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TierreichAppetit-Lexikon 1894

Muscheln schmecken im September am besten und das aus einem oder vielmehr zwei sehr triftigen Gründen, weil nämlich zu dieser Zeit erstens die Krebse nicht mehr gut und zweitens die Austern noch recht selten sind. Naturmenschen, Schiffbrüchige, Liebhaber und andere nothleidende Geschöpfe essen diese Schalthiere roh ohne Salz und Serviette und haben dabei allerdings den Vortheil, daß ihr Mittagbrot nicht nur billig, sondern auch sehr verdaulich ist. Der gewöhnliche Europäer jedoch genießt sie nur im eigenen Saft gesotten entweder möglichst heiß mit einer Fricasseesauce aus Mayonnaise und gedachtem eigenen Saft der Thiere oder aber, nachdem sie gehörig in Essig und Oel marinirt und mit Pfeffer und Salz versehen worden, als Salat in Aspik. In Norddeutschland kommen auch in Butter gebratene Muscheln vor — ein höherer Blödsinn, der selbst mit Agrest oder Citronensaft unverdaulich bleibt. Dagegen haben in Salzwasser abgesottene und dann mit Pfeffer, Lorbeerblättern und Gewürznelken in Essig eingelegte Muscheln einen ungemein fein pikanten Geschmack und können nicht blos wie frische verwendet, sondern auch mit Essig, hel und gestoßenem Pfeffer ohne Weiteres als Salat verspeist werden. Nahrhaft sind die Muscheln in hohem Grade, aber auch in hohem Grade schwer verdaulich und zudem stets etwas bedenklich etwa wie die lieben Pilze, so daß sie stets mit derselben Vorsicht geprüft werden müssen wie diese. Bei alledem ist der Muschelconsum Europas ein sehr bedeutender. Der Jahresverbrauch Englands wird auf Millionen Kilogramm veranschlagt, und Paris consumirt jährlich rund 5¾ Millionen Kilogramm zu 7½¼½9½ Franes per Doppelcentner. In England, Holland und Schottland deckt vielfach die herzförmige, schmutzig weiße Herzmuschel den Bedarf, die Muschel par excellence jedoch ist die ovale, annähernd keilförmige, violettblaue Mies mus chel, die sich in Menge an allen europäischen Küsten findet, in der Adria bei Venedig, an der Westküste Frankreichs bei La Rochelle (hier schon im Jahre 1246) und in der Nordsee bei Ellerbek an Pfählen — deshalb auch Pfahl- oder niederdeutsch Paalmuschel! — gezüchtet wird und auch den Wiener Tisch versorgt. Indessen ist der Muschelconsum Oesterreichs ein sehr bescheidener — etwa 20 000 Kg jährlich.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 366Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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