FeedNour-Mahal
AllerleiFrauenzimmer-Lexicon 1715

Nour-Mahal, Die Schöne, eine Persianerin, so zwar anfangs von geringen Herkommen war, darbey aber nebst ihrer Schönheit viel Qualitæten besaß, angesehen sie die Persianische, Indianische und Arabische Sprache vollkommen verstunde. Diese ihre Qualitæten und ausserordentliche Schönheit verleiteten den damahligen grossen Mogol Jehan-guir, daß er selbige in das Königliche Braut-Bette erhob. Nach solcher Vermählung wurde ihr wegen ihrer unvergleichlichen und schönen Gestalt anfangs der Nahme Nomur gehanbegum, das ist: Das Licht der Welt, hernachmahls aber Nour-Mahal, das ist das Licht des Serrails, beygeleget. Weil nun diese schöne Persianerin sich auf den Indianischen Thron wieder alles Vermuthen erhoben sahe, gab ihr der Ehrgeitz nunmehr ein, ein Mittel auszusinnen, wodurch sie ihr Andencken bey der Nachwelt verewigen möchte. Solches zu bewerckstelligen ersuchte sie ihren Gemahl durch die allerzärtlichsten und ersinnlichsten Caressen dahin zu vermögen, daß er ihr nur auf 24. Stunden lang das völlige Scepter überlassen möchte: dieses unvermuthete Begehren bestürtzte den grossen Mogol zu anfangs nicht wenig, indem er derselben zu willfahren nicht ohne Gefahr zu seyn erachtete. Allein ihre unauffhörliche Schmeicheleyen und sonderbahren Liebkosungen vermochten ihn endlich doch noch dahin, daß er ihr versprach sich 24. Stunden lang vom Hoffe zu entfernen, und ihr das Scepter und die völlige Gewalt zu überlassen. Zu dem Ende er in ihrer Gegenwart alle Grossen des Reichs vor sich kommen ließ, und sie auf 24. Stunden lang an die Königin verwiese. Als nun dieser Regierungs-Tag heran nahete, ordnete diese listige Nour-Mahal eilends Couriers in alle Müntz-Oerter des Königreichs ab, mit Befehl, zwey Millionen güldene und silberne Rupien zu müntzen, auf deren einer Seite eines von denen zwölff himmlischen Zeichen, auf der andern aber den Nahmen des grossen Mogols nebst dem ihrigen Nour-Mahal (so noch niemahls in solchen Reiche geschehen) zu prägen. Welche Verordnung, weil die listige Regentin vorher in geheim eine grosse Menge Gold und Silber in die Müntzen geschafft, so unverzüglich bewerckstelliget ward, daß sie schon nach 2. Stunden ihrer Regierung eine grosse Menge solcher von ihr geschlagener göldner und silberner Müntzen vor sich sahe, welche sie hernachmahls unter das Volck warff, um ihren Nahmen auf eine in solchem Reiche noch nie erhörte Art bey der Nachwelt zu verewigen, und konte diese kluge Regentin in ihrer 24. stündigen Regierung in der That nichts prächtigers aussinnen, daß ihren Nahmen vor der Welt groß machte. Als aber ihr Gemahl starb, und sein Sohn, Kourom das Scepter überkam, ließ selbiger, weil er ohnedieß dieser Nour-Mahal nicht gewogen war, diese Müntze alle wieder umprägen, so, daß gar wenig darvon in geheim zurücke blieben. Taverniers Reise-Beschreibung von Indien.

Gottlieb Siegmund Corvinus (Amaranthes), Nutzbares, galantes und curiöses Frauenzimmer-LexiconLeipzig: Gleditsch 1715 · Sp. 1340–1342Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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