FeedHippokrätes
HeilkundeBrockhaus 1882

Hippokrätes, genannt der Zweite oder der Große, der berühmteste Arzt des Altertums und der erste, der eine wissenschaftliche Begründung der Heilkunde versuchte, war der Sohn des Asklepiaden (s. d.) Heraklides, eines Priesterarztes auf der Insel Kos, und, wie erzählt wird, der Phänarete, welche ihre Abstammung von Herakles herleitete. Geboren wurde er wahrscheinlich um 460 v. Chr. Nachdem er von seinem Vater in den erblichen Kenntnissen der Asklepiaden unterrichtet worden war, machte er größere Reisen, die ihn auch zu den Ländern am Schwarzen Meere geführt zu haben scheinen. Er hielt sich lange Zeit auf der Insel Thasos, in Abdera und in Thessalien auf und soll, hochangesehen und fast göttlich verehrt, in Larissa, wo man noch lange nachher sein Grabmal zeigte, 377 gestorben sein. Die Größe des H. bestand darin, daß er weder dem Dogmatismus noch der Empirie zu viel huldigte; daß er aus den von seinen Vorgängern (besonders in den Tempeln der Asklepiaden) gesammelten Kenntnissen und Lehren das erfahrungsmäßig Begründetere auszuscheiden wußte; daß er jeden Krank-Lommem teils als selbständig mit allen dabei vorommenden Erscheinungen, teils im Zusammenhange mit der Außenwelt, der Lebensart, dem Klima, der Witterung u. s. w. auffaßte; daß er das Vorhergehende ebenso berücksichtigte wie das Gegenwärtige, und daß er erst aus der ZJusammenstellung aller dieser Thatsachen einen Schluß zog, welcher bei seinem weitern Verfahren und bei seinem Urteil über Verlauf und Ausgang der Krankheit ihm zur Anleitung dienen konnte. Auf diese Art hat er ohne Kenntnis der pathol. Anatomie und anderer Hilfsmittel unserer Zeit die Heilkunde wissenschaftlich begründet. Für alle Zeiten hat so H. ein leuchtendes Vorbild hinterlassen, wie mit geringen Mitteln eine schlichte, vorurteilsfreie, von Hypothesen sich frei haltende Beobachtung zu einer scharfen und vielseitigen Einsicht in das Wesen der Krankheiten und zu einer erfolgreichen Behandlung derselben führen kann. Seine Behandlungsweise der Krankheiten war in der Regel schonend und mild, vorwiegend diätetisch, sodaß man in spätern Zeiten oft Arzte, welche einer solchen zuwartenden, nicht eingreifenden Kurmethode huldigten, deshalb Hippokratiker genannt hat. Gleich seinem großen Zeitgenossen Sokrates stellte sich aber H. nicht an die Spitze einer Schule. Von den vielen Schriften, die dem H. zugeschrieben werden, sind die meisten unecht und einige wohl vor seiner Zeit, andere in seinem Zeitalter, noch andere erst später abgefaßt. Auch die für echt erkannten Schriften des H. sind höchst wahrscheinlich nicht frei von den Zusätzen seines Sohnes Thessalos und seines Schwiegers ohnes Polybos u. a.; von andern, wie den Epidemien, wird ein Teil von ihm, das meiste von andern herrühren. Die besten Ausgaben seiner sämtlichen Werke lieferten Kühn (3 Bde., Lpz. 1826—27) und Ermerins (Bd. 1—3, Utr. 1859—65); eine musterhafte, aber unvollendete deutsche übersetzung Grimm (4 Bde., Altenb. 1781—92; 2. Aufl., 2 Bde., Glogau 1837 —39), sowie Upman (3 Bde., Berl. 1847); eine sehr geschätzte französische Littrelmit Urtext, 10Bde., Par. 1839—61). Vgl. Ilberg, «Studia Peudippocratea (Lpz. 1883).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 254Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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