FeedHeldengedicht
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Heldengedicht, die Hauptgattung der epischen Poesie. (S. Epos.) „Heldensage (deutsche), der älteste, ursprünglichst-einheimische Kreis deutscher Dichtung, deren Schöpfer nicht einzelne Volt seibi Persönlichkeiten sind, sondern in der das Volk selbst schöpferisch und gestaltend auftritt und, was es an histor. Erinnerungen wie an religiösen Vorstellungen besitzt, poetisch verklärt. Die deutsche Sage hat ohne Zweifel gleich dem deutschen Mythus ihre ersten Keime schon in der asiat. Urheimat getrieben, aber ihr Wachstum wurde durch die Völkerwanderung unterbrochen, die einerseits die alten Sagenbildungen zerstörte, auf der andern Seite nun selbst die Grundlage einer neuen allgemeinen Nationalsage hergab. Diese ist die eigentliche deutsche H. Sie beschäftigte und umfaßte alle german. Völkerschaften von den Alpen bis nach Duuch v von Ungarns Grenze bis nach England durch das ganze Mittelalter; ja selbst heute noch werden Bruchstücke derselben auf den Färöern gesungen, und Spuren von ihr finden sich sogar in der Dichtung der Stämme, welche über den Rhein gewandert und mit Aufgabe ihrer Muttersprache zu Romanen geworden waren. Dieser Wanderung der Sage und ihrer Verbreitung unter den german. Stämmen verdankt man die Erhaltung einer Reihe von Liedern, welche der ursprünglichen Ans rii. und Darstellungsweise noch ziemlich nahe stehen. Sie wurden errettet durch die erst später demChristentum gewonnenen und zäher amAltertümlichen festhaltenden Isländer in der Edda (s. d.). In Deutschland dagegen hat sich aus der ältesten Periode, aus der Zeit der eigentlichen Volksdichtung, nur ein einziges, noch die alte unstrophische, allitterierende Form traendes Bruchstück, das Hildebrandslied (s. d.), erhalien. Eine Erklärung findet der gänzliche Verlust aller übrigen, unzweifelhaft in großer Anzahl neben ihm vorhandenen Lieder darin, daß sie nur gesungen, nicht aufgeschrieben wurden. Zwar hat Karl d. Gr. eine schriftliche Sammlung alter Heldenlieder veranstaltet, aber bei seinen Nachfolgern und der Geistlichkeit scheint der heidnische Inhalt derselben keinen Beifall gefunden zu haben, und die Sammlung ist in keinen Abschriften auf uns gekommen. Erst im 10. Jahrh. änderte sich die bis dahin feindselige Stellung der Geistlichkeit zur Volkspoesie, indem sie unter dem Einfluß des gelehrten sächs. Kaiserhofs sich entschiedener der lat. Dichtung nach klassischen Vorbildern zuwandte, dabei aber wiederum nach heimischen Stoffen griff. So entstand durch Mönche von St. Gallen in der ersten Hälfte des 10. Jahrh. eine lat., den Virgil nachahmende Bearbeitung der Sage von Walther von Hiltgunt, bekannt unter dem Namen Waltharius (s.d.), ferner gegen Ende desselben Wananu durch auf Betrieb des Bischofs Piligrin von Passau durch dessen Schreiber Meister Konrad ein die einzelnen Lieder von Siegfried und dem Untergang der 1ab. Wuch v zusammenfassendes, leider verlorenes lat. Buch von den Nibelungen. Jedenfalls waren 100 mehrere solche, im einzelnen nicht mehr näher nachweisbare lat., aus der deutschen H. entnommene Gedichte vorhanden. Im deutschen im Oer natürlich die H. selbständig fortgelebt und im Gesange geblüht. Aber, dem Fortschritte der Gesittung und der übrigen Litteratur entsprechend, hat auch sie die naturgemäßen Wandlungen durchgemacht, sie hat das Mythische und Wunderbare mehr und mehr abgestreift, das