FeedMaibowle
Sitten & ModeAppetit-Lexikon 1894

Maibowle, Waldmeisterbowle, das verkörperte, weingewordene „Lied an die Freude“, der würzigste, herzerhebendste Frühlingsgruß Gastereas an ihre Jünger, wird in bester Qualität nur im Grünen, und zwar nach dem Verhältniß von 4 Flaschen Weißwein auf 1 Flasche Rothwein nebst 1 Flasche Schaumwein bereitet. Der Weißwein soll leicht, aber um Gottes und der Bowle willen nicht sauer, der Rothwein kräftig, doch nicht allzu herbe, der Schaumwein gut, wenn möglich Champagner sein. Bei besonders wichtigen Gelegenheiten ist man befugt, sich die Güte und Reinheit dieser Ingredienzien vom Lieferanten mit einem körperlichen Eide bekräftigen zu lassen. Am Thatorte wird zuerst der Weißwein mit sammt dem Rothwein in die Bowle gegossen, dann die Mischung mit Zucker versüßt bis zu jenem kitzlichen Punkte, wo der Säuregeschmack des Weines zurück⸗, der Süßgeschmack des Zuckers aber noch nicht hervortritt — es ist das der sogenannte „Indifferenzpunkt“, den selbst anerkannte Meister bisweilen verfehlen — und endlich der frische, sauber verlesene Waldmeister in möglichst großer Quantität hinzugefügt. Ist bis dahin kein Mißgriff und kein Unfall eingetreten, so darf der Bowlenkünstler getrost in die Zukunft blicken und sogar, während sein Kunstwerk „zieht“, mit einem feinen Branntwein oder Liqueur die Zunge putzen. Dann probt er, in welchem Grade die Bowle das Arom des Waldmeisters angenommen hat, entfernt den duftenden Gesellen, sobald ihm die rechte Nuanee erreicht scheint, setzt schnell und geschickt den Schaumwein zu und streckt sich endlich zu den Genossen auf die Bärenhaut, des Beifalls der Kenner im Voraus gewiß. Eine solche Bowle ist an sich ein Hochgenuß, und im Grünen, sei's Garten, Park oder Wald, Lindenschatten oder Buchendüster, und womöglich von schöner, weicher, rosiger, kleiner Hand eredenzt, ist sie ein Göttertrank, dem zu lieb man sich mit seinem Todfeinde aussöhnen könnte — wenigstens so lange noch ein Tropfen in der Terrine ist. Weitere Zusätze als die angegebenen (etwa Citronensäure, Orangenschale, Ananas etc.) sind bei der Maibowle als geschmackwidrige Rococo-Schnörkeleien durchaus verwerflich und höchstens statthaft, wenn der Indifferenzpunkt verfehlt und der Trank von Hause aus verpfuscht wurde: die echte und gerechte Maibowle von Meisterhand wird durch solche Schönpflästerchen nur entstellt. Die Maibowle war schon im 16. Jahrhundert in Oesterreich, Deutschland und Holland an der Tagesordnung, im 18. Jahrhundert vertrat sie so zu sagen die Stelle des Champagners und bildete im Mai und Juni den Abschluß jeder größern Sitzung, und auch im 19. Jahrhundert hat sie nicht an Beliebtheit verloren. Nur ein Mensch haßt und fürchtet und flieht sie wie die Pest: das ist der deutsche Dichter Otto Roquette (geb. 1824), der Sänger von „Waldmeisters Brautfahrt“, denn der hat so oft in Waldmeisterbowle Bescheid thun müssen, daß ihm der liebliche Würztrank zum schrecklichsten der Schrecken geworden ist. Vgl. Waldmeister.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 322Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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