FeedRohrhuhn
Haus & KücheAppetit-Lexikon 1894

Rohrhuhn oder Bläßling heißt in Oesterreich das Wasser⸗ oder Bellhuhn, ein schwarzgekleideter, reger und zierlicher Stelzvogel von der Größe eines Haushuhns, der alle schilfreichen Teiche Mitteleuropas und Mittelasiens als Sommerfrischen benützt und wegen seines Thran- oder richtiger Schlammgeschmacks zu den Fastenspeisen zählt. Als solche kommt er in der österreichischen, süddeutschen und französischen Küche noch ziemlich häufig vor, während man ihn in Norddeutschland gründlich verabscheut; denn wenn auch der ausgelernte Federschütze, um den Moorgeschmack des Wildprets zu beseitigen, dem frisch erlegten Vogel sogleich mittelst einer Federspule die Haut aufbläst und diese nach der Heimkunft sammt dem anhangenden Fett sorglich ablöst (wie denn überhaupt das Rohrhuhn für den Küchenzweck stets enthäutet werden mußh), so unterbleibt doch diese Maßregel bei den für den Markt bestimmten Exemplaren und muß daher in der Küche durch eine Massenverwendung scharfer Gewürze ersetzt werden, welche durchaus dem Geiste der modernen Kochkunst widerstrebt. Das Rohrhuhn liefert daher immer nur Schüsseln zweiten Ranges, gleichviel, ob es mit Wurzelwerk und Zwiebel als Fastensuppe oder mit Wachholderbeeren und Honigkuchen in Rothwein gedünstet oder endlich gebraten auf den Tisch kommt.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 460Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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