Huß oder Hus (Johs.), der Reformator Böhmens, geb. 6. Juli 1369 zu Hussinetz bei Prachatitz im südl. Böhmen, war der Sohn wohlhabender Bauern czech. Stammes, studierte seit 1389 zu Prag, erhielt die Priesterweihe, ward 1393 Baccalaureus der freien Künste, 1394 Baccalaureus der Theologie, 1396 Magister der freien Künste. Im J. 1398 begann er Vorlesungen an der Universität zu halten und erwarb sich rasch solches Ansehen, daß er Okt. 1401 Dekan der philos. Fakultät wurde und von Okt. 1402 bis April 1403 das Rektorat der prager Universität bekleidete. Schon bei einer Disputation vom J. 1399 zeigte sich, daß H. in manchen Punkten den Lehren Wicliffes zustimmte. Darin bestärkte ihn die verwandte Gesinnung mehrerer seiner Lehrer zu Prag, wie des Magisters Niklas von Leitomischl, des Stephan Palec und vor allem des Magisters Stanislaus von Znaim. Nach seiner Ernennung zum Pfarrer an der Bethlehemskapelle (1402) trat H. immer entschiedener gegen die Verweltlichung der Kirche auf. Falsch ist die Ansicht der Slawophilen (Nowikow, Hilferding u. a.), H habe nur die noch vorhandenen Erinnerungen an die altmähr. Kirche, wie sie von Cyrill und Methodius begründet war, erneuert. Man findet bei H. nirgends eine Berufung auf dieselben. H. war ein eifriger Förderer der gzech. ateinpch Er gab ihr eine neue Orthographie (lateinisch und czechisch herausg. von Sembera, Wien 1857), welche bis zum Verfall der czech. Bildung galt, zu Anfang des 19. Jahrh. wieder aufgenommen wurde und noch jetzt mit wenigen Veränderungen beobachtet wird. Durch den musterhaften Stil seiner czech. Predigten, Traktate, Briefe u. s. w. (gesammelt von Erben, «Mistra Jana Husi Sebrané spisy Seskér, 3 Bde., Prag 1865—68) gehört H. zu den hervorragendsten czech. Schriftstellern. Auch gilt er als Dichter dreier geistlicher Lieder in czech. Sprache labgedruckt im Kralitzer Cancionalo 1576). In seinen kirchlichen Reformbestrebungen ging H. anfangs nicht über die Forderung hinaus, daß durch eine gründliche Reform der Kirche an Haupt und Gliedern die schreienden Mißstände beseitigt würden, welche die Verweltlichung des Klerus zur Folge hatte. Daher erklärt es sich, daß er nicht bloß weite Kreise des Volks für sich gewann, sondern gleichzeitig der Gunst des Königs und des Erzbischofs sich erfreute. König Wenzel bestellte H. zum Beichtvater der Königin Sophie. Der Erzbischof Sbynek ernannte 1403 H. und seinen Gesinnungsgenossen Stanislaus von Znaim zu Synodalpredigern. Ein Konflikt entstand zuerst an der Universität. Hier wurden 1403 aus den Schriften Wicliffes 45 Sätze als ketzerische Irrtümer bezeichnet. Vergebens behauptete H., jene Sätze seien von Wicliffe gar nicht in dem Sinne geschrieben, welcher ihnen hier beigelegt werde. Nur die böhm. Nation trat ihm bei, während die drei übrigen in der Verurteilung Wicliffes einig waren; 1408 wurde sie nochmals wiederholt. Unterdessen hatten die polit. Verhältnisse eine Spannung zwischen dem röm. Papst und dem König von Böhmen herbeigeführt. Wenzel wünschte die Zustimmung und Unterstützung der Universität Prag, und um sie zu erhalten, verfügte er durch ein Dekret vom 18. Jan. 1409, daß die böhm. Nation in allen Angelegenheiten der Universität drei, die übrigen drei Nationen zusammen nur eine Stimme haben sollten, während sonst jede Nation eine Stimme hatte. Die Folge war, daß Tausende von Studenten und Lehrern auswanderten und die Universität Leipzig gründeten. Welchen Anteil H. an dieser Maßregel gehabt hat, läßt sich nicht sicher feststellen, doch hal er selbst später behauptet, sie veranlaßt zu aben, und die Universität wählte ihn sofort nach jenem Ereignis zu ihrem Rektor. Infolge einer Beschwerde der Geistlichen, H. gebe sie der Verachtung des Volks preis, entzog ihm der Erzbischof 1408 den Auftrag als Synodalprediger und untersagte ihm bald darauf alle priesterlichen Funktionen. Ferner veranlaßte er Papst Alexander V., in einer Bulle vom 20. Dez. 1409 die Verbreitung Wicliffitib94 Irrlehren und das Predigen an andern als en Son aewetpfeiß Orten bei Strafe der Exkommunikation zu verbieten. Infolge dessen ließ der Erzbischof am 16. Juli 1410 mehr als 200 Bände von Schriften Wicliffes verbrennen und sprach am 18. Juli den Bann über H. aus. Dieser jedoch ließ sich nicht einschüchtern, sondern trat auf Katheder und Kanzel immer energischer