Indische Litteratur. Die ind. Litteratur geht mit ihren Anfängen bis auf die vorgeschichtlichen Zeiten der arischen Einwanderung zurück. Wir dürfen annehmen, daß die ältesten Hymnen des Veda, welche jener Epoche der Einwanderung und erst partiellen Seßhaftigkeit der arischen Inder angehören, bis tief in das zweite Jahrtausend v. Chr. hineinreichen, wenn auch ihre schriftliche Fixierung in eine sehr viel spätere Periode fällt. Von jener Zeit an bis auf die Gegenwart haben sich die Hindus eine der umfangreichsten und interessantesten Litteraturen geschaffen, und wir zerlegen dieselbe nach den drei Hauptphasen, welche die sprachliche Entwickelung durchmacht, am natürlichsten in die altind., mittelind. und neuind. Litteratur. Die erste umfaßt die im Sanskrit (Altindisch) niedergelegten schriftlichen Denkmäler; wir können dasselbe als lebendige Sprache des Volks rund bis 500 v. Chr. rechnen, müssen dabei aber festhalten, daß es als Litteratur- und Gelehrtensprache bis auf uoche uuhre Tag weiter existiert. Die mittelind. Epoche begreift die in den Präkrit oder abgeleiteten Sprachen, zu welcher auch das Päli gehört, abgefaßte Litteratur. Beide sind, wie das Sanskrit, früh zu Schriftsprachen entwickelt und grammatisch fixiert worden, und die letztere lebt als die Kirchensprache der südl. Buddhisten auf Ceylon noch gegenwärtig fort. Zu der dritten oder neuind. Epoche, welche wir etwa von 1000 v. Chr. an rechnen, gehört die Litteratur der modernen Dialekte Indiens. Die altindische Epoche zerfällt wiederum in zwei Perioden: die vedische oder geistliche und die nachvedische oder weltliche, auch wohl die klassische Periode oder die Periode des Kunst-Sanskrit genannt. Sie unterscheidet sich von der erstern zunächst in sprachlicher Hinsicht, indem das spätere Sanskrit dem vedischen gegenüber eine große Einbuße in der Flexion, daneben aber eine gewisse konventionelle Starrheit und Gebundenheit des Ausdrucks „Jzeigt, jenes eine Folge des bis zu einem bestimmten Grade ungehindert vor sich gegangenen lautlichen Verfalls, dieses ein Zeichen der schon früh beginnenden Herrschaft der Grammatik über die Sprache. Ein zweiter Unterschied zwischen den beiden Perioden liegt in der metrischen Form, welche in der ältesten, ganz prosalosen Zeit allein, in der spätern, trotz eines sich bald entwickelnden Prosastils, doch vorzugsweise in Betracht kommt. Während die vedische Dichtung als metrisches Prinzip fast ausschließlich die nur im Versauslaut prosodierende Silbenzählung kennt, ist in der spätern Kunstpoesie die rhythmische Quantitierung zum Durchbruch gelangt; zwischen beiden in der Mitte steht der Cloka, die beliebteste Versform des Epos, welches in seinen Haupterscheinungen noch nicht die vollkommene Ausbildung des klassischen Stils verrät. Auch inhaltlich zeigt sich ein deutlicher Gegensatz zwischen den beiden Perioden, insofern die vedische Dichtung, wenn sie sich auch fast nur auf religiöse Dinge bezieht, die Inder noch in einer gewissen Frische und Ursprünglichkeit zeigt, während die spätere Litteratur, trotz ihrer Ausbreitung über alle Gebiete, doch den ind. Geist bereits in seiner einseitigen Entwickelung, mit seiner Abkehr von der unbefangenen Anschauung der Außenwelt und seinem Hange, einerseits zur Reflexion und Grübelei, andererseits zum Formlosen und Ungeheuerlichen, vor Augen führt. Man teilt die vedische Litteratur gewöhnlich in drei Abteilungen: die erste umfaßt die Samhitäs, d. h. die Sammlungen der Lieder und Opfersprüche; die zweite die Brähmanas, d. h. die prosaischen exegetischen Schriften, welche sich an die Samhitäs anschlossen und mit diesen die eruti oder den heiligen Text bildeten, d. h. für geoffenbart oder inspiriert alten; die dritte die Sätras, kurze ebenfalls prosaische Regeln zunächst