FeedHolzschneidekunst
Bildende KunstBrockhaus 1882

Holzschneidekunst oder Xylographie heißt der Zweig der vervielfältigenden graphischen Künste, welcher das abzudruckende Bild mit erhaben ausgearbeiteten Linien aus einer Holzplatte herausschneidet. In den ersten Jahrhunderten der H. bediente man sich des Birnbaumholzes und schnitt aus der Länge der Faser, später und auch gegenwärtig des Buchsbaums, und zwar des quergesägten und polierten Stocks, den man, statt wie früher mit dem Messer, mit dem Grabstichel bearbeitet. In der auf weiße Grundierung aufgetragenen Zeichnung werden mit Schonung der Linien alle Zwischenräume zu solcher Tiefe ausgehoben, daß sie beim Einschwärzen der Platte von der Farbe nicht berührt werden. Das letztere geschieht mittels der Walze; der Abdruck wird auf mäßig angefeuchtetes Papier, seltener auf Pergament, Zeug und andere Stoffe gemacht. Vorzüglich eignet sich der Holzschnitt zur Illustrierung von Büchern, da der Stock in den Letternsatz eingeschoben und mit diesem abgedruckt werden kann. Die frühesten Spuren der H. will man in China finden, wo sie noch gegenwärtig zum Bücherdruck benutzt wird; es leitet aber keine Spur darauf, daß ihre Kenntnis von dort in das Abendland gelangt sei. Die Römer besaßen Stempel von Bronze mit erhaben aufstehenden Buchstaben; solche mit Hausmarken versehen, den sog. Hausbrand, kannte auch das Mittelalter und fertigte sie später aus Eisen und Holz. Sie gaben vielleicht den ersten Anlaß zur Entstehung des Formschnittes, der als Modellschnitt noch nach anderer Seite hin zur Ausbildung kam. Der Holzschnitt im engern Sinne scheint zuerst angewandt worden zu sein, um Umrisse für Stickereien auf Leinwand und Muster auf Stoffen im Sinne des spätern Kattundrucks, herzustellen. Proben einer derartigen Verwendung gehen bis in das 14. Jahrh. zurück und weisen auf Süditalien. Die Spielkarten, von welchen man sonst den Ausgang des Holzschnittes ableitete, stehen den erhaltenen Dokumenten nach erst in zweiter Reihe. Spuren eingepreßter Zeichnungen auf Pergament aus dem 12. Jahrh. können um so weniger als Anfang des Holzschnittes angesehen werden, als sie in ihrer Vereinzelung keinen Hinweis auf allgemeine Übung liefern und die ältesten Erzeugnisse dieses Kunstzweigs, die 3 Reiberdrucke, eine ganz verschiedene Technik erkennen lassen. Denn diese sind entstanden, indem man das feuchte Papier auf die mit dem Ballen geschwärzte Platte legte und so lange bearbeitete, bis der Abdruck sich vollzogen hatte. Die ältesten Holzschnitte behandeln fast ausschließlich religiöse Vorwürfe, erscheinen mit dicken unbeholfen hergestellten Umrissen, ohne Schraffierung, und nachträglich leicht koloriert, da man ohne Zweifel die längst bekannten Andachtsbilder in Miniaturmalerei dadurch populär zu machen beabsichtigte. Der frühest datierte Holzschnitt, ein heil. Christoph, aufgefunden in der Kartause zu Buxheim, gegenwärtig im Besitz des Lord Spencer, trägt die Jahreszahl 1423. Bald schritt man zum Druck ganzer Bücher vermittelst geschnittener Holzplatten, wobei eine und dieselbe Platte Text und Bilder umfaßte: der erste Schritt zu Gutenbergs Erfindung der Buchdruckerkunst, dessen Verdienst bekanntlich besonders darin bestand, die Lettern beweglich herzustellen. Unter den alten Plattendrucken treten mit vielen Auflagen die lat. Armenbibel (Biblia pauperumo), die Kunst zu sterben (EArs moriendi ), der Heilsspiegel (Speculum salvationisv) u. a. in den Vordergrund. Auch nach Einführung des spätern Buchdrucks blieb der Holzschnitt dessen getreuer Begleiter, und das 15. Jahrh. sah noch viele illustrierte Werke, selbst solche naturwissenschaftlichen Inhalts. Das bedeutendste Buch dieser Art ist die von Hartmann Schedel zu Rürnberg herausgegebene, von Michael Wohlgemuth und Hans Pleydenwurf mit Holzschnitten versehene «Weltchronik» (1493). Bis zu dieser Zeit hatte auch die Technik des Holzschnittes Fortschritte gemacht; die Schraffierung war aufgenommen worden und selbst Kreuzlagen der Linien wurden mit Geschick behandelt. Auf eine bisher unbekannte Höhe und zu wahrhaft künstlerischer Bedeutung hob ihn aber erst Albrecht Dürer in seinen