FeedAnakreon
GeschichteBrockhaus 1882

Anakreon, einer der bedeutendsten griech. Lyriker, war zu Teos in Jonien geboren und wurde von Äakes, dem Vater des Polykrates, nach Samos berufen, um den letztern in der Musik zu unterrichten. Nachdem dieser sich der Herrschaft über die WIn Samos bemächtigt hatte (532 v. Chr.), blieb an dessen Hofe, wo seine hauptsächlich den heitern Lebensgenuß im Dienste der Liebe und des Weins feiernde Dichtung ihre schönsten Blüten entfaltete. Nach dem Sturze des Polykrates (522) wurde A. von Hipparchos, dem Sohne des Peisistratos, auf einem eigens dazu abgesandten Schiffe nach Athen gebracht, wo er mit Hipparch selbst, mit Xanthippos, dem Vater des Perikles, und mit andern vornehmen Athenern in engem Verkehr lebte. Von Athen, welches er entweder gleich nach der Ermordung des Hipparchos (514) oder doch nach der Vertreibung des Hippias (510) verließ, scheint er sich zunächst nach Larissa in Thessalien zu Echekratidas, einem Dynasten aus dem Geschlechte der Aleuaden, begeben zu haben. Seine letzten Lebensjahre hat er wohl in seiner Heimat Teos oder in deren Tochterstadt Abdera zugebracht; gestorben ist er einige Zeit nach 495 v. Chr., angeblich im Alter von 85 J., nach sagenhafter Ausschmückung an einer vertrockneten Weinbeere. Die Teier setzten sein Bild auf ihre Münzen und zeigten sein Grab (das freilich auch ein sog. Kenotaphion gewesen sein kann); in Athen errichtete man ihm auf der Akropolis eine Statue in Gestalt eines vom Weine trunkenen Sängers neben der des Tanthippos. Von einer sitzenden Statue desselben in Teos ist vielleicht eine Statue der Villa Borghese zu Rom eine Nachbildung. Von seinen im ion. Dialekt in sehr mannigfaltigen Rhythmen abgefaßten Dichtungen sind nur Fragmente erhalten (gesammelt von Th. Bergk als «Anacreontis carminum reliquiaen, Lpz. 1834, und in dessen Poetae Iyrici graecin, Bd. 3, Lpz. 1867). — Mit Unrecht tragen A.s Namen die sog. Anacreontea, eine Sammlung von einigen 60 tändelnden Liedchen in kurzen Verszeilen (teils katalektisch-iambische Dimeter: kleinern Teil noch aus der alexandrinischen Periode, zum größern Teil aus der röm. und aus der frühen byzant. Zeit stammen. Dieselben wurden häufig herausgegeben (namentlich von Th. Bergk in den Poetaè lyrici graecio, Bd. 4, Lpz. 1867) und ins Deutsche übertragen (namentlich von K. Uschner, Berl. 1864, und von Ed. Mörike, Stuttg. 1869).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 598Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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