Hypnotismus (grch.), im weitern Sinne der schlafähnliche Zustand, welcher durch die Einverleibung gewisser Substanzen (Narkotika, Alkohol, Blei u. s. mih oder infolge krankhafter Zustände (bei Gehirnkrankheiten, im Typhus, Scharlach u. s. w.) eintritt. Die schlafenden Personen empfinden äußere Eindrücke nur schwach oder gar nicht und können aus dem Schlafe nur schwer oder nicht erweckt werden, schlafen auch sogleich wieder ein. Den Zustand kann man auch künstlich durch Inhalation von Chloroform⸗ oder Atherdämpfen, das fr sog. Anästhesieren (s. d.), herbeiführen, wenn man e Operationen schmerzlos ausführen will. Während der Operation äußern die Kranken iben. oft [1 Schmerz und verfolgen den Gang derselben, als wenn sie bei Bewußtsein wären, leisten aber keinen Widerstand und wissen nach dem Erwachen nichts von dem Geschehenen. Als H. im engern Sinne bezeichnet man neuerdings den leichten, ohnmachtahnlichen Schlaf, in welchen manche, insbesondere [ nervöse Menschen verfallen, wenn sie die Augen stark nach innen und oben richten, z. B. einen kleinen glänzenden, in der Entfernung weniger Centimeter vor das Gesicht gehaltenen Körper eine Viertelstunde oder etwas länger unausgesetzt fixieren. Diese auf der überanstrengung der Augennerven beruhende Methode der Betäubung wurde zuerst in der Mitte des 19. Jahrh. von dem engl. Chirurgen James Braid (geb. 1795 zu Rurt 18 in Schottland, gest. in Manchester 25. März 1860,. nach welchem der H. auch als Braidismus bezeichnet wurde), sowie von Esdaile in Kalkutta und einzelnen franz. Chirurgen als Anästhetikum bei Operationen benutzt, indessen bald wieder infolge ihrer Unzuverlässigkeit, sowie der Entdeckung zweckmäßigerer und sicherer Anästhetika (Ather, Chloralhydrat und Chloroform) gänzlich verlassen. Von neuem wurde die Aufmerksamkeit der Arzte und Laien auf die bereits fast vergessene Entdeckung Braids durch die öffentlichen Experimente und Schaustellungen des dän. Magnetiseurs Karl Hansen gelenkt, welche Ende 1876 —80 überall großes Aufsehen erregten und im emer Zul⸗ darin bestanden, daß er aus der Zahl seiner Zuschauer gewisse ihm geeignet erscheinende Versuchspersonen auswählte, dieselben durch längeres Fixieren eines facettierten, stark funkelnden Glases und durch gewisse streichende Manipulationen in einen ohnmachtähnlichen n Bef versetzte und in diesem Zustande auf seinen Befehl die wunderbarsten Bewegungen und Handlungen ausführen ließ; erst nachdem er die hypnotisierten Personen angehaucht oder mit einem lauten Wach'lv angerufen, erwachten sie aus ihrem angeblich magnetischen Schlafe, ohne sich nach ihrer Versicherung im mindesten der mit ihnen vorgenommenen zum Teil sehr komischen kanipulationen entsinnen können. Wenn auch die Verhandlungen eines von Hansen 1880 in Wien angestrengten Injurienprozesses (enthalten im « it Sichetheit erg Neue Folge, Bd. 16, Lpz. 1881) mit Sicherheit ergaben, daß bei seinen Schaustellungen mancherlei Betrug und Täuschung mit unterlief, so sind doch seine Experimente bei einer eingehenden Prüfung durch zuverlässige Naturforscher und Arzte, unter denen namentlich Berger, Heidenhain, Preyer und Weinhold hervorzuheben sind, nicht nur im allgemeinen bestätigt, sondern auch in vielen Beziehungen erweitert und ergänzt worden. Die genannten Forscher haben streng wissenschaftlich nachgewiesen, daß es sich bei dem angeblichen «Magnetisiereno durchaus nicht um eine geheimnisvolle, von dem Experimentator auf die Versuchsperson überströmende magnetische Kraft oder eine unerklärbare psychische Beeinflussung handelt, sondern daß der H. lediglich infolge einer eigentümlichen, bei den verschiedenen Personen verschieden ausgeprägten Disposition des Nervensystems zu Stande kommt. Wenn durch die länger andauernde Einwirkung gewisser monotoner Sinneseindrücke (anhaltendes Fixieren eines glänzenden Gegenstandes, das einförmige Streichen des Magnetiseurs, das fortgesetzte aufmerksame Behorchen einer tickenden Taschenuhr u. dgl.) bestimmte Teile der Großhirnrinde ermüdet oder gar überreizt werden, so tritt, bei der einen