FeedHessen-Nassau
ErdkundeBrockhaus 1882

Hessen-Nassau, preuß. Provinz zwischen Weser und Rhein, durch Gesetz vom 7. Dez. 1868 aus dem Hauptstock der im J. 1866 eroberten mitteldeutschen Gebiete gebildet. Sie umfaßt das ehemalige Kurfürstentum Hessen (mit Ausnahme der Gemeinden Treis, Katzenberg, Nauheim, Massenheim und Rumpenheim), das ehemalige Herzogtum Nassau (ohne das Amt Reichelsheim und die Gemeinde Haarheim), von der frühern Landgrafschaft Hessen-Homburg den rechtsrhein. Teil, die übrigen 3. Sept. 1866 vom Großherzogtum Hessen abgetretenen Gebiete (die Kreise Vöhl und Biedenkopf nebst den nordwestlichsten Auden 9⸗ des Gießener Kreises, sodann die Gemeinden Rödelheim und Niederursel), das Gebiet der ehemals Freien Stadt Frankfurt (außer den Gemeinden Dortelweil und Niedererlenbach), endlich die 22. Aug. 1866 von Bayern abgetretenen unterfränk. Distrikte (Bezirksamt Gersfeld und Landgerichtsbezirk Orb größtenteils). Die Provinz hat ein Areal von 15682,1 dkm; sie ist ihrer Ausdehnung nach die kleinste unter den 12 vollen Provinzen des Staats, während sie ihrer absoluten Bevölkerungszahl nach die neunte, der Volksdichtigkeit nach die vierte Stelle unter denselben einnimmt. Der zusammenhängende Hauptteil der Provinz grenzt an die preuß. Provinzen Rheinland, Westfalen, Hannover und Sachsen, an das Fürstentum Waldeck, das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, das Königreich Bayern und das Großherzogtum Hessen; er umschließt jedoch die Hbemrooi hess. Provinz Oberhessen und den zur Rheinprovinz gehörenden Kreis Wetzlar. Außer demselben gehören zu H.⸗N. mehrere Exklaven, nämlich die Grafschaft Schaumburg zwischen lippeschem, schaumb.⸗lippeschem, westfäl. und hannov. Gebiete, die Herrschaft Schmalkalden zwischen sachsen-goth., meining., weimar. und zur Provinz Sachsen gehörendem Gebiete, und die Parzellen Barchfeld in meining., Eimelrode und Höringhausen in waldeckschem Gebiete. ö Mit Ausnahme des tiefer gelegenen Main⸗ und Rheinthals zwischen Hanau und Rüdesheim, sowie des schmalen Weserthals im Norden, gehört die Provinz dem mitteldeutschen Gebirgslande an, einem wellenförmigen Terrain mit zahlreichen Bergkuppen, isolierten Gipfeln und größern Gebirgsstöcken, zwischen welchen sich die Thalsenkungen der Werra, Fulda, Kinzig, Nidda, des Main und Rhein und der Lahn, sowie deren Zuflüsse hindurchziehen. stlich der Fulda sind zu nennen der Kaufungerwald, der auf 751 m sich erhebende Meißner, der Eisberg, der Seulingswald und die westl. Abhänge der Rhön, weiter südlich die östl. Ausläufer des Vogelbergs als Wasserscheide zwischen Fulda und Waig owie die nördl. Abhänge des Spessart. Westlich der Fulda erheben sich der Reinhardswald mit dem großen Staufenberge, der Habichtswald, der Lanenberg, der Knüllberg, der Kellerwald, der Hoheohr und der Burgwald, in Nassau nördlich des Lahnflusses der Westerwald mit dem Salzburger Kopf und zwischen Lahn und Rhein der Taunus mit dem großen Puud den 881 m, dem Altkönig, der Hohen Wurzel und dem Niederwald. Im Kreise Rinteln (Schaumburg) erstreckt sich der Süntel; der Kreis Schmalkalden gehört zum Thüringerwalde, dessen 914 m hoher Inselsberg die Grenze berührt. Auf die Stromgebiete der Weser und des Rheins verteilt sich der Flächenraum der Provinz fast genau zu gleichen Teilen. Die Weser berührt und durchschneidet sie auf einer Strecke von 68 km; links fließt ihr die Diemel zu. Die Werra läuft nahe der nordöstl. Grenze der Provinz, zum Teil innerhalb, zum Teil außerhalb derselben; die Fulda liegt mit Ausnahme der kurzen Strecke ganz in H.