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GeschichteBrockhaus 1882

Hussiten heißen die Anhänger des Johannes Huß (s. d.) in Böhmen. Die Verhaftung und Verbrennung von Huß erregte bei seinen zahlreichen Anhängern unter dem Volk und Adel Böhmens tiefen Unwillen. Im Sept. 1415 sandten 452 böhm. Adelige einen feierlichen Protest an das Konzil und schlossen miteinander ein Bündnis, die freie Predigt des Wortes Gottes auf ihren Besitzungen zu schirmen, dagegen Verordnungen der Bischöfe und des Papstes nur so weit anzuerkennen, als sie mit der Schrift übereinstimmen. Papst Martin V. beschloß, mit Strenge gegen die H. vorzugehen, um die Ketzerei in Böhmen völlig auszurotten. König Wenzel ließ sich auch bewegen gegen sie einzuschreiten, starb aber schon 16. Aug. 1419. Jetzt beanspruchte sein Bruder Sigismund die Krone Böhmens, aber die H. gaben ihm die Hauptschuld an dem Tode ihres Meisters, weil er das versprochene sichere Geleit nicht hielt, und wollten ihn deshalb nicht als König anerkennen. Eine Reihe blutiger Kriege, Hussitenkriege genannt, war die Folge. Sigismund bot das deutsche Reichsheer gegen die H. auf, aber die Deutschen hatten wenig Neigung, sich für die Interessen seiner Hausmacht zu schlagen. Dadurch ward es den von religiöser und nationaler H erfüllten H. möglich, ihre Feinde immerfort zu besiegen. Nachdem sie 1420—27 alle Angriffe siegreich abgeschlagen und ihre Feinde am Witkowberge, seitdem Ziskaberg genannt (1420), bei Pankratz (1420), bei Deutsch-Brod (1422), bei Aussig (1426), bei Mieß (1427) überwunden hatten, wandten sie sich seit 1427 zum Angriff und unternahmen verheerende Kriegszüge nach Deutschland. Ihre Feldherren pedi und Prokop waren Meister der Kriegskunst, edienten sich namentlich des Geschützes mit großem Geschick und schufen ein treffliches, zum Teil mit Flegeln bewaffnetes Fußvolk, welches der schwer gepanzerten deutschen Reiterei Seers de entgegentrat. Charakteristisch für die Heere der H. war die Benutzung verteidigungsfähiger Rüstwagen zur Deckung des Lagers und in der Schlacht, sowie während des Marsches. Als auch der Kreuzzug gegen die H., geführt vom Kardinal Cesarini, mit der Niederlage bei Taus (14. Aug. 1431) endete, sah das Baseler Konzil sich Oas fahr den Weg der Verhandlungen zu betreten. as führte zunächst zu innern Zwistigkeiten unter den H. Von Anfang an gab es unter ihnen eine gemäßigtere und eine strengere Richtung. Beide erkannten in der Schrift die höchste Autorität in Sachen des Glaubens und des Lebens, während aber die Strengern nur gelten lassen wollten, was die Schrift ausdrücklich vorschreibt, ließen die Gemäßigtern sich manches gefallen, was die Schrift nicht gerade lehrte, sobald es nur nicht wider sie streitet. Die Gemäßigtern, weil sie in Universität und Stadt Prag ihre Hauptstütze hatten, Pragerv genannt, beschränkten ihre Forderungen auf die Anerkennung der vier Prager Artikel (Juli 1420), daß Gottes Wort frei gepredigt, das Abendmahl unter beiderlei Gestalt gespendet, die weltliche Herrschaft und irdischen Güter dem Klerus genommen und alle Todsünden in jedem Stande abgethan werden. Wegen der Forderung des Kelches (calix) hießen sie Calixtiner (s. d.), wegen der Forderung der Spendung des Abendmahls unter beiderlei Gestalt (sub utraque specie) Utraquisten. Die Strengern verwarfen auch die Lehre vom Fegfeuer, der Anbetung der Heiligen, dem Bilderdienst u. dgl. m. Sie hatten ihren Stützpunkt in der Feste Tabor und hießen danach Taboriten. Ihr erster Führer war Joh. Ziska (s. d.). Nach dessen Tode wählte die Mehrzahl Prokopius d. Gr. zum Führer, während eine kleine Zahl der Wassem führerlos blieb. Als nun das Baseler Konzil sich zu Verhandlungen genötigt sah, gelang es nach vielen vergeblichen Hin⸗ und Herreden, durch die Prager Kompaktaten vom 30. Nov. 1433 die gemäßigtern H. zu befriedigen. Der Laienkelch ward ihnen zugestanden und auch betreffs der freien Predigt des Wortes Gottes, der Haltung des Klerus und der Sittenzucht wurden wenigstens Versprechungen gegeben. Damit war die Einheit der H. gesprengt, denn die Taboriten und Waisen weigerten sich, ihren Frieden mit der Kirche zu schließen. In der Schlacht bei Böhmisch-Brod und Lipan wurden jedoch die Taboriten völlig geschlagen (30. Mai 1434); sie verschwanden als eigene Partei, doch erschienen überreste und Ausläufer derselben wieder unter den Böhmischen Brüdern (s. d.). Die Kompaktaten wurden vom Landtage zu Iglau (5. Juli 1436) feierlich bestätigt. Jetzt wurde auch Sigismund von Ungarn als König von Böhmen anerkannt, aber kaum war er im Besitz der Macht, so versuchte er schon, die den H. gemachten Zugeständnisse wieder aufzuheben; dasselbe Ziel verfolgte sein Nachsolger Albrecht II. (1437—39). Nach dessen Tode entstand in Böhmen so große Verwirrung, daß die den Gubernator Georg Podiebrad 1458 zum önig von Böhmen erheben konnten. Papst Pius II. erklärte 31. März 1461 die Kompaktaten r aufgehoben und wollte Georg Podiebrad nur un als König anerkennen, wenn er sich ver-Din e die Ketzerei in Böhmen auszurotten; aber er gegen Böhmen unternommene Kreuzzug wurde glänzend abgeschlagen. Auch Ladislaw II. (1471— 1516) mußte auf dem Landtage zu Kuttenberg die Kompaktaten bestätigen und der Reichstag von 1512 verlieh H. und Katholiken volle Gleichberechtigung. Als die deutsche Reformation sich vollzog, trat unter den eine Scheidung ein. Einige kehrten zur kath. Kirche zurück, andere schlossen sich den Protestanten an und vereinigten sich mit ihnen im J. 1575 auf Grund der Cenfessio Bohemica. Über die Litteratur s. Huß; vgl. ferner: * lacky, «Urkundliche Beiträge zur Geschichte des Hussitenkriegs 1419—36 (2 Bde., Prag 1872 —70) die einschlägige Partie in Schlesingers «Geschichte Böhmensv; Bezold, «Zur Geschichte des Hussitentumsv (Münch. 1874); derselbe, 4 Sigismund und die Reichskriege gegen die H.» (Münch. 1872); Grünhagen, Die Hussitenkriege der Schlesier 1420—35 (Bresl. 1872).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 482Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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