FeedFeldhuhn oder Rebhuhn
TierreichAppetit-Lexikon 1894

Feldhuhn oder Rebhuhn, richtiger Repphuhn, der wohlbekannte schnellfüßige Bewohner fruchtbarer und mit Sumpf oder Gebüsch durchsetzter Ebenen, dürfte ursprünglich am Schwarzen Meer daheim gewesen sein und hat sich erst mit dem Vordringen des Getreidebaues über Mittel⸗ und Nordeuropa verbreitet. Auf den Landgütern Karls des Großen erscheint das Feldhuhn noch neben Pfau und Fasan hauptsächlich als Ziervogel, in der süddeutschen Klosterküche des 11. Jahrhunderts diente es wie jene beiden und der Schwan zu Prunk-aund Festgerichten, und in der Grafschaft Oettingen (Bayern) wurde es noch 1333 als Fürstenwild, also als zur höchsten hohen Jagd gehörig angesprochen. Nach Schonen kam es erst zu Anfang des 16. Jahrhunderts, und in's nördliche Schweden und nach Norwegen drang es gar erst seit 1649 vor. Allenthalben aber hat das zierliche, muntere, braungefiederte Thierchen sich die vollste Hochachtung nicht blos der Jäger, sondern auch der Gastronomen zu erwerben gewußt. Klein und doch ausgiebig, zart und doch kräftig, saftreich und doch nicht fett, bildet das Wildpret einen Königsbissen, der sich mit Ehren neben der Becassine und selbst der Mittelschnepfe sehen lassen kann. Das Rebhuhn darf sich daher auch der innigsten Theilnahme manches gekrönten Hauptes rühmen. Schon Ferdinand I. von Oesterreich wußte herauszuschmecken, ob das Thier auf der Jagd erlegt oder erst nach mehrtägiger Gefangenschaft getödtet worden, und sogar Friedrich Wilhelm I. von Preußen besaß wenigstens dem Rebhuhn gegenüber soviel Tact, daß er die Heimat des Wildprets, ob Preußen, die Mark oder Cleve, fast augenblicklich am Geschmack erkannte; die preußischen galten ihm für die besten, die elevischen für die mindest guten. Zur Zeit haben in Deutschland die sächsischen, in Oesterreich die böhmischen und in Frankreich die von Cahors den größten Ruf. Man darf jedoch behaupten: das Feldhuhn ist überall und immer gut und um so besser, je jünger und je frischer es ist. Im August, im zarten Alter von 6—8 Wochen, liefert es die wunderbare Feldkükensuppe, eine höhere Potenz der Königinsuppe, die die heftigste Neigung zum Lotteriespiel oder zur Falschmünzerei zu entzünden im Stande ist, da nur der Millionär sie öfter als ein Mal im Jahre zu erschwingen vermag. Vom September bis zum Januar erscheint es dann, kunstgerecht gespickt und mit Speck umbunden, hauptsächlich als Spießbraten im Weinblatt-Mantel mit Champignons, mit Trüffeln oder mit Parmesankäse in seiner ganzen Glorie oder gibt gefüllt mit brauner Saucee, gedämpft mit Rosenkohl, mit Linsenpurée, mit Macaroni, mit Sauerkraut, mit Polenta, mit Reis, Rothkraut, Cardonen oder auch Karpfensauce, endlich als getrüffelte Pastete oder in Gestalt lichtgelber Coteletten eine seiner unvergeßlichen Gastrollen, an denen man sich kaum oft genug erbauen kann. Im März endlich und überhaupt im höhern Alter zeigt es sich noch als Purée, als Salmi oder als Hachis des Beifalls und der Anerkennung würdig. Nie täuscht das brave Thier unsere Erwartungen — höchstens der unerfahrene oder ungeschickte Koch thut es, wenn er das betagte Althuhn mit weißgrauem Fuße nicht vom zarten Junghuhn mit schwarzem Schnabel und gelbem Fuße zu unterscheiden versteht. Das Sprichwort hat die hohen Tugenden des Feldhuhns nicht übersehen. „Toujours perdrix“ (alle Tage Rebhuhn) ist zur stehenden Bezeichnung für den höchsten Grad des Wohllebens geworden, dem aber der Reiz der Abwechslung fehlt. Vor dieser Alltäglichkeit des Rebhuhns sind jedoch die meisten Menschen absolut sicher, denn wonnesame Zeiten wie der Herbst 1860, wo das Pärchen in Prag um 30 Kreuzer zu haben war, blühen wie des Lebens Mai nur einmal in jedem Jahrhundert, obgleich das Feldhuhn als rechter Hase unter dem Federwild es auch im Punkt der Fortpflanzung nicht an lobenswerthen Anstrengungen fehlen läßt, so daß in Oesterreich-Ungarn durchschnittlich 1 Million, in Preußen gar 2½ Millionen Rebhühner jährlich erlegt werden können. Im Ganzen dürften in Europa jährlich Millionen Stück dieses muntern Wildes den Weg alles Fleisches gehen, und davon verspeist Paris etwa 425 000, Wien etwa 120 000 Stück im Jahre (1890 ausnahmsweise sogar 201333 Stück). In Kaschmir bildet gedämpftes Rebhuhn mit Rhabarber-Gemüse oder mit Reis jahrein jahraus ein Hauptgericht der vornehmen Tafel, das sogenannte Ungarische Rebhuhn dagegen, eine gepfefferte Schweinskopfsulze, die mit Essig und Oel verspeist wird, trägt seinen Namen nur mit demselben Rechte wie lueus a non lucendo — womit jedoch gedachtem Schweinskopf beileibe nichts Uebles nachgesagt sein soll.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 164Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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