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AllerleiBrockhaus 1882

Internationale, eigentlich Internationale Arbeiterassociation (International Working Men's Association), ist eine kosmopolit. Arbeiterverbindung, welche ihr Entstehen der londoner Weltausstellung von 1862 verdankt, auf welcher engl. Arbeiter mit franz. Arbeitern fraternisierten. Aus diesen ersten Annäherungen von Arbeitern verschiedener Nationen entwickelte sich der Plan eines festen Bundes, der 28. Sept. 1864 in St.⸗ Martinshall zu London begründet wurde. Den engl. Urhebern des Plans schwebte hauptsächlich die Idee vor, die Organisation der Gewerkvereine (s. d.) international zu erweitern. Die franz. Delegierten hatten weitergehende sozialistische Projekte, gehörten indes noch einer gemäßigten, von Proudhon ausgehenden Richtung an. Die kommunistischen Tendenzen, die bald immer mehr zur Vorherrschaft gelangten, waren von Anfang an hauptsächlich durch Deutsche vertreten, und namentlich erlangte Karl Marr, der gemeinschaftlich mit F. Engels schon 1847 in dem kommunistischen Manifest die Arbeiter zu einer internationalen Vereinigung aufgefordert hatte, alsbald eine leitende Stellung in dem neuen Bunde. Er wurde der Verfasser der Inauguraladresse und der Statuten, welche auf dem internationalen Kongreß in Genf 1866 endgültig bestätigt wurden. Das Programm der Association läßt sich in den Worten zusammenfassen: Vor 1789 hatten wir die Regierung der Aristokratie, seitdem die der Bourgeoisie; es ist nun Zeit, daß die Arbeiterklassen die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten in ihre Hand nehmen! Die Emancipation der Arbeiter sei weder eine lokale, noch eine nationale, sondern eine internationale Aufgabe, sie umfasse alle Länder, in denen die moderne Gesellschaft bestehe, sie könne nur durch das planmäßige Zusammenwirken der Arbeiter aller Länder gelöst werden. Die sog. kapitalistische Produktionsweise oder die ökonomische Unterwerfung des Arbeiters unter den Aneigner der Arbeitsmittel, d. h. der Quellen des Lebens, liege der Knechtschaft in allen Pert Formen, dem sozialen Elend, der geistigen erkümmerung und der polit. Abhängigkeit zu Grunde. Diese Kapitalistenherrschaft müsse gebrochen werden u. s. w. Für 1865 war ein Kongreß der J. nach Brüssel einberufen, kam aber nicht zu Stande, weil die belg. Regierung die Zusammenkunft verbot; dagegen fanden Kongresse statt: 3. bis 10. Sept. 1866 in Genf, 2. bis 8. Sept. 1867 in Lausanne, 5. bis 11. Sept. 1868 in Brüssel, 6. bis 9. Sept. 1869 in Basel. Im J. 1870 kam wegen des Deutsch-Französischen Kriegs kein Kongreß zu Stande, weil die Führer der J. allgemeine sozialistische Aufstände in ganz Europa zu erregen beabsichtigten. Da sich eine solche Bewegung aber als unmöglich herausstellte, riet Marr nach dem Sturze des franz. Kaiserthrons von einem s ozialistischen Putsch in Paris ab und die J. forderte dann u Zuzügen gegen Deutschland für die Gambettasche Republit auf, während sie nach dem versailler Frieden im Frühjahr 1871 mit der pariser Commune sympathisierte, ohne daß sie indes zu der Organisation dieses Aufstandes ihrerseits aktiv mitgewirlt hätte. Im J. 1871 tagte nur eine Konferenz von Delegierten 17. bis 23. Sept. in London. Auf dem Kongreß im Haag 1872 trat zuerst eine Spaltung der Partei in Centralisten und Föderalisten ein. Die lange genährte Erbitterung Über den großen Einfluß von Marr kam dort zur offenen Empörung. Die Föderation des Jura beantragte Abschaffung des Generalrats und Unterdrückung aller Autorität in der J., ihr standen zur Seite die Mehrzahl der franz., ital., belg. und span. Delegierten; engl. Arbeiter waren fast gar nicht vertreten. Die hauptsächlich aus deutschen Sozialdemokraten bestehende kleine centralistische Mehrheit unter Marx siegte noch mit 26 gegen 23 Stimmen über die Föderalisten und verlegte den Sitz des Centralkomitees nach Neuyork. Die Minderheit schied aus, um eine neue J. zu gründen. Diese neue J. der sog. Föderalisten tagte auch 1873 in Genf und 1874 in Brüssel wieder. Im Sept. 1873 waren dagegen beide feindliche Parteten der Centralisten und Föderalisten gleichzeitig in Genf versammelt, um sich gegenseitig zu verdächtigen. Damit war eigentlich die gänzliche Auflösung des Bundes vor aller Welt bekundet. Ein letzter Kongreß in Genf (im Sept. 1877) bestätigte nur den Untergang der alten J. Die Machtmittel und die Stärke dieser Verbindung sind übrigens vielfach weit überschätzt worden. Sie befand sich thatsächlich immer in größter Geldverlegenheit, und die Unterstützungen, die von London für einige franz. Strikes eingingen, waren kaum nennenswert. Man sah es aber gern, wenn in der Presse von den Millionen der J. die Rede war und ihre Anhänger nach Hunderttausenden gezählt wurden. Nach dem Untergang der alten J. sind mehrfache Versuche zur Wiederherstellung internationaler Verbindungen der s ozialistischen und kommunistischen Arbeiterparteien gemacht worden, die auch einige Erfolge gehabt haben. Ein im J. 1878 nach Paris einberufener internationaler Arbeiterkongreß wurde allerdings durch die Polizei verhindert; im Juli 1881 dagegen fand in London ein Kongreß der extremsten Partei statt, auf welchem die Gründung einer internationalen sozialrevolutionären Arbeiterassociation beschlossen wurde. Die Bertretung Richtung fand im Okt. 1881 ihre ertretung in einem internationalen Kongreß in Chur und seitdem haben noch mehrere andere ähnliche Zusammenkünfte der anarchistischen wie der sozialdemokratischen Parteileiter stattgefunden. Vgl. Villetard, Histoire de LInternationalev (Par. 1871); Testut, «L'Internationales (2 Bde., Par. 1872; deutsch, Lpz. 1872);: Mehring, „Zur Geschichte der deutschen Sozialdemokratiev (Magdeb. 1877); Zacher, Die rote J.» (Berl. 1884). (S. Arbeiterbewegung, Sozialdemokratie.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 636Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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