FeedHeyse (Joh. Ludw. Paul)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Heyse (Joh. Ludw. Paul), hervorragender deutscher Dichter, Sohn von Karl Wilhelm Ludwig H., geb. 15. März 1830 zu Berlin, besuchte das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium und widmete sich seit 1847 unter Böckh und Lachmann der klassischen Philologie, wandte sich aber seit 1849 zu Bonn unter Diez dem Studium der roman. Sprachen und Litteraturen zu. Nachdem er 1852 promoviert, mit einer Dissertation über den Refrain in den Liedern der Troubadours (Berl. 1852), unternahm er eine größere Reise durch die Schweiz und Italien, wo er die Bibliotheken nach roman. Sprachdenkmalen durchforschte. Inzwischen hatte er sich mit der Tragödie Francesca von Rimini v (Berl. 1850) und den beiden epischen Erzählungen in Versen: „Die Brüderv (Berl. 1852) und Uricas (Berl. 1852), die später mit den „Idyllen von Sorrenty und andern Dichtungen in den «Hermen »(Berl. 1850 erschienen, vorteilhaft bekannt gemacht, nachdem sein (Jungbrunnenmärchen eines fahrenden Schülersschon vor der Francesca » erschienen war (Berl. 1850; 2. Aufl. 1878). Im Frühjahr 1854 von König Maximilian II. von Bayern nach München berufen, vermählte er sich mit der Tochter Franz Kuglers (Margarete, gest. 30. Sept. 1862), siedelte dann im Frühjahr desselben Jahres nach der Hauptstadt Bayerns über, wo er seitdem seinen dichterischen Bestrebungen lebt und sich 1867 in zweiter Ehe mit Anna Schubart, einer Münchnerin, vermählte. Großen Beifall erhielten seine Novellen⸗ (Berl. 1855; 6. Aufl. 1870), denen sich anschlossen: „Neue Novellen » (Berl. 1858; 6. Aufl., Stuttg. 1880), Vier neue Novellen (Berl. 1859; 4. Aufl 1870), Annina. Neue Novellen» (Berl. 1861; 5. Aufl. w1880), „Meraner Novellen » (Berl. 1864; 6. Aufl. 1879), Fünf neue Novelleno (4. Aufl., Berl. 1872), Novellen und Terzinen » (4. Aufl., Berl. 1880), Moralische Novelleno (2. Aufl., Berl. 1869), „Ein neues Novellenbuch »(Berl. 1871), Neue Novellen „ (Berl. 1875), Neue moralische Novellen⸗ (Berl. 1878), «Das Ding an sich und andere Novelleno (Berl. 1879), Frau von F. und röm. (Berl. 1882), Unvergeßbare Worte und andere Novellen » (3. Aufl., Berl. 1883) und „Buch der Freundschaft » (5. Aufl., Berl. 1883; neue Folge 1884). Außer den erwähnten epischen Erzählungen und Idyllen in den Hermeno sind von seinen übrigen poetischen Arbeiten noch besonders hervorzuheben: „Die Braut von Cypern » (Stuttg. 1856), eine Novelle in Versen, «Thekla» (Stuttg. 1858; 2. Aufl. 1864), ein Gedicht in neun Gesängen, Skizzenbuch. Lieder und Bilder» (Berl. 1877) und „Verse aus Italien» (Berl. 1880). überdies gehören hierher auch die Novelle 4LArabbiata (Berl. 1858; 5. Aufl. 1880), Rafaelv, eine Novelle in Versen (Stuttg. 1863), «Gesammelte Novellen in Versen »(Berl. 1864), „Die Madonna im Hlwaldo (Berl. 1879). Viel Beifall fanden seine Romane: «Kinder der Welt (3 Bde., Berl. 1873; 9. Aufl. 1880) und Im Paradiesey (3 Bde., Berl. 1875; 7. Aufl. 1880). Mit H. Kurz, seit 1884 mit L. Laistner, gab er heraus: „Deutscher Novellenschatzv (Münch. 1871 fg.) und «Novellenschatz des Auslandeso (Münch. 1872 fg.); ferner Neues Münchener Dichterbuch » (Stuttg. 1882). Von H.s dramatischen Dichtungen haben mehrere sich mit großem Erfolg auf der Bühne behauptet; mit Die Sabinerinneno (Berl. 1859, 3. Aufl. 1879) gewann H. 1857 den von König Mar ausgesetzten dramatischen Preis. Seine Dramatischen Dichtungen (Bd. 1—13, Berl. w1864—83) enthalten die Alkibiadesꝰ, Don Juans Endev, und die Schaubergo, Ehre um Ehre », »Die Weiber von Schorndorfo, «Das Recht des Stärkern». Noch schrieb H. die Novellen Das Glück von Rothenburgy (3. Aufl., Augsb. 1882) und „Siechentrostv (2. Aufl., Augsb. 1883), ersteres in Unvergeßbare Worte », das andere in⸗ —— der Freundschaft, Neue Folge » aufgenommen; ferner „Die glücklichen Bettlero, morgenländ. Märchen, frei nach Carlo Gozzi (1866). Als Frucht seiner wissenschaftlichen Thätigkeit veröffentlichte H. unter anderm: «Roman. Inedita, auf ital. Bibliotheken gesammelt » (Berl. 1856). Als trefflicher Ubersetzer bekundete er sich im Span. Liederbuch » (mit Geibel, Berl. 1W917 dem später ein Ital. Liederbuch (Berl. 1860) folgte. Auch hat sich H. vielfach mit Studien über die neuere ital. Litteratur beschäftigt. In dieser Beziehung veröffentlichte er: Antologia dei moderni poeti italianih (Stuttg. 1869), Gedichte von Giuseppe Giusti (deutsch, Stuttg. 1875), ferner Ubersetzungen von Gedichten und Gesprächen Giacomo Leopardis (2 Bde., Berl. 1878). H. veröffentlichte auch eine Ausgabe seiner «Gesammelten Werke» (10 Bde., Berl. 1871 —73; neue Serie, 6 Bde., Berl. 1880 fg.) und gab die „Gesammelten Werke von H. Kurz » 10 Bde., Stuttg. 1874) heraus. H.s Stilgewandteit ebenso wie seine gründliche Kenntnis des Menchenherzens, der Umsang seiner geschichtlichen und ktterarisch en Studien, dazu der Zauber seiner dramatischen Gestaltungskraft machen ihn zu einer der bedeutendsten Erscheinungen in der deutschen Litteratur der Gegenwart.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 215Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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