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ErdkundeBrockhaus 1882

Hermannstadt (lat. Cibinium, ungar. Nagy-Szeben, rumän. Sibin), Hauptstadt des hermannstädter Komitats in Ungarn (Siebenbürgen), ehemals Hauptstadt des Großfürstentums Siebenbüren, in einer schönen Ebene am Cibinflusse, durch weigbahn nach Kis-Kapus mit der Ungarischen Ostbahn verbunden, besteht aus der Obern Stadt, der Untern Stadt und vier Vorstädten und zählt (1880) 19446 E. ohne Militär, wovon über 12000 Deutsche sind. Die Obere Stadt liegt auf einer Anhöhe, hat einen schönen Marktplatz und gutgepflasterte schöne Straßen. H. hat acht Kirchen, und zwar zwei evangelisch-lutherische, eine evangelis Helweniche eine römisch-katholische, eine griechisch-katholische und drei griechisch-orientalische; ferner zwei Nonnen⸗ und ein Mönchskloster. Unter den öffentlichen Gebäuden zeichnen sich aus: die roße got. Kirche der Lutheraner, die röm.Kath. Pfarrkirche, die Landesirrenanstalt, das Militärhospital, das Franz-Joseph-Bürgerspital, die große Infanteriekaserne, die neue, sehr große Artilleriekaserne, das Gewerbevereinsgebäude, das Theater und der Baron Brukenthalsche Palast. Letzterer enthält eine ansehnliche Bibliothek und eine Münzsammlung, eine sehr schätzenswerte Bildergalerie, eine Sammlung röm. Altertümer und ein Mineralienkabinett. In H. residierte bis 1876 der Sachsengraf, Comes genannt. Jetzt ist H. der Sitz des Superintendenten und des Landeskonsistoriums der Augsburgischen Konfessionsverwandten in Siebenbürgen, sowie eines griech.⸗orient. Erzbischofs, des k. k. Generalkommandos und der Postdirektion für Siebenbürgen. An Schul⸗ und Humanitätsanstalten befinden sich hier: eine königl. Rechtsakademie, eine evang.⸗luth. Volksschule, Obergymnasium und Oberrealschule, ein königl. Staatsgymnasium, eine Normalhauptschule, ein griech.⸗orient. Priesterseminarium, eine Schule für Leibesübungen, eine achtklassige Mädchenschule, eine Mädchenschule der Ursulinerinnen, eine der Franziskanerinnen, ein kath. und ein evang. Waisenhaus, eine Armenanstalt, ein Bürger⸗ und ein Militärspital, die Landesirrenanstalt, ein Zuchthaus u. s. w. Die Einwohner sind sehr betriebsam und liefern an Industrieerzeugnissen: Tuch, Hornkämme, Hüte, Kerzen und Seife, Seilerwaren u. s. w. Auch gibt es viele Gerbereien, mehrere Spiritusfabriken, eine Stearinkerzen⸗ und zwei Sodafabriken, eine große Bierbrauerei, sechs Buchdruckereien und vier Buchhandlungen. Der ehemals große und blühende Handel mit dem Orient ist von keiner großen Bedeutung mehr. Die Umgebungen H.s sind schön. Das nahe Dorf Heltau mit 3136 CE. ist wegen der bedeutenden Wollwebereien berühmt. H. war ursprünglich ein Dorf und wird in einer Urkunde von 1223 noch Villa Hermani genannt. Dieser Hermann, ein nürnberger Bürger, soll 1140 unter König Geisa II. eine Kolonie hierher geführt und den Ort gegründet haben, der 1160 schon viele ansehnliche Häuser besaß und 1224 von König Andreas II. im goldenen Freibrief viele Privilegien erhielt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 146Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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