Bildern zur a Apokalypser (1498), welchen seine übrigen Folgen und Einzelblätter mit stets wachsender Meisterschaft der Ausführung sich anreihten, so die große und die kleine Passion, das Leben der Maria (sämtlich 1511 herausgegeben), die Ehrenpforte Kaiser Maximilians (1515), der Triumphwagen u. a. Von den Zeitgenossen und Schülern Dürers betraten manche mit Glück und außerordentlicher Produktivität die von jenem eröffnete Bahn, so Hans Burgkmair von Augsburg, welcher für Marimilian I. einen großen II zug zeichnete und dessen Schriften, den Theuerdank und „Weißkunigo, mit Illustrationen versah, Hans Holbein der Jüngere, berühmt durch seinen Totentanz, Hans Springinklee, Hans Baldung Grün, Hans Schäufelein, Hans Guldenmundt, Hans Sebald Beham, Albrecht Altorfer, Erhard Schön, Anton Woensam von Worms, Georg Weechtlinu. a. Die sächs. Schule war hauptsächlich durch Lukas Cranach vertreten, der Norden Deutschlands durch Heinr. Aldegrever und Melchior Lerch. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. zeichneten sich aus Virgil Solis zu Nürnberg, die Schweizer Jost Amman, Tobias Stimmer, Christoph Maurer und Nikolaus Manuel, genannt Deutsch, welche indes zum Teil auch in Deutschland ihr Arbeitsfeld fanden. 52 den Niederlanden war ebenfalls schon früh der Formschnitt eifrig kultiviert worden. Lukas von Leiden behandelte ihn in Nachahmung Dürers in einigen Blättern; zu einer eigentümlichen Blüte gelangte er daselbst aber erst gegen Ausgang des Reformationszeitalters, als die bedeutendsten Künstler, selbst Peter Paul Rubens, für ihn zu zeichnen begannen. Sein eigentliches Gebiet war hier das Clairobscur oder der Tondruck, welcher nur die Umrisse und Hauptschatten in schwarzen Linien, die weitern Abstufungen des letztern in meistens grauen oder bräunlichen Tönen gibt, die mit besondern Platten aufgesetzt werden, während die Lichter meist ausgespart stehen bleiben. Von hervorragenden Künstlern sind hier zu nennen: Heinr. Goltzius, Abraham Bloemart, Paul Moreelse, Jan Lievens u. a. Die Italiener, im ganzen in der Kunst des Holzschnittes weniger ausgezeichnet, schreiben sich die Erfindung des Clairobscur zu, so namentlich Hugo da Carpi in einer Schrift von 1516, während die Deutschen, z. B. Burgkmair. L. Cranach u. a., viel früher schon Treffliches auf diesem Gebiet leisteten. Auch Rafael und Tizian zeichneten für den Holzschnitt. Sonst sind zu nennen: Antonio Fantuzzi, Nicolo Boldrini, Andrea Andreani u. f. w. Übrigens arbeiteten auch Deutsche in Italien, wie ebenfalls in Frankreich, wo namentlich in Lyon sich eine Schule tüchtiger Holzschneider herausbildete. Pariser Drucke erhalten schon um 1500 Illustrationen, namentlich Randeinfassungen von großer Feinheit der Ausführung. Auch der spätere franz. Holzschnitt beschränkt sich fast gänzlich auf dieses Gebiet, ebenso der englische und der anderer europ. Länder, soweit er gepflegt wurde. Die eigentliche Heimat dieser Kunstübung blieb aber immer Deutschland. Hier lieferte sie von miniaturartiger Ausführung bis zur derben Behandlung großer Tableaus, auch auf den Gebieten des Porträts, des Prospekts und selbst der Kartographie die meisten selbständigen und viele bewunderungswürdige Arbeiten. Die früher viel behandelte Frage wegen der eigenhändigen Ausführung der Holzstöcke von seiten der Künstler ist mit Sicherheit dahin zu entscheiden, daß diese nur ausnahmsweise statthatte. Berühmte Xylographen der ältern Zeit sind Hieronymus Andre (Resch), der für Dürer, Hans Lützelburger, welcher für Holbein, und Jost Danecker, welcher unter anderm für Burgkmair schnitt. Im Laufe des 16. Jahrh. wurde der Holzschnitt immer populärer und verbreiteter. Nicht nur wurden mehr und mehr Bücher, außer Bibeln und Andachtsbüchern auch Chroniken, Bearbeitungen der Klassiker, Romane, Natur- und Reisebeschreibungen mit Abbildungen versehen, auch Einzelblätter, Berichte wichtiger Ereignisse, Kalender, namentlich Karikaturen, wurden darin ausgeführt. Inzwischen hatte aber der Kupferstich eine Ausbreitung und eine Gunst gewonnen, die dem Holzschnitt rasch gefährlich werden sollten. Das Zeitalter wendete sich ihm wie mit einem Schlage zu, und