FeedIsland
ErdkundeBrockhaus 1882

Island, d. i. Eisland, die im hohen Norden zwischen 63 24, bis 66 33 nördl. Br. und 6˙ 59 westl. bis 49“östl. L. (von Ferro) 260km von Grönland und 1010km von Norwegen entfernt gelegene, zu Dänemark gehörige Insel. Bei einer Längenausdehnung von 490 Kkmund einer Breite (von N. nach S.) von 375 km umfaßt die Insel ein Areal von 104 785 qkm, von denen nur 42068 bewohnbar sind. Im W. und N. schneiden tiefe und bedeutende, im O. kleinere Fjorde in das Land ein und bilden vortreffliche Häfen in großer Zahl. Diese fehlen nur an der Südküste, wo in einer Strecke von 185 km die hohen Gletscherplateaus fast unmittelbar aus der See aufsteigen und nur einen schmalen, von Sandriffen belagerten Landstreifen übrig lassen. Der nordwestl. Teil J.s besteht aus einer über 13 700 akm großen, selbst wieder vielfach zerklüfteten Halbinsel, welche zwischen den großen Meeresbuchten Breithifjord und Hunafloi mittels eines nur 755 km breiten Isthmus mit dem übrigen Lande zusammenhängt. Mit Ausnahme schmalerKüstenstriche und einer ausgedehntern Flachlandsbucht an dem nördlich von Reykjavik gelegenen Faxafjord ist die ganze Insel ein Gebirgsland von durchaus vulkanischer Natur, ein flachgewölbtes, nahe der Mitte etwa 700 m erhobenes Plateau mit aufgesetzten Bergmassen, unzähligen Kegeln und Kuppen, das aus ältern und jüngern vulkanischen Gesteinen besteht. Die Hochebene, die namentlich im Innern eine schauerliche Lavawüste bildet, fällt bald sanft, bald in bis 300 m aufstarrenden Felswänden zu den zerschnittenen Küsten ab, durchfurcht von tiefen Spalten, Flußthälern und Seebecken, und überdeckt mit Felsblöcken, Geröll, Sand⸗ und Lavafeldern (Hraun), Schnee⸗ und Eismassen. Inselartig erheben sich aus letztern die mit Gletschern (Jökullso) belasteten Berge von 1000 bis zu 2000 m, deren dichtgestellte Massen den Süden der Insel vom Norden absperren, sodaß der Verkehr zwischen diesen beiden Teilen nur auf einigen wenigen, durch völlig pflanzenlose Gegenden ziehenden Wegen ermöglicht wird. Unter den vielen Vulkanen, welche, wie die häufigen Erdbeben, oft furchtbare Verwüstungen angerichtet haben, ist die 1557 m hohe Hekla (s. d.) der bekannteste, der seit 1727 ruhende tueldore 1959 m) aber der höchste. In unmittelbarem Zusammenhange mit den vulkanischen Kräften J.s steht die große Anzahl von lauwarmen Quellen (Laugar, d. i. Bäder), heißen 93 dieberühmn (Hverar), unter denen der Geiser (s. d.) die erühmteste, von Schwefelquellen (Namur, eigentlich Minen oder Gruben), Schwefelpfuhlen und Schlammvulkanen. Die Flüsse, gewöhnlich nicht über 150 Em lang, haben teils starkes Gefälle mit Kaskaden, teils durchfließen sie in ebenem Terrain festen Weide⸗ und Wiesenboden, teils auh ausgedehnte Sumpfstrecken. Unter den Seen ist außer dem Myvatn mit seinen vulkanischen Umgebungen im Norden noch das Thingvallavatn im Südwesten bemerkenswert. Das Klima ist unbeständig, feucht und nebelig. Das angetriebene Eis liegt an der Nord⸗ und Ostküste bisweilen bis zum Juni oder Juli, erreicht aber nie die Südwestküste. Orkane sind nicht selten. Zu Reykjavik beträgt die mittlere Temperatur des Jahres + 4,12, des Winters — 1,85, des Sommers 12˙ C., dagegen zu Akureyri an der Nordküste die des Jahres 0, des Winters —6,, des Sommers + 7,5 C. Getreide kommt nur ausnahmsweise zur Reife, und außer zwei Arten von Zwergbirke, dann einigen Weidenarten und dem Vogelbeerbaume gedeiht kein Baum. Die Heidel⸗ und Erdbeeren reifen erst im August oder September. Brot ist außerhalb der Hafenorte ein Leckerbissen. Strandhafer, Löffelkraut, Engelwurz, Isländisches Moos und gewisse Arten von Tangen werden als Nahrungsmittel gebraucht. Der Anbau von Kartoffeln und Küchengewächsen, insbesondere von Kohl, nimmt von Jahr zu Jahr