FeedLerche, Heide-Lerche
TierreichRitter-Exercitien-Lexicon 1742

Lerche, Heide-Lerche, Jst ohngefehr um den dritten Theil am Leibe kleiner, als eine Korn-Lerche, und hat einen gantz kurtzen Schwantz. Jm übrigen ist sie gestaltet, wie eine andere Lerche, nur daß sie an der Brust etwas mehr weisses hat, und an beyden Achseln der Flügel, ebenfalls weiß und braun-tiegericht ist. Der Kopff scheinet, nach Proportion der andern Lerchen, breit zu seyn, und ist rings herum an den Schläfen und hinten am Genicke mit weissen Federlein eingefasset. Jhr Aufenthalt ist beständig in den Feldern, so nahe am Wald liegen, und zwar nicht oder doch gar selten an dem Laub-Holtze, sondern allein am schwartzen Holtze, auch mitten darinne, wenn sie Felder und grosse Plätze findet. Jhre Brut verrichtet sie auch an solchen Orten, meistens unter den Wacholder-Stauden oder auch in Ellern-Gebüschen, so am schwartzen Holtze anstossen, und machet ihr Nest, wie die andern Lerchen, mit weichen Gras-Stengeln, Moos und kleinen Blümlein aus, damit die Eyer weich und warm liegen. Sie brütet aber nicht, wie die andern Lerchen, den Sommer über dreymal, sondern nur zweymal, und bringet das erstemal fünf, das andere mal vier aus, bey welcher Brut sie sonderlich in die Höhe und wieder abzusteigen, und auf einen Baum fussend, angenehm zu singen pfleget, welches sie aber nicht länger antreibet, als bis ihre Jungen aus dem Neste sind; Diese, wenn sie abfliegen, zerstreuen sich nicht, kommen auch nicht von einander, sondern halten bis zum Strich unaufhörlich beysammen. Junge aus dem Neste aufzuerziehen, mag man sich nur keine Mühe nehmen, denn wenn sie gleich mit Ameis-Eyern aufkommen, dauren sie doch nicht. Das Männlein ist vor dem Weiblein nicht zu erkennen, nach Art fast aller derjenigen Vögel, die einen schönen Gesang haben; doch sind muthmaßlich allezeit dieses die Männlein, die am Kopff und Rücken am meisten schwärtzlicht aussehen. Jhr Gesang ist weit lieblicher, als der Korn-Lerche, mit vielerley Abwechslungen, und fängt damit schon im Februario an, höret vor Johannis nicht auf, und ruffet hernach, wider aller Vögel Gewohnheit, noch vierzehen Tage lang, so hell als im Sommer singende, ihren Abschied aus. Jn dem Singen flieget sie meistent heils so hoch, als die andern Lerchen, und treibt es länger an, pflegt auch allezeit in Bogen zu fliegen, und kan ihren Nachbar nicht so nahe vertragen, als die Feld-Lerche; da sie doch sehr begierig der Lock nachfolget, und nicht, wie die Feld-Lerche, ohne sich daran zu kehren, einfällt und fortstreicht. Daher sich zu verwundern, daß die Feld-Lerche, wider die Gewohnheit der Vögel, die keine Lock achten, mit so unsäglichem Hauffen streichet, dahingegen die Heide-Lerche, wie begierig sie auch der Lock zueilet, dennoch nur in kleinen Hauffen ihre Reise verrichtet; und hat die Natur den Feld-Lerchen vermuthlich etwan deswegen die Art einander zu locken nicht eingepflantzet, weil sie auf flachem Felde ohnedem leicht einander sehen und zusammen kommen können, dahingegen die Heide-Lerchen, wenn sie in Büschen und gantz wüsten Gründen hinstreichen, einander immerdar verlieren würden, wenn sie nicht beständig einander zuruffeten. Sie streichet zur Herbst-Zeit, und zwar gemeiniglich im October, iedoch auch, nachdem die Witterung ist, bisweilen schon im September, und ob sie gleich sonsten in den Feldern häuffig zusammen fallen, werden sie dennoch im Strich selten in grösserer Anzahl, als bey funffzigen, hingegen viel öffter bey zehen und zwölffen gesehen. Jhr Wieder-Strich ist im Februario vierzehen Tage, auch wohl drey Wochen später, als