⸗N. und nimmt links die Eder mit der Schwalm auf. Main und Rhein bilden auf einer Strecke von etwa 150 km die Südwestgrenze der Provinz, bei Frankfurt greift diese Grenze auf 15k6m Flußstrece über das linke Ufer des Mains hinaus, welchem rechts die Kinzig und die Nidda zuströmen. Die Lahn endlich durchschneidet einen großen Teil der Provinz. Das Klima ist im allgemeinen mild und nur in den Gebirgs⸗ und Waldgegenden rauh, der Boden außer dem rauhen Westerwalde und den östlich belegenen Kreisen fast durchgängig fruchtbar. Die Bevolkerung belief sich 1880 auf 1 554 376 Seelen, darunter 1087 901 Evangelische, 420206 Katholiken, 41316 Juden. Von der ertragsfähigen läche des Landes kommen (1878) auf Gärten, Ackerand und Weinberge 624621, Wiesen und Weiden 249549, Holzungen 628997 ha. Man baut Getreide aller Art, von Hülsenfrüchten besonders Bohnen, viel Tabak, Flachs und Obst, letzteres namentlich im Mainthal und im Rheingau von vorzüglicher Güte. Von großer Bedeutung ist der Weinbau. Das gesamte Weinbergsland beträgt 3774 ha. Oberhalb Rüdesheim zieht man hauptsächlich Riesling⸗, im Rheinthal unterhalb Rüdesheim vornehmlich gemischte und Kleinberger Trauben, außerdem Osterreicher, Klebrot, Frühburgunder, Traminer und Orléanstrauben. Der Ertrag ist je nach der Lage und in den einzelnen Jahren je nach der Gunst oder Ungunst der Witterung qualitativ und quantitativ sehr verschieden. Die Waldkultur ist, dem bergigen Charakter des Landes entsprechend, eine sehr ausgedehnte, die Forsten sind reich an Wild, und die zahlreichen Waldbäche sowie die größern Flüsse liefern eine Menge von Fischen. Die Viehucht ist nicht unbedeutend. Jur Förderung der and⸗ und Forstwirtschaft bestehen der landwirtschaftliche Centralverein für den Regierungsbezirk Kassel zu Kassel und der Verein nassauischer Land- und Forstwirte zu Wiesbaden, sowie 35 Zweigvereine und 7 lokale nicht klassisizierte Vereine mit zusammen 6700 Mitgliedern. Einen Schatz besitzt die Provinz an ihren zum Teil stark besuchten Heilquellen, unter welchen besonders Schwalbach (Eisen⸗ und Stahlwasser), Homburg und Kronthal (kalte Kochsalzwasser), Soden und Wiesbaden (warme Kochsalzwasser), Nenndorf und Weilbach (Schwefelwasser), Ems, Fachingen und Selters (alkalische Mineralwasser), Schlangenbad (indifferente Quellen) hervorzuheben ind. Aus mehrern dieser Quellen, namentlich aus Selters, werden alljährlich auch große Massen von Krügen mit Mineralwasser in weite Fernen verschickt. Vorzügliche Kaltwasserheilanstalten befinden sich außerdem zu Dietemühle und Nerothal bei Wiesbaden, Johannisberg und Nassau. Steinkohlen werden nur in der Grafschaft Schaumburg (1882: 105900 t), went auboere (178 000 t) überall gewonnen. Von weit größerer Bedeutung ist dagegen der Erzbergbau. Im J.1882 wurden produziert 660000t Eisenerze, 15600 t Zinkerze, 18800 t Bleierze, 1900 t Kupfererze; die Hüttenproduktion betrug 1882: 29000 t Roheisen, 9000 t Blei, 200 t Kupfer, 13,5 t Silber. Von Industriezweigen sind hervorzuheben: die Fabrikation bearbeiteter Steine, von Marmorwaren und gebrannten Thonwaren im Westerwald, von Holzwaren in den Gebirgsdistrikten, von