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PflanzenreichAfrika Hand-Lexikon 1885

Uregga, Landstrich nördlich von Njangwe. Von dem mit diehtem Urwald bedeckten Land, das er durchzog, entwirft Stanley ein wenig anziehendes Bild. Das Laubdach war so dicht, dass kein Sonnenstrahl durchzudringen vermochte, und man im Walde nie wusste, ob ausserhalb desselben die Witterung trüb war oder die Sonne hell schien. Aus dem schlammigen Boden des Weges spritzte bei jedem Schritte Wasser hervor, und von den Zweigen der Bäume träufelte ununterbrochen ein feiner Regen herab. Zu unserer Rechten und Linken, schreibt Stanley, türmte sich ungefähr 20. Fuss hoch das Unterholz auf, die niedere Welt der Vegetation. Der Boden, auf dem dasselbe ° gedeiht, ist ein dunkelbrauner vegetabilischer Humus, die seit Jahren angehäuften Überreste faulender Blätter und niedergefallener Zweige, ein wahres Treibhaus für das Pflanzenleben, ein Mistbeet, das, beständig mit Feuchtigkeit getränkt, in erstaunlichem Grade die Zeugungskraft der Natur in den feuchtwarmen Schatten der Tropen veranschaulicht. Da der unter dieser Dammerde liegende steife Lehm die Feuchtiekeit nicht ‘durchlässt, so bietet sie beständig den Millionen von kleinen Wurzeln der Kräuter, Blumen und Gebüsche reichliche Bewässerung, Die unzählbaren Arten von Gewächsen, welche mit so wunderbarer Schnelligkeit aufschiessen, würden, wenn sie einem Sturme ausgesetzt würden, bald zum grossen Teil auf dem Boden hingestreckt liegen. Aber wie vermöchten rauhe Windstösse in das tiefe Gefängnis dieses Waldschattens einzudringen? Der Sturm mag ausserhalb dieser Welt von Blättern brausen, aber in ihrem tiefen Schosse würde doch die ungestörteste Stille herrschen. Man braucht nur an einem Bäumchen zu zerren und man bemerkt sogleich, dass die lockere Dammerde nicht die Kraft besitzt, dasselbe festzuhalten und dass seine Wurzeln nicht in den Lehm eingedrungen sind. Selbst die Riesen des Waldes sind nicht tief eingedrungen, wie man an ihren zur Hälfte offen daliegenden Wurzeln sieht; sie scheinen sich in ihrer aufrechten Stellung mehr durch die Breite ihrer Basis, als durch einen festen, tiefen Griff in die Erde hinein zu erhalten. In dieser Wildnis, in welcher Riesenschlangen im Laub verborgen auf Beute lauern, Scharen von Affen, Schimpansen und Lemuren brüllend sich von Ast zu Ast schwingen -und es von unzählbaren Massen von Termiten auf dem Boden wimmelt, liegen: die Dörfer der Kannibalen vom Stamme der Waregga zerstreut, 50—175 m. lange Reihen von Hütten, die dicht an einander gebaut sind. Bei diesem wilden Stamm fand Stanley ein in Afrika sehr seltenes Hausgerät, aus Wasserrohr zierlich gearbeitete Bänke mit Rückenlehnen, auf welchen drei Personen bequem sitzen konnten. Die erwachsenen Männer trugen Mützen von Ziegen- oder Affenfell, die Häuptlinge aber solche aus Leopardenfell, wobei der Schwanz wie die Quaste am Fez hinten herabhing. Die Weiber trugen an den Armen und Beinen schwere eiserne Ringe, eine derselben wenigstens 12 Pfund eiserne und 5 Pfund kupferne neben einem Dutzend aus Muscheln (Achatina monetaria) zusammengefügter Armbänder.

Afrika Hand-Lexikon. Ein Nachschlagebuch für JedermannVon Paul Heichen, Leipzig: Gressner & Schramm 1885 · Bd. 3, S. 1301Scan: Staats- und Universitätsbibliothek Bremen · gemeinfrei

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