Exclamatio, Eine rhetorische Figur, wenn man beweglich ausruffet, wird in der Music füglich durch die aufwerts springende Sextam minorem ausgedruckt. Man findet aber dreyerley Arten der Exclamationen, deren die 1) eine Verwunderung, einen freudigen Zuruf oder einen aufmunternden Befehl enthält; bey dieser Art ist die Freude allemal die Haupt-Leidenschafft, daher denn lauter lebhaffte und hurtige Moduli dabey gebraucht werden müssen, absonderlich aber grosse und weite Jntervalle. Die 2) Art der Ausbrüche oder Exclamationen hält alles Wünschen und hertzliches Sehnen in sich, als Bitten, Anrufungen, Klagen, auch Schreckniß, Entsetzen u. d. g. Diese letztern erfodern eine Heftigkeit in der Melodie, so am besten durch geschwinde und hurtige Noten auszudrucken stehet; das Sehnen aber und die übrigen Eigenschafften haben die Betrübniß zur Mutter, und müssen da nach Befinden der Umstände bald grosse, bald kleine Jntervalle angebracht werden, iedoch herrschet die Zärtlichkeit darinnen vorzüglich. Die 3) Art der Exclamationen gehet auf ein Geschrey, so aus äusserster Bestürtzung, Erstaunen, und schrecklichen greulichen Vorfällen entstehet, welche den höchsten Gipffel der Verzweifflung erreichen. Weil nun hier lauter desperates Wesen ist, so müssen auch lauter verwegene Jntervalle, die eine unbändige Eigenschafft wider einander haben, vorgebracht, und zu dem ruchlosen Geschrey ein wütendes Accompagnement gewehlet werden, wozu die Dactylischen Verse und Klang-Füsse nicht unbeqvem sind. Das meiste kömmet hierbey auf die verschiedene Gemüths-Bewegungen und deren Kundschafft an.