Versuchsperson früher, bei der andern später, ein eigentümlicher Zustand ein, der am besten als Mangel an Selbstbewußtsein und Aufmerksamkeit bezeichnet wird, ähnlich wie nach einer sehr intensiven Erregung der Netzhaut durch sehr Drran Licht eine Ermüdung der . rgane und damit eine vorübergehende Verminderung der Sehschärfe erfolgt. d. diesem hypnotischen Zustande des verminderten Selbstbewußtseins kommen äußere Eindrücke gar nicht mehr zum Bewußtsein, können aber recht wohl noch gewisse reflektorische Bewegungen und Handlungen auslösen, ganz wie ein Mensch, der tief in Gedanken versunken auf der Straße wandelt, alles um sich übersieht und überhört, aber doch instinktiv allen Hindernissen und allen ihm entgegenkommenden Personen ausweicht, ohne sich dessen später entsinnen zu können. Diese unbewußte asddader a des Hypnotischen ist bisweilen so groß, daß er alles nachahmt, was man ihm vormacht, daß er die Hand⸗ und Fußbewegungen des Magnetiseursv nachahmt und Worte, die mittels eines Schalltrichters gegen die Nackengegend oder die Magengrube gerichtet wurden, unwillkürlich nachplappert, selbst wenn dieselben völlig sinnlos sind oder in einer dem Hypnotischen ganz unbekannten Sprache gesprochen werden. Mit der künstlich hervorgerufenen Abwesenheit des Bewußtseins hängt ferner die interessante Erscheinung zusammen, daß die Muskeln der Hypnotischen ganz unempfindlich gegen Schmerzen sind und leicht in Starrkrampf versetzt werden können, wenn man wiederholt leicht mit der Hand über sie hinstreicht. Durch die verdienstvollen Untersuchungen der genannten Forscher sind eine Reihe anscheinend wunderbarer und bis dahin unerklärlicher Erscheinungen, wie der Somnambulismus, der sog. tierische Magnetismus, die häufig beobachtete Ansteckung von Krampfzufällen in Nonnenklöstern und Erziehungsanstalten u. a., unserm Verständnis wesentlich näher gerückt worden. (Chemn. 1880); Heidenhain, «Der sog. tierische Magnetismus „ (Lpz. 1880); Schneider, Die psychol. Ursache der hypnot. Erscheinungen » (Lpz. 1880); Preyer, „Der H.v (Berl. 1881); Aveé-Lallemant, «Der Magnetismus mit seinen mystischen Verirrungeno (Lpz. 1881). Auch in der Tierwelt sind hypnotische Erscheinungen durchaus nicht selten, ja hier länger gekannt als bei dem Menschen. Schon Athanasius Kirchner erwähnt in seiner Ars magna lucis et umbraer (1646) ein «experimentum mirabiles, darin bestehend, daß er eine Henne, deren Beine zusammengebunden waren, auf den Boden niederlegte und in querer Richtung von jedem ihrer Augen einen Kreidestrich zog, worauf das Tier auch nach Lösung der Fessel längere Zeit regungslos liegen blieb. Joh. Nepom. Czermak hat dieses Experiment mit dem nämlichen Erfolg wiederholt; es gelang wohl auch ohne den Kreidestrich, sicherer mit ihm oder wenn den Tieren etwas (ein Holzreiterchen, Stückchen Wachslicht u. s. w.) auf der Schnabelwurzel befestigt wurde. Czermak meint, daß die Tiere diesen fremden Gegenstand unverwandt fixieren und dadurch schließlich in einen so hochgradigen Zustand nervöser Ermüdung geraten, daß sie sogar einschlafen; das Fixieren des Fremdkörpers auf dem Schnabel seitens des Vogels würde also dem obenerwähnten Firieren eines fagettierten Glaskopfs seitens der Versuchspersonen dem Effekt much entsprechen. Es hält nicht schwer, kleinere Vögel durch Niederlegen, besonders auf den Rücken, Krebse durch Aufrechtstellen auf ihren Stirnstachel und auf die Spitzen ihrer Scheren hypnotisch zu machen. Auch die berühmte fascinierende Zauberkraft des Schlangenblicks scheint bei kleinen Tieren unzweifelhaft, vielleicht herev bei nervösen Menschen ähnliche Erscheinungen hervorzurufen. Wahrscheinlich ist auch das Sichtotstellen vieler Insekten, das ihnen ihren Feinden gegenüber nur in den seltensten Fällen nützt, sowie der taumelnde Flug vom Nest aufgescheuchter Kiebitze und anderer Vögel weniger Folge einer List und klugen Überlegung, als vielmehr Lähmungserscheinung, hervorgerufen durch das vor Angst geschwundene Selbstbewußtsein. Vgl. Czermak, «Nachweis echter hypnotischer Erscheinungen bei Tierend (Wien 1873).