zu. Den Hauptreichtum des Landes bildet die Viehzucht, durch vorzüglichen Wiesenwachs und ausgedehnte Weiden begünstigt. Obgleich Torf und Braunkohlen (Surturbrand) vorhanden sind, bedient man sich vielfach als Brennmaterial des wohl ge- und der eingeführten Steinkohlen, auch wohl getrockneten Schafmistes. Von nutzbaren Mineralien findet man Sandstein, Zeolith, Kalkspat, Chaleedon, Porzellanerde und in Echmefel Umfange Schwefel, dessen Ausbeutung (Schwefeldistrikt von Krisuvik) jedoch erst neuerdings wieder durch Engländer begonnen hat, nachdem dieselbe längere Zeit infolge von Erschöpfung der Gruben ins Stocken geraten war. Von Tieren sind der Polarfuchs mit bläulichem Pelz und der Seehund, von Vögeln die Schneehühner, Schwäne und besonders die Eidergänse von Wichtigkeit. Hauptgegenstände des sehr ergiebigen Fischfangs sind der Kabeljau und der h Hakall, ein Haisisch mit thranhaltiger Leber. Den d wichtigsten Teil der Viehzucht bildet die Zucht der a Schafe, die zuweilen vier Hörner haben und treff-Un liches Fleisch sowie gute Wolle liefern. Rindvieh, u meist ungehörnt, wird hauptsächlich der Milch u wegen gezogen. Bedeutender ist die Zucht von v Pferden, die zwar klein, aber flink, ausdauernd si und mit magerer Kost zufrieden sind. Die seit 1770 fn aus Lappland eingeführten Renntiere haben sich in e die einsamsten Gegenden zurückgezogen. Die Zahl der Bewohner, die sich sämtlich zur r luth. Kirche bekennen, ist trotz der großen Frucht-d barkeit der Frauen ziemlich stationär geblieben. Sie 5 belief sich zu Anfang des 12. Jahrh. etwas über b 50000, 1703 auf 50444, 1801 nur auf 47240,e 1855 auf 64603, 1. Okt. 1880 auf 72 440. Davon lebten 75 Proz. von der Viehzucht und nahezu 10 Proz. von der Fischerei. Infolge häufiger Epi-5 demien ist die Sterblichkeit sehr groß; von 1000 Le-d benden stehen nur 472 im 1. bis 20., 456 im 20. bis 60. und 72 über dem 60. Lebensjahre. Skor-t but, Gicht, Leberleiden, Grippe, Maulsperre sind gewöhnliche Krankheiten. Die Isländer sind german. Abkunft, ernst und treu, gastfrei und pa⸗· triotisch, von reinen Sitten und nicht gemeiner Ausbildung, namentlich auch sehr vertraut mit der in den Sagas und Gedichten aufbewahrten ältern Geschichte ihres Vaterlandes. Ihre Sprache ist noch immer die alte norwegische, fast in ursprünglicher Reinheit, und besitzt eine reiche, höchst bedeutende Litteratur. Obgleich die Kinder ihren Unterricht regelmäßig nicht in Schulen, sondern nur von ihren Altern unter Aufsicht der Geistlichen erhalten, durfte sich doch kaum ein Isländer finden, der nicht lesen und schreiben könnte. Die Industrie beschränkt sich auf den Hausfleiß, welcher die Wolle (teilweise zu Strümpfen und Handschuhen) verarbeitet. Handwerker gibt es nur wenige auf der Insel. Jeder ist in allen Stücken sein eigener Handwerker. Der Handel war bis 1854 königl. Monopol, ist aber seitdem allen dän. Unterthanen freigegeben, gegen gewisse Abgaben, oder unter Voraussetzung der Reciprozität auch ohne solche, aber auch Fremden gestattet. Letztern sind 6 Häfen geöffnet. Autorisierte Handelsplätze gibt es (1882) 34. Die wichtigsten Lponhtet des Umsatzes sind vor allem die Fischereiprodukte (Stock- und Plattsisch, Thran, Fischeier, Fischleim), Talg und gesalzenes Schaffleisch, Wolle, wollene Strümpfe un Srelte Cw Eiderdunen, Federn, Schaf⸗ und Fuchsfelle, Schwanfedern und Pferde. Der Hauptmarkt für die Produkte des Fischfangs ist Spanien, für Wolle und Pferde England; das übrige geht meist nach Kopenhagen. Vhat seit 5. Jan. 1874 seine eigene Verfassungsurkunde, die mit 1. Aug. 1874 in Kraft trat und neben einem Gesetze vom 2. Jan. 1871 über die verfassungsmäßige Stellung J.s im Reiche die staatsrechtlichen Verhältnisse der Insel regelt. Die Volksvertretung (Althing) besteht aus 30 vom Volke gewählten und 6 vom König ernannten Mitgliedern und teilt sich in zwei Kammern, in deren oberer die 6 ernannten und 6 gewählte Mitglieder sizen, während die übrigen 24 gewählten Mitglieder die untere Kammer bilden. Sie hat das Steuerbewilligungsrecht und beschließenden Anteil an der gesetzgebenden Gewalt. In politisch-administrativer Hinsicht hat die Insel einen Landes-Conversations-Lexikon. 