FeedHemeralopie (grch.)
HeilkundeBrockhaus 1882

Hemeralopie (grch.), Nacht⸗ oder Schneeblindheit, ist eine Anomalie der Sehfunktionen, infolge deren die befallenen Augen bei herabgesetzter Beleuchtung, in der Dämmerung oder nachts auffallend schlechter als gesunde Augen, oder auch gar nicht sehen, während ihr Sehvermögen bei guter Tagesbeleuchtung ein vollkommen normales oder doch ein verhältnismäßig gutes ist, und hat ihren Grund in einer herabgesetzten Empfindlichkeit der Retzhaut gegen Licht (torpor retinae). Die H. ist häufig die Folge einer überblendung der Netzhaut, befällt ganz gesunde Augen, wenn diese längere Zeit ohne genügenden Schutz einer sehr grellen Beleuchrung ausgesetzt werden, namentlich wenn die betreffenden Individuen sich in einem mangelhaften Ernährungszustande befinden. Längerer Aufenthalt in Gletschergebirgen, auf Schnee- und Eisfeldern, an oder auf der spiegelnden Meeresfläche oder einem von der Sonne grell beschienenen hellen Boden „bringt die Gefahr der Erkrankung mit sich, die daher besonders Alpen-oder Polarreisende, Schiffsmannschaften u. s. w. befällt und dann leicht einen epidemischen Charakter annimmt. Die Krankheit heilt leicht bei kräftigender Ernährung durch einen mehrwöchentlichen Aufenthalt in dunkeln Räumen, in denen die überblendete Netzhaut ihre Empfindlichkeit für geringere Lichtquantitäten wiedergewinnt, in ähnlicher Weise, wie ein gesundes, aus dem Hellen ins Dunkle gebrachtes Auge im Anfang nichts erkennt und sich erst allmählich orientiert. Eine zweite Form der Nachtblindheit findet ihre Begründung in gewissen krankhaften anatom. Veränderungen des innern Auges, zu denen allermeist eine angeborene Prädisposition vorliegt und deren hauptsächlichste darin besteht, daß die Wandungen der Netzhautgefäße zu dick, die Lumina der letztern sehr eng sind und daß somit die zur Ernährung der dem Sehen direkt dienenden Netzhaut bestimmte Blutmenge eine anomal geringe und unzureichende ist. Der Torpor der Netzhaut ist dann der direkte Ausdruck einer mangelhaften Ernährung derselben, welche, zuerst die äquatorialen Teile der Netzhaut betreffend, schließlich, meist unter gleichzeitig auftretender Bildung eines schwarzen Pigments in ihrem Gewebe, zu vollkommener, auch auf den Sehnerven selbst sich erstreckender Atrophie ausartet (getigerte Netzhaut, Pigmentamaurose). Diese Art der H. ist mithin als Prodromalphase einer zwar nur sehr langsam sich entwickelnden, doch aber schließlich unfehlbar eintretenden unheilbaren Erblindung von schwerster Bedeutung. Charakteristisch für diese Form ist in funktioneller Beziehung die schon in den Anfangsstadien nachweisbare, immer mehr zunehmende Verengerung der Gesichtsfelder, welche die Orientierung der Kranken, auch während sie central noch gut sehen, sehr erschwert. Wie die angeborene Taubstummheit, so wird dieses Leiden, welches stets beide Augen befällt, ziemlich häufig bei Individuen getroffen, welche aus Ehen von Blutsverwandten entsprossen sind, und nicht selten finden sich bei denselben beide Leiden gleichzeitig vor. Endlich kommt, jedenfalls am seltensten, eine dritte Art von H. vor, welche angeboren ist, auf erkennbaren krankhaften anatom. Veränderungen nicht beruht, mit Gesichtsfeldbeschränkungen nicht verbunden ist und ebenso wenig in wahre Sehschwäche oder Erblindung ausartet.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 102Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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