wie die Brähmanas dogmatisch-ritueller Natur, aber nicht mehr zur Offenbarung (eruti) gehörend, sondern nur die auf jener beruhende Tradition (smrti) bildend. Die Sutras umfaßten mit der Zeit nicht nur die ganze wissenschaftliche Litteratur, welche sich an das Studium des Veda anschloß und unter dem Namen Vedanga (Glied des Veda) in sechs Abteilungen zerfiel (eiksha Woami nirukta Etymologie, kalpa Ceremoniell, vyäkarana Grammatik, chandas Metrik, jyotisha Astronomie), sondern es wurde nach und nach alles, was der wissenschaftlichen Bearbeitung wert schien, im Sutra-Stil bearbeitet; dieser aber später gegen die einfachere metrische Form zunächst des Cloka, dann auch anderer künstlicherer Metra aufgegeben, sodaß selbst die trockensten Wissenschaften, wie die Jurisprudenz (in den Dharmacastrasy) und die Lexikographie (in den Koçaso) in Versen bearbeitet wurden. ö Neben der wissenschaftlichen Litteratur entwickelte sich aber auch frühzeitig in Indien eine, wie wir sagen würden, schöne Litteratur, zu welcher das große Epos Mahbhäarata (s. d.) den übergang bildet. Dasselbe wird weder sprachlich noch metrisch als klassisch anerkannt, steht vielmehr in beiderlei Hinsicht zwischen beiden Perioden in der Mitte. Es gehört seinen verschiedenen Bestandteilen nach verschiedenen Zeitaltern und verschiedenen Verfassern an und ist erst spät, jedenfalls noch nicht in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, in seine jetzige Form gebracht worden. Außer durch diese seine übergangsstellung ist das Mahäbhärata auch als eine sehr reiche Niederlage alten historischen, freilich erst aus einer sagenhaften Umhüllung mühsam herauszuschälenden Stoffs von Bedeutung, was bei dem gänzlichen Mangel rein geschichtlicher Werke in alter Zeit (erst in spätern Jahrhunderten finden sich Königschroniken) doppelt ins Gewicht fällt. Alles dies gilt, wenn auch in beschränkterm Maße, von dem zweiten großen Epos, dem Ramayana (. d.), welches wenigstens seinem Hauptbestandteile nach als das Werk eines Dichters des Valmiki, und bereits als ein Kunstgedicht angesehen wird. Die eigentliche Kunstpoesie (Kavya) beginnt für uns etwa erst um 500 n. Chr., nachdem mehrere ihes Denima ohne irgend ein bemerkbares litterariches Denkmal dahingeflossen sind, sei es, daß die Occupation des Nordens durch barbarische Völker einen Stillstand in der poetischen Thätigkeit herbeiführte oder daß ein Teil der aus den ersten Jahr-Demut unserer Ara stammenden Litteratur veroren ging, oder, was das Wahrscheinlichste ist, daß beide Faktoren zusammenwirkten, wobei der neben oder nach einer längern Produktionslosigkeit anzunehmende Verlust he d. die übergangsprodukte betroffen hätte, welche durch die spätern Meisterstücke eines jeden Genres um so leichter verdunkelt und der Vergessenheit preisgegeben werden konnten. Die poetische Litteratur läßt sich im Sanskrit wie anderswo in Epos, Lyrik und Drama einteilen, wenngleich die Inder das zweite Genre wenigstens theoretisch nicht kennen, so sehr auch, oder vielleicht gerade weil das lyrische Element (Naturschilderungen, Liebesergüsse, Reflexionen, Belehrungen u. s. w.) die gesamte ind. Poesie beherrscht. Von den epischen Kunstgedichten sind die berühmtesten die sog. Mahäkävyäni oder großen Gedichte, zu welchen Meghadütav des Kälidäsa, der Kirätärjuniyav des Bhäravi, der 4Cicupalavadhar des Mägha und das „Naishadhacarita, von einigen auch das Bhattikàvyay gerechnet werden. Einige von diesen Gedichten, namentlich das dritte und sechste, sind mehr lyrischer als epischer Natur; alle behandeln sie mythische oder heroische Stoffe, die meist schon in den beiden großen Epen eine bestimmte künstlerische Form gewonnen haben. Sie zeichnen sich besonders durch Schönheit der Sprache und durch eine große Mannigfaltigkeit