13. Aufl. IX. hauptmann über sich; sie zerfällt in zwei Amter, das Süd⸗ und Westamt und das Nord⸗ und Ostmit. An der Spitze der Amter stehen zwei Amtmänner in Reykjavik für das Süd⸗ und Westamt und in Mödruvellir bei Akureyri für das Nord- und Ostamt. Das erstere zerfällt in 14 Sysler, bon denen indessen mehrere in einer Hand vereinigt sind, das letztere in 6 Sysler; die Sysselmänner, welche diesen Bezirken vorstehen, sind zugleich Richter erster Instanz,Verwaltungsbeamte, Kasseneinnehmer u. s. w. Als zweite Instanz besteht in Reyksavik unter dem Vorsitz des Landeshauptmanns ein Landesobergericht, von dem an das Höchste Gericht in Kopenhagen appelliert wird. In kirchlicher Hinsicht bildet die ganze Insel ein Bistum (früher zwei) mit einem eigenen Bischof, unter welchem (1870) 20 Propsteien, 141 Pfarreien und 299 Kirchen stehen. Militär und befestigte Punkte gibt es auf J. nicht. Hauptort der Insel ist Reykjavik (s. d.). Außerdem sind bemerkenswert: Akureyri (s. d.) und Isafjord, nächst Reykjavik die wichtigsten Handelsplätze; Bessastadir, früher Sitz der Gelehrtenschule, jetzt ein großer Hof mit Kirche und Observatorium; Hafnarfjord, mit einem der besten Häfen der Insel; Skalholt, mit einer schönen Kirche, früher Bischofssiß, wie auch H olar lim Westen von Akureyri), mit massiver Domkirche. Geschichtliches. Die Insel J., früher irrtümlich für das alte Thule (s. d.) gehalten, seit 795 von irischen Mönchen an einzelnen Stellen der Süd- und Ostkuste bewohnt, erhielt den größten Teil seiner Bevölkerung von Norwegen, wo es zuerst durch die zwischen 860 —870 aufeinander folgenden Reisen des Nadd-Odd, des Gardar, des Floke bekannt wurde. Von letzterm erhielt es wegen des vielen Treibeises, das er in den Buchten aufgehäuft fand, den Namen Island, d. h. Eisland. Der erste. welcher sich zunächst (870) an der Südküste, bleibend (seit 874) in dem spätern Reykjavik einen festen Wohnsitz gründete, war der Norweger Ingolf mit seinen Angehörigen und Verwandten. Bald folgten demselben andere aus der Heimat nach. Da nämlich gleichzeitig der König Harald Haarfager durch Besiegung der übrigen Könige Norwegens sich zu dessen Alleinherrscher, durch Besteuerung der Odalsgüter die freien Grundbesitzer zu seinen Pächtern gemacht, zogen alle, die den neuen Verhältnissen sich nicht fgen mochten, außer Landes und meist nach IJ. Während die Verfassung der einzelnen Niederlassungen auf der Insel anfangs auf der priesterlichen und zugleich richterlichen Gewalt der Tempelvorsteher HGoden) beruhte und eine monarchisch-aristokratische war, bildete sich seit der Vereinigung der Einzelherrschaften für das Land eine aristokratisch-republikanische Gesamtverfassung aus. Den Grund dazu legte (930) Ulfliot's für die ganze Insel gültige Gesetzgebung und seine Errichtung des Althing, einer aus den kundigsten Männern aller Bezirke zusammengesetzten Versammlung, die unter dem Vorsitze des „Gesetzsprecherso jeden Sommer 14 Tage lang auf der großen Thingvallaebene die oberste Gerichtsbarkeit übte und über die Angelegenheiten des Landes beriet. Neben dieser Bersammlung wurden seit 965 eine Anzahl ähnlicher Thinge für die einzelnen Bezirke der Insel einggrichtet, diesen endlich auch 1001 durch Nial ein besonderes höchstes Gericht (das Fünftegericht) beigefügt. Das Christentum wurde 1000 angenommen und wenig später (1080 — 1105) zwei