für eine Reform der Kirche ein. Der Tod des Erzbischofs (28. Sept. 1411) führte noch einen kurzen Stillstand des Kampfes herbei. „Als aber Papst Johann XXIII. Herbst 1411 für einen Kreuzzug gegen König Ladislaus von Negpel einen Ablaß ausschrieb, welcher Mai 1412 auch in Prag feilgeboten wurde, trat H. mit aller Entschiedenheit gegen diesen Mißbrauch auf. Es kam zu lärmenden Volksaufläufen, sodaß der Erzbischof Albik H. mit der Acht, die Stadt mit dem Interdikt bedrohte. Infolge dessen verließ H. Prag und hielt sich auf verschiedenen Burgen befreundeter Edelleute auf. Diese Zeit der Ruhe benutzte er, seine Ansichten fester zu begründen und in einer Reihe von Schriften darzulegen. Was die Lehre anlangt, so ist H. durchaus von Wicliffe abhängig. (Vgl. darüber Loserth, 4&H. und Wicliffev, Prag 1884.] Das Gesetz Christi, d. h. die Offenbarung Gottes in der Heiligen Schrift ist die unbedingte Norm und Quelle der religiösen Erkenntnis, hat eine Autorität, weit höher als die Tradition der Kirche und die Aussprüche des Papstes. Die Kirche ist die Gesamtheit der Erwählten und nicht die äußere Gemeinschaft derer, welche den röm. Papst als ihr Oberhaupt, die röm. Hierarchie als das wahre Priestertum anerkennen. In einem praktisch wichtigen Punkte jedoch wich H. von Wicliffe ab: er hat die Lehre von der Transsubstantiation (s. d.) niemals bekämpft, daher auch den Remal⸗ des Abendmahls unter beiderlei Gestalt niemals als zum Heil notwendig, sondern nur als 1 bezeichnet. Als das Konzil zu Konstanz in Aussicht stand, sollte auch die Lösung der kirchlichen Wirren Böhmens dort versucht werden. H. war bereit, sich zur Verantwortung zu stellen. König Sigismund gab ihm einen Geleitsbrief, genau in derselben Form wie andern zum Konzil reisenden Personen, und trug drei böhm. Großen auf, für seine Sicherheit Sorge zu tragen. Am 3. Nov. 1414 langte H. in Konstanz an. Da er hier Messe las und in Predigten seine Ansichten frei aussprach, ward er 28. Nov. 1414 auf Befehl des Papstes verhaftet und seit 6. Dez. im Dominikanerkloster gefangen gehalten. Vergebens protestierten die böhm. Großen, vergebens zürnte König Sigismund. In der H⁷ des Palmsonntags 1415 ließ der Bischof von Konstanz den Gefangenen auf seine Burg Gottlieben am Rhein in strenge Haft bringen; am 31. Mai wurde er alsdann in das Franziskanerkloster zu Konstanz überannde⸗ Als Ankläger H. waren 1. erbittertsten seinde, unter ihnen Stephan Palet, von Böhmen nach Konstanz gekommen. Am 5., 7. u. 8. Juni 1415 wurde mit H. verhandelt. Eine Reihe von Sätzen aus seinen Schriften wurden ihm vorgelegt. Einige bezeichnete H. als in seinen Schriften nicht vorhanden, andere erkannte er als sein Eigentum an und erklärte sich bereit, sie zu widerrufen, sobald sie aus der Schrift als irrtümlich erwiesen seien. Sich bedingungslos dem Konzil zu unterwerfen, lehnte H. ab. Darauf wurde er in der öffentlichen Sitzung des Konzils vom 6. Juli 1415 zum Tode verurteilt und dem Magistrat von Konstanz zur Hinrichtung übergeben. Das Urteil wurde sofort vollzogen und H. erlitt mit großer Standhaftigkeit die Qualen des Feuertodes. Sein Todestag wurde in Böhmen lange als nationales und kirchliches Fest efeiert und erst durch die Heiligsprechung des sog. ohann von Nepomuk (s. d.) völlig verdrängt. Vgl. Historia et monumenta Johannis Hussi atque Hieronymi Pragensis o (2 Bde., Nürnb. 1558); Zitte, „Lebensbeschreibung des Magister Johannes H.» (2 Bde., Prag 1789—95); Wendt, Geschichte von H. und den Hussitenv (Magdeb. 1845); Helfert, cH. und Hieronymuso (Prag 1853, ultramontan); Böhringer, Die Kirche Christi und ihre Zeugeno (Bd. 2, Abteil. 4, Zür. 1858); Krummel, «Johannes H., eine kirchenhistor. Studier (Darmst. 1863); Höfler, Magister Johannes H. v (Prag 1864); Krummel, „Geschichte der böhm. Reformation (Gotha 1866); Palackys einschlägige Partien in seiner (Geschichte von Böhmeno (besonders in der czech. Ausgabe); derselbe, Documenta Magistri Joannis Hus vitam, doctrinam, causam etc. illustrantia (Prag 1869); Höfler, „Geschicht— schreiber der hussitischen Bewegung in Böhmeny Bde., Wien 1856 — 66); Berger, «Johannes H. und König Sigismunde (Augsb. 1872); Lechler, Conversations-Lexikon. 13. Aufl. IX. „Joh. Wieliffe und die Vorgeschichte der Reformationv (2 Bde., Lpz. 1872); E. Denis, Huss et la guerre des Hussiteso (Par. 1878).