der metrischen Form aus, indem nicht nur der alte Cloka, sondern eine Menge rhythmisch-quantitierender Metra in bunter Folge angewandt werden. In einigen Gedichten, wie in dem wohl fälschlich dem Kälidäsa zugeschriebenen Nalodayas, und dem Räghàävapandaviyay des Kaviräja, artet die sprachliche und metrische Wiehung ein zur Spielerei aus. In formeller Beziehung einfacher, aber dem Inhalte nach um so schwülstiger und für den europ. Geschmack unerquicklicher sind die Puränas, umfangreiche Ge-Dielta welche Kosmogonie, Geschichte, Mythologie, Religion und Philosophie behandeln, und zwar auf lter Tradition beruhen, wie sie aber vorliegen, sehr päten Datums sind und zu den letzten Ausläufern er epischen Poesie gehören. Auch die Fabel⸗, Närchen⸗ und Romandichtung hat in Indien in oher Blüte gestanden. Wir erwähnen hier nur ie Hauptwerke dieser durch ihren Einfluß auf das lbendland besonders wichtigen Litteraturgattung, ür die Fabel das Pancatantrao, dessen Auszug der Hitopadeçap ist, für das Märchen den Kathäsaitsägarav, für den Roman das Daçakumäraer Fabel ist der Prosastil für die Handlung weigstens durchgedrungen, während das Raisonnenent die poetische Einkleidung trägt; für den Ronan ist eine eigentümliche, sehr schwerfällige und zekünstelte Prosa herausgebildet worden, welche chon in dem ältesten Werke dieser Art, dem Paçakumäracaritas, sich zeigt. Die lyrische Poesie, soweit sie sich von der epischen trennen läßt, erscheint am häufigsten in der Form einzelner zwei⸗ oder vierzeiliger Strophen, also in Distichen oder Quatrains, die jedes für sich abgeschlossen sind und sich nur selten zu einem größern Ganzen vereinigen. Meist sind diese Sprüche gnomischer, didaktischer oder erotischer Natur, so bei den bekanntesten Dichtern dieser Gattung, Bhartrihari und Amaru. Das Schönste und Wichtigste der sehr bedeutenden ind. Spruchdichtung finden wir in der Sammlung von Böhtlingk (Indische Sprüches, 3 Bde., 2.Aufl. 1870—73) in Text und übersetzung. Größere rein lyrische Gedichte von einheitlicher Komposition sind im ganzen selten; ein Beispiel ist der unter dem Namen des Kälidäsa gehende «Ritusamhäras (die Schilderung der Jahreszeiten), oder der „Gitagovindap des Jayadeva, bei dem die dramatische Einkleidung eine mehr äußere ist. Das Drama (nätya) ist in Indien ebenfalls seit dem Aufblühen der Kunstpoesie stark vertreten, und zwar durch einige Meisterwerke neben einer großen Anzahl mittelmäßiger und schwacher Produkte. Trotz einer durchaus eigenartigen Entwickelung dürfte sich griech. Einfluß im einzelnen hier nicht bestreiten lassen. Zu den ältesten der uns erhaltenen Stücke gehört das «Mrechakatikamo des Königs Eüdraka und die drei Dramen des Kälidäsa, von denen namentlich die Hakuntaläày eins der schönsten und bei uns am längsten bekannten Werke der ind. Litteratur ist. Neben Kälidäsa ist der geschätzteste dramatische Dichter Bhavabhüti, welcher ebenfalls drei Stücke geschrieben hat. Die Dramen der spätern Zeit haben weniger poetischen Wert und verlieren sich meist in Schwulst und Künstelei. Seine Stoffe entnimmt das ind. Drama vorzugsweise der Mythologie und der epischen Heldensage, selten der Geschichte oder dem bürgerlichen Leben. Eigentümlich ist ihm der von der Theorie ausdrücklich vorgeschriebene, in allen Fällen glückliche Ausgang der Handlung, sodaß es eigentlich nur Lustspiele gibt, wenngleich das ernste Schauspiel (nataka) sich von der eigentlichen Komödie oder Posse (prahasana) in der ganzen Anlage deutlich unterscheidet. Die Form der Rede ist aus Prosa und Poesie gemischt; in jener wird der Dialog und die Handlung weiter geführt, während die lyrische Stimmung in gebundener Sprache ihren Ausdruck findet. Nur die Männer und die vornehmen Personen sprechen Sanskrit, die Frauen und