Historische Vereine nennt man in Deutschland alle diejenigen wissenschaftlichen Institute, welche ihre gemeinsame Thätigkeit der vaterländischen Geschichts- und Altertumskunde in freier Forschung widmen. Den ersten Anstoß zur Begründung derselben gab die auf Anregung des Ministers von Stein 20. Jan. 1819 gestiftete «Gesellschaft für Deutschlands ältere Geschichtskunderv zu Frankfurt a. M., welche sich die kritische Gesamtausgabe der Quellenschriftsteller des deutschen Mittelalters (Monumenta Germaniae historicao) als Aufgabe stellte. Die rüstige Thätigkeit dieser Gesellschaft erweckte einen neuen Eifer für die Geschichtsforschung, und es entstanden alsbald histor. Vereine, welche f sich teils die Sammlung, teils die Nutzbarmachung des Materials für Geschichte und Alter⸗ d tumskunde einzelner Provinzen und Gaue sowie f selbst einzelner bedeutender Städte zum Zwecke setzten und die im wesentlichen ziemlich übereinstim: 6 mend organisiert sind, Bibliotheken und Sammlungen angelegt und periodische Schriften begründet haben, in denen sie die Ergebnisse ihrer Forschungen verösfentlichen. Auf ihre Veranlassung und teilweise auf ihre Kosten wurde auch eine Reihe von Quellenschriften, Urkundensammlungen u. s. w.5 bearbeitet und herausgegeben. Eine nähere Ver-t bindung und wechselseitige Teilnahme an den Arbeiten dieser Vereine suchte zuerst Wigand durch die „Jahrbücher der Vereine für Geschichte und Altertumskundey (12 Hefte, Lemgo 1831 —-32) zu bewirken. Später erhielten dieselben in A. Schmidts Allgemeiner Zeitschrift für Geschichtes (10 Bde., Berl. 1844—48) wieder ein gemeinschaftliches kritisches Organ. Hervorzuheben ist auch Walthers „Systematisches Repertorium über die Schriften sämtlicher histor. Gesellschaften Deutschlands„ (Darmst. 1845). Nach wiederholten Versuchen gelang es endlich den allgemeinen Versammlungen der deutschen Geschichts⸗ und Altertumsforscher zu Dresden und zu Mainz 1852, die zahlreichen Einelvereine zu einem Gesamtverein zu vereinigen, er eine jährliche Wanderversammlung abhält und dessen Verwaltungsausschuß seit 1853 das Korrespondenzblatt des Gesamtvereins der deutschen Geschichts⸗ und Altertumsvereiner herausgibt. Durch dieselbe Generalversammlung von 1852 ward das Römisch-Germanische Centralmuseum in Mainz begründet, dessen Aufgabe ist, eine übersichtliche Sammlung der heidnischen Altertümer aus allen deutschen Ländern durch plastische und kolorierte Nachbildungen herzustellen. Das gleichzeitig beründete Germanische Nationalmuseum (f. d.) in rnberg beschränkt sich im wesentlichen auf das Mittelalter und die neuere Zeit. Eines besondern Gedeihens erfreute sich von Anfang an das histor. Vereinswesen in Bayern, wo dasselbe von der Regierung unterstützt wird und mit der Akademie der Wissenschaften zu München in Verbindung steht. Unter König Maximilian II. wurde 1858 eine eigene Historische Kommission begründet, die bereits für allgemeine deutsche Geschichte viel geleistet hat Sammlung und Herausgabe der deutschen Reichstagsakten, der ältern Hänserezesse, der deutschen Städtechroniken, der deutschen Weistümer u. s. w., allgemeine deutsche Biographie und Geschichte der Wissenschaften in Deutschland); auch werden mit Unterstützung derselben die Jahrbücher der deutschen Geschichtes und eine Zeitschrift: Forschungen zur deutschen Geschichtes herausgegeben. Ahnliche Ziele hat die 1883 entstandene Badische histor. Kommissiono, welche gleichfalls mit Staatsmitteln arbeitet. Außerdem wirken jetzt fast in allen einzelnen Provinzen und größern Städten Deutschlands, Osterreich-Ungarns, der Schweiz und der russ. Ostseeprovinzen histor. Vereine mit mehr oder minder Erfolg. Der bedeutendste Verein ist jetzt wohl der 1870 gegründete «Hansische Ges ichtsvereino, welcher auch die meisten Städte im Bereich des alten Bundes der Hansa beigetreten sind. Auf dem Gebiete der prähistor. Archäologie (s. Urgeschichte) haben dieselben neuerdings eifrige Mitarbeiter gefunden in den sog. Anthrovologischen Gesellschaften, unter denen die in Berlin, Wien und München besonders hervorragen. Den Mittelpunkt dieser bildet die 1870 gestiftete «Deutsche Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichtes, welche eine jahrliche Wanderversammlung abhält und ein Korrespondenzblatto herausgibt. Außer diesen Vereinen und ihren Publikationen gibt es viele Zeitschriften, welche die Arbeiten der Geschichts- und Altertumsforscher über einzelne deutsche Länder und Gaue vereinigen, zu denen als allgemeines Organ für die histor. Forschung in Deutschland 1859 Sybels Histor. Zeitschrifto hinzutrat. Ähnliche Gesellschaften für Geschichts⸗ und Altertumskunde bestehen auch in den meisten übrigen Ländern Europas, Nordamerikas u. s. w. und neuerdings sind für diese Zweige der Wissenschaft auch internationale Kongresse, z. B. der Anthropologen, Archäologen u. s. w., zusammengetreten.