FeedHeilgymnastik
HeilkundeBrockhaus 1882

Heilgymnastik (Kinesiatrik, Kinesitherapie), die methodische Anwendung von Körperbewegungen und Leibesübungen behufs eines Heilzwecks. Während das gewöhnliche Turnen (s. d.) die harmonische Ausbildung der Bewegungsapparate in ihrer Gesamtheit zum Ziele drrr ist die H. auf die Kräftigung einzelner Muskelgruppen gerichtet in Fällen, wo man diese zur Beseitigung von Verbildungen und Verkrümmungen des Körpers, z. B. der Wirbelsäule, oder zur Erhöhung der Funktionen gewisser Organe, z. B. des Unterleibes, für nötig erachtet. Systematisch zur Anwendung gebracht wurde die H. zuerst vorzüglich durch den Schweden Pehr Henrik Ling (geb. 15. Nov. 1776, gest. 3. Mai 1839 zu Stockholm). Diese sog. Schwedische Heilgymnastik unterscheidet drei Arten von Bewegungen: aktive, bei welchen der Kranke, meist in liegender Stellung, allein die Bewegungen ausführt; halb aktive oder duplizierte, bei welchen den Bewegungen des Kranken durch eine zweite Person ein bald stärkerer, bald schwächerer Widerstand entgegengesetzt wird; endlich passive, welche nicht der Kranke, sondern der Heilkünstler am Körper des Kranken vornimmt und welche zumeist mit knetenden, klopfenden oder streichenden Manipulationen (s. Mass age) verbunden werden. Dieses künstliche, sich in einer oft barocken Nomenklatur bewegende System leistet indes keineswegs mehr als das deutsche Gerät— und Freiturnen, wie es zu Heilzwecken namentlich von Schreber (geb. 15. Okt. 1808 zu Leipzig, gest. als Direktor der Orthopädischen Heilanstalt daselbst 10. Nov. 1861) angewendet wurde und seitdem als Zimmergymnastik nicht bloß zur Beseitigun krankhafter Zustände, sondern auch als diätetisches Mittel bei mangelnder anderweiter Körperbewegung mehr und mehr in Aufnahme gekommen ist. Freilich muß beim Turnen zu Heilzwecken durchaus von einem sachverständigen Arzt eine passende Auswahl der Bewegungen getroffen werden. Von den krankhaften Zuständen, gegen welche die H. sich besonders wirksam erweist, sind namentlich Muskelschwäche und Lähmungen, alle Verkrümmungen und Verbildungen des Körpers, die durch eine angewöhnte fehlerhafte Körperhaltung zu Stande kommen, ferner die nach Gicht und Rheumatismus zurückbleibende Gelenksteisigkeit, mangelhafte Entwickelung des Brustkastens und dadurch bedingte Neigung zu Lungenaffektionen, übermäßige Fettbildung und Unterleibsbeschwerden, sowie manche Nervenleiden (Hypochondrie, Hysterie, Gemütsverstimmungen) hervorzuheben; auch gegen fehlerhafte Blutmischung und Störungen im Blutlauf der nethodische rgane pflegen sich regelmäßige und met Psolche Bewegungen nützlich zu erweisen. Nur bei solchen Verkrümmungen und Verbildungen des Körpers, bei welchen das Knochengerüst, z. B. die Wirbelsäule, schon wesentuch in Mitleidenschaft gezogen ist, reicht die H. für sich allein gewöhnlich nicht aus; in den meisten Fällen der Art kann die Anwendung zweckmäßiger Apparate und Maschinen oder die Vornahme gewisser chirurgischer Operationen (Durchschneidung von Muskeln, Sehnen u. dgl.) nicht entbehrt werden. (S. Orthopä die.). ö Litteratur. Rothstein, «Die Gymnastik nach dem System des schwed. 59 Scheeher P.. H. Lingo (5 Bde., Berl. 1848—59); Schreber, «Kinesiatrik oder die gymnastische Heilmethoden (Lpz. 1852); derselbe, Arztliche Zimmergymnastik » (16. Aufl., Lpz. 1879); Eulenburg, «Die schwedische H. (Berl. 1853); Seeger, «Diätetische und ärztliche Zimmergymnastik v (Wien 1878); Averbeck, «Die mediz. Gymnastik (Stuttg. 1882).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 28Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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