schnell sank der Holzschnitt von seiner Höhe herab. Von den Büchern gingen zuerst die Titel an den Kupferstich über, dann auch die größern innern Bilder, und nur Culs-de-Lampe und Vignetten blieben dem Holzschnitt, der nun meist handwerksmäßig gearbeitet wurde, da alle bessern Kräfte sich dem Kupferstich zugewendet hatten. Mit dem Dreißigjährigen Kriege ging der Holzschnitt fast völlig unter und beschränkte sich wieder auf das, womit er 200 Talen früher begonnen, auf Fibeln, Spielkarten, lalender und Buchdruckerzieraten. Nur seine Fähigkeit, eine sehr große Anzahl von Abdrücken zu erleiden und sich in den gewöhnlichen Letternsatz zu schmiegen, hielt ihn überhauyt. Erst mit dem 19. Jahrh. begann seine Wiederaufnahme, und zwar durch die Engländer. Als der Vater der neuern H. in England gilt Thomas Bewick (s. d.), auf welchen zunächst die Geschwister Byfield folgten. Durch die sehr vervollkommnete Methode des Ab— klatschens oder Clichierens (s. d.) wurde es möglich, nicht nur die Platten illustrierter Werke an ähnliche Unternehmungen auf dem Kontinent abzutreten, sondern auch der Originalausgabe, und wenn sie auch bis auf viele tausend Exemplare stieg, stets scharfe und gute Abdrücke zu sichern. In Frankreich hat sich seit der Restaurationszeit ein eigener Illustrationsstil gebildet, der mit der größten Gewandtheit gehandhabt wird. Deutschland, lange Zeit von den engl. und franz. Holzschneidern noch sehr abhängig, hat sich neuerdings durchaus emanzipiert. Schon im 18. Jahrh. hatten Unger Vater und Sohn in Berlin die Bahn gebrochen; ihnen waren Gubitz und Unzelmann daselbst mit den schönsten Leistungen nachgefolgt. Aus ihrer Schule sind mit Auszeichnung noch die Brüder Vogel zu nennen, die Hauptverfertiger der Abbildungen zu den Werken Friedrichs d. Gr., die Menzel zeichnete. In Wien übte Blasius Höfel die H. mit großer Virtuosität, in Leipzig Eduard Kretschmar, später die Xylographische Anstalt von J. J. Weber, in Darmstadt Pfnorr. In Dresden hat zuerst Hugo Bürkner eine ausgezeich— nete Anstalt eingerichtet, und neben ihm bestand die Gabersche. Bürkners Schnitte nach Ludw. Richterschen Zeichnungen gehören zu den vollendetsten. Bald befanden sich tüchtige Künstler und rylogra— phische Anstalten in allen deutschen Städten, wo Kunst gepflegt wird. Die Hauptverbesserungen, welche die H. und die Herstellung von Abdrücken der Holzschnitte in neuerer Zeit erfahren, sind technischer Art und hauptsächlich in vollkommenern Werkzeugen, Hilfsmaschinen und zweckmäßig konstruierten Druckpressen. Die Klippe aber, an welcher auch geschickte Künstler nicht immer vorbeizusteuern vermögen, ist die Nachahmung des Kupfer- und Stahlstichs, welchen die H. in dem, was jenen eigen ih. doch nie erreichen kann. Die wahre Aufgabe der H. besteht darin, in Gemäßheit ihrer kräftigen Einfachheit, ihrer breiten und tiefen Schatten und ihrer derben Kontraste jeden Gegenstand auf charakteristische, in die Augen fallende Weise zu veranschaulichen. Diese Weise der H. vertritt zumeist die dresdener und münchener Schule, während andere wieder sich mehr zur Virtuosität in der Nachahmung der freien Radierung hinneigen. Stuttgart, Düsseldorf und Leipzig sind sämtlich in beiden Schulen gerecht und leisten in dem Schnitte feiner und in engen Strichlagen ausgeführter Xylographien das Mögliche; in Braunschweig gelangte der Schnitt von technischen Darstellungen zuerst durch Vieweg zu großer Vollendung. Die Ausbreitung der Holzschnitt-Illustration ist durch die Erfindung, anstatt der weniger haltbaren Blei-Clichés sehr scharfe und originalgetreue Kupfer-Cliches (Galvanos) durch Galvanoplastik herzustellen, noch wesentlich gefördert worden. Mit der Geschichte der H. haben sich hauptsächlich Brulliot, Laborde, Heller, Rumohr, Sotzmann, Rud. Weigel, Poung und Amb. Firmin Didot beschäftigt. Vgl. Schaßler, «Die Schule der H.» (Lpz. 1866), und „Holzschnitte des 14. und 15. Jahrh. im Germanischen Nationalmuseumo (2 Bde., 164 Tafeln, Nürnb. 1875).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 358Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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