Niedriggestellten einen Präkritdialekt. Der Umfang der Dramen ist ein sehr verschiedener; meist sind fünf Akte vorhanden, doch wechselt die Zahl derselben zwischen fünf und zehn. In nahem Zusammenhang mit der Poesie steht die sog. Alamkära (Schmuck, d. h. Redeschmuck— Litteratur, Schriften über Rhetorik und Poetik, welche ihre Theorie aus den Meisterwerken einer jeden Gattung entnehmen und weiter führen, dabei aber auch den Dichtern praktische Regeln über Stil und Komposition an die Hand geben. Sie sind bis jetzt fast ausschließlich in Indien bearbeitet wor— den; eine zusammenhängende Darstellung der poe— tischen Theorie der Inder gibt es noch nicht. Die wichtigsten europ. Arbeiten auf dem Gebiete der Sanskritlitteratur sind: Albrecht Weber, «Ind. Litteraturgeschichtes (2. Aufl., Berl. 1875); für die älteste Zeit M. Müller, «History of ancient Sanskrit literaturep (Lond. 1859); derselbe, The Renaissance of Sanskrit literature in India what can it teach usv (Lond. 1883; namentlich inchronol. Beziehung von höchster Wichtigkeit). Wegen Mono— graphien über einzelne Litteraturgattungen, sowie über einzelne Werke und Ausgaben vgl. unter Sanskrit. Die mittelindische Epoche wird durch die in Päli und Präkrit abgefaßten Schriften eingenommen. Diejenige Entwickelung der Sprache, welche im weitern Sinne Präkrit heißt (worunter dann auch das Päli eingeschlossen ist), rechnen wir rund von 500 v. Chr.; sie wird durch den weiter um sich greifenden lautlichen Verfall charakterisiert, welchen die nicht von der Grammatik beeinflußten Volks— dialekte im Gegensatz zum Sanskrit erleiden. Bald aber entwickelten sich auch hier wieder zu litterari— schen Zwecken Schriftsprachen, während die ge— sprochenen Dialekte den natürlichen Weg gingen und so allmählich den modernen Idiomen Entstehung gaben. Das eigentliche Präkrit im Gegensatz zum Päli zerfällt wiederum in mehrere Dialekte, welche in den Grammatiken in ähnlicher Weise fixiert wurden wie das Sanskrit. Die Präkritlitteratur ist ebenfalls bedeutend, wenn auch nicht so umfangreich wie die Sanskritlitteratur. In den verschiedenen Präkritdialekten ist ein Teil der buddhistischen und der Dschainalitteratur geschrieben; ferner gab es epische, lyrische und dramatische Dichtungen in Präkrit, welche aber durchaus nach Sanskritmustern abgefaßt sind und dieselbe Künstlichkeit in Sprache und Stil zeigen, wie die spätern Produkte der Kunstpoesie des Sanskrit. (S. unter Präkrit.) Das Päli spielt als die Kirchensprache der Buddhisten noch heute ungefähr dieselbe Rolle, welche das Latein im europ. Mittelalter einnahm. Es hat ebenfalls eine reiche Litteratur aufzuweisen, nämlich nicht nur den dreiteiligen buddhistischen Kanon (tripitzaka), sondern auch Legendensammlungen, histor. Werke u. s. w. (S. unter Päli.) Die neuindische Epoche ist zwar auch reich an litterarischen Werken; dieselben sind aber noch we— nig zur Kenntnis der Europäer gelangt und nicht von der Bedeutung wie die Denkmäler der ältern Epochen. Von den nördl. Dialekten hat, namentlich das Hindi und das stark mit semit. Elementen versetzte Hindustani eine reiche Litteratur aufzuweisen; nächstdem das Bengali, wo sich neuerdings eine sanskritische und eine engl. Schule gegenüberstehen, und das Mahrathi, dessen Königschroniken besonders berühmt sind. Im Panjabi sind die heiligen Schriften der Sikhs (s. d.) niedergelegt. In der Litteratur aller dieser Sprachen spielt die Übersetzung, vorzugsweise aus dem Sanskrit, aber auch aus dem Arabischen und Persischen, ja neuerdings auch aus dem Englischen, eine große Rolle. — Verhältnismäßig unabhängiger vom Sanskrit ist die Litteratur der dravidischen Sprachen; doch besteht auch sie vorherrschend aus übersetzungen und Nachbildungen der Kunstwerke des Sanskrit. (S. Indische Sprachen.)