FeedWachtel
TierreichAppetit-Lexikon 1894

Wachtel, der kleinste unter den europäischen Hühnervögeln, aber doch ein großer Leckerbissen, lebt der Familientradition zuwider als Zugvogel und tritt demgemäß in jedem Herbst seine Afrikafahrt an, nachdem er sich auf den Weizenfeldern und in den Weingärten Mitteleuropas mit der erforderlichen orientalischen Körperfülle versehen hat. Diese Fettmassen dürfen trotz aller Vogelschutzphantasterei der Küche und dem Nationalvermögen nicht verloren gehen. Mit der Schlinge, dem Netz und dem Feuergewehr wird daher dem feisten Wanderer nachgestellt, und so werden in Oesterreich etwa 90 000, in Preußen etwa 100 000 Stück jährlich eingebracht; namentlich aus Böhmen, Mähren, Niederösterreich, Steiermark und vor Allem aus Galizien, sowie aus den preußischen Provinzen, Schlesien, Posen und Rheinland. Das Wildpret ist ebenso zart wie schmackhaft, erzeugt indessen bei seinem Fettgehalte leicht Uebersättigung. Die würdigste und zweckmäßigste Zurichtung der Wachtel ist der Spießbraten. „Man bekundet jedesmal eine großartige Unwissenheit, wenn man sie anders als gebraten auf den Tisch bringt, denn ihr Aroma ist äußerst flüchtiger Natur und löst sich, verfliegt und verschwindet, sobald man den Vogel mit einer Flüssigkeit in Berührung bringt“ (Brillat-Savarin). Das wahre Vergnügen erfordert indessen Mannigfaltigkeit, und so kommen die Wachteln mit Recht und mit schönstem Erfolg auch als Pfannenbraten, gefüllt mit Trüffelgarnitur und gedämpft auf Gemüse oder mit Maccaroni auf den Tisch.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 570Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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