Obstwein im Mainthal, von Schaumwein in den nassauischen Weindistrikten, die Bierbrauerei, die Tabaks- und Cigarrenfabrikation in Mieianers Hanau und andern Orten, die Baumwollspinnerei und Weberei und die Tuchfabrikation, die Leder⸗ und Lederwarenindustrie, die Papier- und Spielkartenfabrikation, die Schriftgießerei, die Bijouterie⸗, Gold- und Silberwarenfabrikation u. s. w. Die bedeutendsten +7 trie- und Handelsplätze sind Frankfurt a. M., Kassel, Hanau, Wiesbaden, Fulda, Karlshafen, Dillenburg und Limburg. Neben einem ausgedehnten Landstraßennetz vermitteln den Verkehr die natürlichen Wasserstraßen und viele Eisenbahnen. Die Gesamtlänge der schiffbaren Wasserstraßen in der alefeyd beträgt 440 km. Künstliche Schiffahrtskanäle fehlen ganz. Unter der großen Zahl der jährlich stattfindenden Märkte sind die bedeutendsten die Messen zu Frankfurt a. M., Kassel, Hanau und Rinteln, der Wollmarkt zu Diez, der Feizlar, Mat zu Grenzhausen, die Pferdemärkte zu ritzlar, Marburg und Hadamar. Die Interessen des Handels- und Gewerbestandes werden durch die Handelskammern zu Dillenburg, Frankfurta. M., Hanau, Kassel, Limburg und Wiesbaden wahrgenommen. Den Geldverkehr vermitteln die Reichsbankhauptstelle zu Frankfurt a. M., die Reichsbankstelle zu Kassel und die Reichsbanknebenstellen zu Hanau und Wiesbaden, die Privatzettelbanken zu Frankfurt a. M., ferner die Nassauische Landesbank zu Wiesbaden, die Frankfurter Vereinskasse, die Hypothekenbank daselbst und die Dunden und Filiale der Darmstädtischen Bank für Handel und Judustrie, sowie zahlreiche Bankiers, deren Thätigkeit namentlich in Frankfurt a. M. von außerordentlich großer Bedeutung ist. Unter den Unterrichtsanstalten nimmt die 1527 gestiftete Universität zu Marburg den ersten Platz ein. Als sonstige höhere Lehranstalten sind hervorzuheben 12 Gymnasien, 4 Realgymnasien, 9 Realschulen, 12 Realprogymnasien, 6 Schullehrerseminare, ferner mehrere Handels- und Gewerbeschulen, forst⸗ und landwirtschaftliche Lehranstalten, Taubstummeninstitute, Hebammen⸗ und Entbindungsanstalten u. s. w. ollsschulu der Ausbildung und Verbreitung des Volksschulunterrichts nimmt S. N. unter den preuß. Provinzen eine der ersten Stellen ein. Administrativ steht die Provinz unter dem Oberpräsidium zu Kassel und umfaßt die beiden Regierungsbezirke Kassel (s. d.) und Wiesbaden (s. d.); anstatt gemeinschaftlicher Provinzialstände sind für ieden Regierungsbezirk Kommunalstände als begutachtende Körperschaften und zur Kontrolle provinzieller Anstalten eingesetzt. Die Rechtspflege wird geübt durch das Oberlandesgericht zu Kassel, mit den Landgerichten zu Kassel, Hanau und Marburg nebst 76 Amtsgerichten, sowie durch das Oberlandesgericht zu Frankfurt a. M., dem die Landgerichte zu Frankfurt a. M., Hechingen, Limburg a. d. L., Neuwied und Wiesbaden zugeteilt sind. Zu diesen Bezirken gehören 52 Amtsgerichte. In militärischer Beziehung bildet die Provinz wesentlich den Ersatz⸗ und Garnisonsbezirk des 11. Armeekorps (Generalkommando in Kassel, Kommando der 21. Division in Frankfurt a. M., der 22. Division in Kassel), zu dessen Verband indes auch noch die großherzogl. hess. Truppen als 25. Division gehören.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 193Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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