FeedCanonica
Recht & StaatRitter-Exercitien-Lexicon 1742

Canonica, Könte im deutschen die Eintheilungs-Lehre der Klänge genennet werden. Es ist aber diese Eintheilung bloß nach dem äusserlichen Maasse und Verhalt zu verstehen, welchen ein Klang mit dem andern hat, und bedienet man sich dabey als Hülfsmittel der Zahlen und Linien, in Vorbildung der verschiedenen Klänge, nach ihrer abgemessenen Grösse, überlässet aber dem Gehöre einig und allein, von deren Wohl- oder Uibel-Laut zu urtheilen. Der Raum, welcher sich solcher gestalt zwischen zweyen und mehr Enden abgemessener Klänge befindet, die einen gewissen Verhalt mit einander haben, heisset eigentlich ein Intervall. Die in Zahlen oder Linien vorgebildete Jntervalle sind also hier die Materie; ihre abgemessene Grösse ist die sichtbare Form, und der Wohl- oder Uibel-Laut ist der canonische Zweck, von welchem aber die Canonic selbst nichts wissen oder fest setzen kan. Wenn iedoch dieses Ziel auf eine oder andere Art erhalten worden, so heist es die Harmonic, und das Gehör bleibet immer der Richter in den mannigfaltigen Stuffen des Wohlklanges oder Mislautes. Weil ferner solche Eintheilung und Abmessung auf einem gewissen darzu erfundenen und bestimmten Werckzeuge, oder einsaitigen Jnstrumente, vorgenommen wird, welches auch ein Canon heisset, so bekömmt die Canonic eine desto grössere Wurtzel ihres Nahmens. Andere haben dieses gerade umgekehret, und beschreiben die Canonicam, daß sie denjenigen Music-Theil behandele, welcher die Klänge nicht nach dem Gehöre, sondern durch Speculation der Zahlen beurtheilet.

Valentin Trichter, Curiöses Reit- Jagd- Fecht- Tantz- oder Ritter-Exercitien-LexiconLeipzig: Gleditsch 1742 · Sp. 271–272Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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