Bischofssitze in Holar und Skalholt errichtet. Die hiermit eingeführte Kenntnis lat. Schrift und Sprache, abendländ. Litteratur und Gelehrsamkeit sand auf J. einen um so empfänglichern Boden, als Dichtkunst und geschichtliche Erzählung bereits mehr denn anderwärts im german. Norden gepflegt wurden. en unternahmen auch die Isländer in früherer Zeit Reisen vorzugsweise nach dem Norden, und dies führte (983) zur Entdeckung Grönlands und (um 1000) eines Teils von Amerika, den man Helluland, Markland und Vinland nannte. Später fühlte man sich nach dem Orient und nach Europa zur Befriedigung der religiösen und wissen-Berdälenif Bedürfnisse gezogen. Die staatlichen erhältnisse wie die Blüte des geistigen Lebens und reger Verkehr nach außen hatten um den Anfang des 13. Jahrh. ihren ½ „. erreicht (s. Snorri Sturluson), als infolge zunehmender Macht und Aoni 56 er Eifersucht einzelner Großen es dem nig Hakon V. von Norwegen 1262 gelang, die Vereinigung der wer mit Norwegen einzuleiten, welche sein Nachfolger Magnus VI. 1264 vollendete. Mit Norwegen gelangte J. 1380 an Dänemark, bei dem es auch verblieb, als Norwegen 1814 mit egen Ende des 14. Jahrh. gerieten Wissenschaften und Künste, welche seit der Einführung der nchen Berrallvoth u sinken begannen, in gänzlichen Verfall; doch Hoben sie sich allmählich wieder, Rerorm König Christian III. von Dänemark die eformation 1540 einzuführen begann, die aber erst 1551 völlig durchgeführt wurde. Im 17. Jahrh. wurde die Insel von algier. Seeräubern heimgesucht, welche 1627 eine Masse Menschen mordeten und raubten. Im 18. Jahrh. hatte sie 43 Jahre Mißwachs und 18 mal Hungersnot zu ertragen. Dennoch bildeten sich seit der Mitte des 18. Jahrh. auf J. mehrere Gesellschaften, die wesentlich zur Verbreitung der Aufklärung und Bildung des Volks beitrugen. Während des Kriegs zwischen England und Dänemark 1809 bemächtigte sich ein zu den Engländern übergelaufener dän. Matrose, Jörgen Jörgensen, der mit einem armierten engl. Handels chiffe nach Reykjavik gekommen war, der unbewaffneten Stadt und der höchsten Gewalt wurde aber nach anderthalb Monaten (Aug. 1809 von den Engländern selbst wieder verjagt, gerade als eine gegen ihn gerichtete Verschwörung im Ausbruche begriffen war. Auf J. herrschte 1824 und 1825 abermals große Hungersnot, namentlich infolge heftiger vulkanischer Ausbrüche in den vorhergehenden Jahren, und 1827 eine heftige Epidemie, die nicht minder zahlreiche Opfer forderte. Nachdem das Althing volle neun Jahrhunderte bestanden, wurde es im Anfang des 19. aufgelöst und erst zufolge der königl. dän. Verordnung vom 8. März 1843 reorganisiert; heftige Verfassungskonflikte, welche mit Dänemark seit 1848 sich ergaben, fanden in dem Verfassungsgesetz vom 5. Jan. 1874 ihren Abschluß. Vgl. Thienemann und Günther, «Reise im Norden Europas, ½½½• in J. in den J. 1820 und 18215 (Lpz. 1827); Ebel, Geogr. Naturkunde von J.» (Königsb. 1850); Sartorius von Waltershausen, Physik. geogr. Skizze von J.v (Gött. 1847), und dessen „Geolog. Atlas von J.» (Gött. 1853); Schleißner, «J., undersögt fra et lägevidenskabligt Synspunkto (Kopenh. 1849); Winkler, «I., seine Bewohner, Landesbildung und vulkanische Naturv Graunschw. 1861); Preyer und Zirkel, Reise nach J. im Sommer 18605 (Lpz. 1862); K. Maurer, „J. von seiner ersten Entdeckung bis zum Untergange des Freistaatsv (Münch. 1874); Coles, „Summer travelling in Icelando (Lond. 1882); Kalund, Bidrag til en historisk⸗-topografisk Beskrivelse af Islando (2 Bde., Kopenh. 1877—82); Lock, „Guide to Icelando (Charlton 1882); Thoroddsen, „Islands beskrivelses (Kristiania 1883).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 688Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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