FeedIgnatjew (Nikol. Pawlowitsch)
GeschichteBrockhaus 1882

Ignatjew (Nikol. Pawlowitsch), russ. General und Diplomat, geb. 29. Jan. 1832 in Petersburg, erhielt seine Erziehung im Pagenkorps und in der Nikolaischen Militärakademie, trat 1849 in die Garde ein, avancierte sehr rasch und wurde 1858 bereits General. Während des Krimkriegs war er dem Armeekorps des Generals Berg in den Ostseeprovinzen zugeteilt und leitete 1857 —58 eine Expedition nach Chiwa und Bokhara. Nachdem er schon 1856 kurze Zeit als Militärbevollmächtigter in London und Paris diplomatisch thätig gewesen war, ging er 1859 ganz in diese Carrière uber, indem ihm der neugegründete Gesandtschaftsposten in Peking übertragen wurde. Hier gelang es ihm, einen für Rußland sehr günstigen Handelsvertrag mit China abzuschließen. Nach seiner Rückkehr von dort 1863 wurde er zum Direktor des Asiatischen Departements im Ministerium des Außern und darauf (26. Juli 1864) zum Gesandten in Konstantinopel ernannt. In der Geschichte der russ. Orientpolitik ist J.s Amtsführung dadurch folgenreich geworden, daß der anfangs von ihm begünstigte Candiotenaufstand (1866) und Griechenlands Teilnahme für denselben von der russ. Regierung schließlich desavouiert wurden und daß er in Sachen des griech.⸗bulgar. Kirchenstreits entschieden für die Bulgaren Partei ergriff, dadurch aber zu einer völligen Abwendung des Hellenentums von der Sache Rußlands Veranlassung gab. In den Gang der orient. Ereignisse von 1875 und 1876 griff J. nachhaltig ein, indem er die Interessen der Bosnier und Bulgaren entschieden begünstigte und zu der Politik Midhat Paschas in schroffem Gegensatze stand. Nach der Konferenz der Großmächte vom Dez. 1876 und Jan. 1877 zeitweise abberufen, unternahm J. im März desselben Jahres eine Rundreise an die Höfe von Berlin, Paris, London und Wien, die zu dem Abschluß des Londoner Protokolls vom 31. März er-Koner beigetragen hat. Der durch den Berliner kongreß später wesentlich modifizierte Vertrag von San-Stefano (3. März 1878) war hauptsächlich J.s Werk. Während der letzten Jahre der Regierung Kaiser Alexanders II. nur gelegentlich zu amtlichen Funktionen herangezogen, wurde J. unmittelbar nach der Thronbesteigung Alexanders III. zum Minister der Domänen und zwei Monate später zum Minister des Innern ernannt. Er suchte seine neue Stellung im Sinne der nationalen Partei auszunutzen, vermochte sich in derselben aber nur bis zum Mai 1882 zu behaupten. Vgl. (Aus der petersburger Gesellschafto (4. Aufl., Lpz. 1875); Sigm. Hahn, Russ. Staatsmänner und Diplomaten der Gegenwarty (in «Unsere Zeitv, Jahrg. 1877, 1. Hälfte); Russ. Wandlungeno (Lpz. 1882).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 533Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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