knollisen weissen Wurzel an der glatten Fläche der Marmorfelsen und ziert nicht selten die Spitze der Hügel.“ — Die Somali erfreuen sich im allgemeinen nicht des besten Rufes,. Sie sind als hinterlistiges, treuloses, mord- und raubgieriges Volk berüchtigt. Schiffbrüchige, welche an ihre Küste verschlagen wurden, sind, von ihnen ausgeplündert und ermordet worden, und europäische Expeditionen haben in ihrem Lande schlimmen Empfang gefunden. Der englische Reisende Speke, der sich in dasselbe waste, wurde verwundet, Baron von der Decken mit mehreren seiner Begleiter ermordet. Nicht alle Somali sind jedoch ein so wildes Volk; man muss die nomadisierenden Stämme von den seit langer Zeit in Küstenstädten ansässigen unterscheiden. Durch den regen Verkehr mit anderen Völkern, der an der Küste herrscht, werden die Sitten der sich dort niederlassenden Stämme beeinflusst, und mit der steigenden Wohlhabenheit steigt auch die Gesittung und Bildung. Die Domali, welche in Küstenstädten wohnen, werden zwar durch die Angriffe der Binnenlandstämme gezwungen, mit der Führung der Waffen stets - vertraut zu bleiben, aber sie sind doch meist friedliche, gutmütige Leute, und man trifft manchen unter ihnen, der als feingesitteter, ja gebildeter Mann gelten kann. So zeichnet sich 2. B. der Scheik Mumen von Hamarwin durch Intelligenz aus. Die Unterhaltung mit ihm, erzählt Guillain, war.überaus lehrreich und anziehend. Er schien auch an: uns viel Gefallen zu finden, denn er versicherte uns, dass ibm nichts angenehmer wäre, als mit uns zu plaudern. So besuchten wir ıhn während unseres Aufenthaltes fast jeden Tag. Er sprach Arabisch, was man bei einem Somali nicht gerade häufig findet, und drückte sich in dieser Sprache mit ziemlicher Leichtigkeit aus; sogar die Art und Weise seiner Rede war nicht ohne Reiz. Wenn er ruhig dasass und mit uns sprach oder scherzte, so erinnerte sein behäbiges Aussehen und sein Gesicht voller Wohlwollen und Fröhlichkeit an die guten edelmätigen Väter, welche in Lustspielen unsere freundliche Teilnahme und Bewunderung zugleich in Anspruch nehmen. Dazu besitzt er eine Festigkeit der Gesinnung und ein kluges, gemässigtes Benehmen, welches der seiner Verwaltung anvertrauten Stadt den Frieden sichert, trotz aller Anfeindung der Nachbaren in Schangani, und trotz der mancherlei Verwirrung‘, welche das Ungestüm der ungebändigten Beduinen der Umgegend bisweilen veranlasst. Solche Persönlichkeiten bleiben aber immerhin Ausnahmen. Sobald man die Küste verlässt und in das Innere eindringt, lernt man auch sofort die Schattenseiten im Charakter der Somaliı kennen. Zwei mohammedanische Stämme der Somali, die Isa (nördlichen) und Gudobursi (mittleren Somali), haben Könige, welche Ugas genannt werden und als Krone eine strahlenförmig gefurchte, in der Mitte spitz zulaufende gelbe Lederkappe mit einem Goldknopf oder einer Tresse an der Spitze tragen. Auch ein roter Mantel gehört zu den Insignien ihrer Würde. Trotzdem scheint ihre Macht keine grosse zu sein. „Ugas Forech,‘ erzählt Isenberg, „lächelte oft, wenn die Rede davon war, dass er seinen Leuten etwas befehlen solle. Er sagte: Die Leute laufen mir nur darum nach und halten zu mir, damit ich ihnen zu essen geben und sie kleiden soll.“ Alle Stämme der Somali teilen sich in zahlreiche Unterstämme, die unter besonderen Häuptlingen stehen. Als Hauptstämme kann man (nach Guillain) betrachten: ‘die Adschi, von denen die Medschertin eine Unterabteilung sind; die Hawia und Abgal; die Rami, Ranu oder Rahanwin. — Den neuesten Nachrichten zufolge hat die Deutsche Ostafrikanische Gesellschaft durch Verträge mit drei Häuptlingen die ganze Somaliküste erworben (siche Nachtrag).