Zerstreute zu besondern Gruppen vereinigt, abgerundet und dieselben durch innere Beziehungen untereinander eng verknüpft. Auch ihre Gestalten gewannen allmählich eine schärfere persönliche Ausprägung und in ihren Handlungen gelangten sittliche Antriebe als ursächliche Grundlage zu immer größerer Geltung, mit einem Worte: das Mythische ward verdunkelt, das Ethische hervorgestellt, die deutsche H. nahm nun mehr und mehr das Kostüm der Zeit an. So war sie innerlich zu kunstmäßiger Auffassung vorbereitet, und es bedurfte nur eines letzten Schritts, um auch die äußere Form der Kunstdichtung entegenzuführen. Aber nicht von den Fahrenden und Epietenden, wie man so lange gemeint, ist diese Durchgangsbildung bewirkt worden, sondern ein Ritter war es, der mit kühner Hand die Schranken durchbrach, die den Adel von der Ausübung der Dichtkunst ferngehalten, und die deutsch-nationale Poesie, die unter der Pflege der Geistlichkeit bisher verkümmerte, in den Händen der Fahrenden vergröberte, mit bewußter, überlegener Kraft zur Kunst erhob. Es war nach der zuerst von Franz Pfeiffer vertretenen Ansicht der Kürnberger, der Sprößling eines alten ansehnlichen Adelsgeschlechts Osterreichs, wo die Volksdichtung früher wie später überhaupt die sorgsamste Pflege fand, der um die Mitte des 12. Jahrh. auf Grund eben jenes schon genannten lat. Nibelungenbuchs die erste große nationale Epopöe, das Nibelungenlied (s. d.), dichtete und damit der deutschen volksmäßigen Epik für alle Zukunft Form und Gehalt, Richtung und Ziel gab. Dies fand eifrige Nachfolger, und vom 12. bis zum 15. Jahrh. gingen aus dem reichen Stoffe der deut-Hih H. zahlreiche mehr oder minder volksmäßige ichtungen hervor: Ortnit, Hug⸗ und Wolldietrich, in drei verschiedenen Gestaltungen; Etzels Hofhaltung, Dietrichs erste Ausfahrt und Drachenkämpfe, Sigenot, Ecke, Goldemar, Biterolf und Dietleib, Laurin, der Rosengarten von Worms, in mehrfachen Darstellungen; Alphart, Dietrichs Flucht, Schlacht vor Raben, das jüngere Hildebrandslied, Walther und Hiltgunt (nur in Bruchstücken erhalten), der gehörnte Siegfried, das Nibelungenlied, die Klage, endlich die Gudrun. n diesen Dichtungen sind hauptsächlich dreierlei Heldengeschlechter verherrlicht: die Amelunge, die Nibelunge und die Hegelinge. Demgemäß umfassen sie drei große Sagenkreise: den gotischen, den rheinisch-burgundischen und den niedersächsischen, deren Mittelpunkt Dietrich (Theodorich d. Gr.), Siegfried und Gudrun bilden. Den größten Raum nehmen die Amelunge, Dietrich von Bern, der eigentliche Held der deutschen Sage, und seine Stammgenossen ein. Doch treffen in den Gedichten dieser Kreise, wie schon im Nibelungenliede, Nibelunge und Amelunge kämpfend zusammen. Die Zeugnisse der deut⸗ + H. sind in musterhafter Weise gesammelt von ilh. Grimm, «Die deutsche H. (Gött. 1829; 2. Ausg., Berl. 1867); Nachlesen dazu haben geliefert Mone, Untersuchungen zur Geschichte der deutschen H.v. (Quedlinb. 1836), und Müllenhoff in Haupts &Zeitschrift für deutsches Altertum (Bd. 12). Eine Bearbeitung hat Raßmann versucht (Die deutsche H. und ihre Heimatv, 2 Bde., Hannov. 1857 —59). Insbesondere ist noch zu nennen Uhlands Darstellung in den «Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sages (Bd. 1, Stuttg. 1865).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 77Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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