der Korn-Lerche. Jhre Speise bestehet in allerley Gewürme, kleinen von Feld-Blümlein ausfallenden Saamen und klaren Sand, auch, wo sie dazu kommen kan, in Körnern. Wenn man sie fängt, fressen sie anfänglich Weitzen, Haber, Hanff, und was man ihnen vorgiebt; nur dauret es nicht lang, und ist nöthig, wenn man sie bey Leben erhalten will, daß man ihnen allerhand Abwechslung mit dem Futter mache. Zwar eine Zeitlang, etwan sechs oder acht Wochen, nehmen sie mit gedrucktem Hanff unter süssem Qvarck oder Käs vermischt, sonderlich wenn man dürre Ameis-Eyer darunter mengt, gar gerne vorlieb, und wenn es im Frühling ist, singen sie dabey unvergleichlich, wer sie aber länger fortbringen will, der muß mehr Mühe daran wenden, und zu Zeiten Semmel in süsse Milch geweicht, und mit dürren Ameis-Eyern besprengt, vorgeben; zuweilen auch weissen Mohn-Saamen und gedörrtes Rinder-Hertz, welches mit einem Reib-Eisen gerieben wird, mit der andern Speise verwechseln; sobald man aber den April erreichet, lässet man das andere Futter hinweg, und giebt den singenden Heide-Lerchen nichts als frische Ameis-Eyer, bey denen man sich ihrer Gesundheit, so lang man solche bekommen kan, gewiß zu versichern hat. Es dienet auch zu ihrer Erhaltung, wenn sie entweder in dem Vogel-Haus, oder in der Stube lauffend, in einem Kästlein Sand bekommen, welches iedoch so tief seyn muß, daß die Heide-Lerche sich in dem Sand gleichsam vergraben kan; zur Zeit, wenn die Heuschrecken sind, werden ihnen auch dieselbe gefangen, und die grossen zerschnitten, die kleinen aber lebendig vorgeworffen, als welche zur gäntzlichen Erneuerung ihrer Gesundheit dienen. Jhren Fang betreffend, geschiehet solcher, wie bey der Korn-Lerche, kurtz nach ihrer Ankunfft mit dem Nacht-Netze auf nahe bey Schwartz-Holtz gelegenen Feldern; oder, wenn man eine lockende Heide-Lerche hat, mit einer Schlag-Wand, welche man nur im Felde aufschlägt, die Lock-Lerche mitten in den Herd hinein setzet, und sich die in den nächsten Feldern, oder Wacholder-Büschen liegende Heide-Lerchen durch iemand auftreiben lässet, massen selbige auf die Lock gar willig einfallen. Jn den folgenden drey Monaten, paaren sie sich, und verrichten ihre Brut. Jm Julio findet man sie schon zu fünff, sechs bis sieben, nemlich mit ihren Jungen, so sie gebrütet, bersammen liegen, da man sie denn, vermittelst des Lerchen-Fälckleins mit dem Tirasse fangen kan, welches im nächstfolgenden Monat, da sie in der Maus liegen, noch besser angehet, massen man alsdenn nicht einmal einen lebendigen Falcken brauchet, sondern sich zu dem Fange, nur eines von Holtz geschnitzten Fälckleins bedienet, welchen man an einer Schnur mittelst einer Stangen schwinget. Da sie zuvor währender Brut sich etwas weit vom Holtze hinweg begeben, und manche Paar mitten im Feld, an Hügeln, die mit Wacholder-Stauden bewachsen, sich aufhalten, treten sie im Augusto näher zum Wald, und sind daselbst, wenn man Acht giebet, wo sie zu Nachts in Stoppeln liegen bleiben, schon wiederum mit dem Nacht-Garn zu fangen, mit welchem sie, sonderlich im Frühling, sich bedecken lassen, wenn gleich heller Mond-Schein ist, da hingegen die Korn-Lerche nicht hält, es sey denn stock-finster. Zur Zeit, wenn sie im Herbste streichen, sind sie in den Gegenden, wo man die Krammets-Vögel fänget, auf sonderlich hierzu bereiteten Rück-Herden sehr häuffig zu bekommen.

Valentin Trichter, Curiöses Reit- Jagd- Fecht- Tantz- oder Ritter-Exercitien-LexiconLeipzig: Gleditsch 1742 · Sp. 1324–1328Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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