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ErdkundeBrockhaus 1882

Innsbruck, Hauptstadt von Tirol und Vorarlberg, am Inn, unweit dessen Vereinigung mit der Sill, an der Brenner- und Arlbergbahn, reizend in der Mitte eines breiten Thals gelegen, das im N. von den zerrissenen, schroffen, an 2800mehohen Kalksteinwänden des Solstein, Brandjoch, Frauhitt und der Sattelspitzen überragt, im S. von dem bewaldeten Mittelgebirge (dem Berg Isel) begrenzt wird, über dem die drei einzelnen Bergriesen, der Patscherkofel, die Nockspitze (Saile) und die Waldrasterspitze aufsteigen. J. zählt (1880) 20537 E. Die eigentliche Stadt auf dem rechten Ufer des Flusses, über welchen zwei Brücken von Eisenkonstruktion nach den beiden Vorstädten Mariahilf und St. Nikolaus führen, hat schöne breite Straßen und ansehnliche Gebäude, worunter die Franziskaner⸗ oder Hofkirche, im 16. Jahrh. erbaut, im Innern dekorativ und baulich wiederholt umgestaltet, durch das Grabmal Maximilians I. bekannt, der jedoch nicht hier, sondern in Wiener-Neustadt begraben liegt. Dasselbe besteht aus einem Sarkophag von Marmor, auf diesem das 1542 von L. del Duca gegossene eherne Standbild des Kaisers, umgeben von 28 hohen Statuen, von denen zwei (Arthur und Theodorich, s. Tafel: Bildnerei V, Fig. 10) von Peter Vischer in Nürnberg, Chlodwig von Christoph Amberger in Augsburg (gegossen von Löffler), die übrigen teils von Seßlschreiber, teils von Godl in der Zeit von 1513—83 gearbeitet wurden. Von den 24 Marmorreliefs an den Seiten des Sarkophags sind 20 meisterhafte Arbeiten von Alexander Colin aus Mecheln, denen die vier übrigen von den Brüdern Bernhard und Arnold Abel aus Köln weit nachstehen; die Zeichnungen zu sämtlichen Reliefs verfertigte der Maler Florian Abel, Bruder der vorigen. Sonst befinden sich in dieser Kirche noch die silberne Kapelle, so genannt wegen eines silbernen Standbildes der Jungfrau Maria, das prächtige Grabmal des Erzherzogs Ferdinand und der hilippine Welser, beide von Colin, und das enkmal Andreas Hofers (von Schaller). Auch trat in dieser Kirche 3. Nov. 1654 Christine von Schweden feierlich zum Katholizismus über. Vor der Burg, auf dem schönen Rennplatze, steht die bronzene Reiterstatue Erzherzog Leopolds V., von dem tirol. Bildhauer Kasp. Gras und dem Rotgießer Heinr. Reinhart. Ein Gebäude auf dem geräumigen Stadtplatze trägt noch einen schönen Erker, das berühmte Goldene Dach (Goldene Dachl), als letzten überrest der 1425 von Friedrich IV. mit der leeren Tasche erbauten Residenz. Inmitten der Neustadt (in der Maria-Theresienstraße) erhebt sich eine Denksäule mit Figuren von Benedetti, aus dem Anfange des 18. Jahrh., zur Erinnerung an den Einfall der Bayern und Franzosen von 1703. Am Ende derselben Straße steht eine Triumphpforte, welche 1765 bei Gelegenheit der zu J. gefeierten Vermählung des Großherzogs Leopold von Toscana mit der Infantin Marie Luise errichtet wurde. Der neue Friedhof, 1857 eröffnet, enthält schöne Monumente von den tiroler Künstlern J. Knabl, J. Gasser, J. Müller, A. Grissemann u. a.; die Vorhalle und Kapelle haben Fresken von A. Plattner und Figuren von Mich. Stolz. Hierher wurde auch das früher auf dem alten, am Stadtspital gelegenen, jetzt abgetragenen Friedhof befindliche Grabmal Colins, von ihm selbst gearbeitet, übertragen. Das ansehnliche Theater der Stadt wurde 1846 vollendet. Im ganzen besitzt J. 11 Kirchen, 5 Klöster und 1 Jesuitenkollegium. Unter den Fabriken sind die für Baumwoll⸗ und Schafwollindustrie sowie für Kaffeesurrogat hervorzuheben, insbesondere aber die Glasmalereianstalt mit einer eigenen Kathedralenglashütte. Die große Baumwollspinnerei ist mit einer Maschinenfabrik verbunden. Die Stadt ist Sitz des Statthalters und des Oberlandesgerichts für das Kronland Tirol und Vorarlberg, eines Landes- und Bezirksgerichts, einer Bezirkshauptmannschaft, der Finanz-Landesdirektion und anderer Behörden. Auch tagt der Landtag für Tirol zu J. Die Universität, 1672 durch Kaiser Leopold I. gestiftet, von Kaiser Jo⸗ — II. 1782 in ein Lyceum verwandelt, 1792 wieergestellt, 1810 nochmals aufgehoben, endlich 1826 wiederum erneuert, wurde 1869 durch Hinzu-Babl d einer mediz. Fakultät vervollständigt. Die hl der Professoren und Lehrer beträgt gegen 60, die der Studierenden zwischen 600—700. Die Universitätsbibliothek zählt über 80000 Bände. Das Statthalterei-Archiv ist eins der bedeutendsten Archive Österreichs. Sonst besitzt J. an höhern Lehranstalten noch ein Obergymnasium, eine Oberrealschule, eine Lehrer⸗ und Lehrerinnenbildungsanstalt und eine Staatsgewerbeschule. Der Gouverneur Karl Graf Chotek gründete 1823 ein Landesmuseum, das Ferdinandeum, mit reichen Sammlungen teils Tirol betreffender, teils daselbst gefundener Gegenstände, Naturalien, Altertümer, Münen, Kunst⸗ und Gewerbserzeugnisse, sowie einer ansehnlichen, die tirol. Litteratur vollständig umfassenden Bibliothek. Am linken Ufer des Inn steht die schöne und große, neuerbaute Landes-Schießstätte. — J. hieß im Altertum ad Oenum, Oeni pons oder Oenipontum, d. h. Brücke über den Inn, und wurde 1234 von dem Herzog Otto I. von Meran zur Stadt erhoben. Nach der Besitznahme Tirols durch OÖsterreich war es fast ununterbrochen der Sitz der tirol. Landesfürsten bis 1665. In dem Aufstandstriege der Tiroler gegen die Bayern und Franzosen wurde es mehrmals von beiden Parteien genommen und wieder verloren, wodurch es viel litt. In der Nähe liegt die stattliche Prämonstratenserabtei Wilten, sowie das berühmte Lustschloß Amras (. d.). Eine schöne Kettenbrücke führt unterhalb der Stadt nach dem Dorf Mühlau. Vgl. Zoller, «Geschichte und Denkwürdigkeiten der Stadt J. (2. Aufl., Innsbr. 1828); B. Weber, „J. und seine Umgebungen» (Innsbr. 1842); Probst, «Geschichte der Universität zu J.» (Innsbr. 1869); Erler, Innsbrucko (3. Aufl., Innsbr. 1880); Gwercher, IJ. und dessen nächste Umgebungv (Innsbr. 1880).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 610Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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