Johannes, der Täufer, war nach der evang. Erzählung der Sohn des jüd. Priesters Zacharias und seiner Gattin Elisabeth. Er trat, nach der Zeitbestimmung des Lukas, im 15. Jahre der Reierung des Kaisers Tiberius (29 n. Chr.), in der üste Juda als Bußprediger und Verkündiger der nahen Ankunft des Messiasreichs auf. Der Taufe, welche er als Symbol der Reinigung von den Sünden im Jordan vollzog, hat sich auch Jesus unterworfen, bei welcher Gelegenheit die ältere Cvangelienüberlieferung den Geist Gottes auf Jesum herabkommen und eine Stimme vom Himmel ihn als den Sohn Gottes beurkunden läßt. Sämtliche Evangelien setzen voraus, daß er Jesum als den Messias prophetisch erkannt habe. Matthäus erzählt ausdrücklich, er habe darum der Taufe Jesu wehren wollen, und der vierte Evangelist verwandelt die Stimme vom Himmel über Jesus geradezu in ein dreimal wiederholtes Zeugnis des Täufers für Jesum als das Gotteslamm, das der Welt Sünden trägt. Doch hat daneben derselbe Cvangelist noch die Notiz, daß J. auch nach dem Auftreten Jesu zu taufen fortgefahren habe, freilich mit ungeschichtlicher Motivierung. Die ältern Evangelien lassen den Täufer später an Jesu Beruf wieder weifelhaft werden und bei letzterm durch Abgesandte anfragen, ob er wirklich der Messias sei. Diese Anfrage ist wahrscheinlich eschichtlich, beweist aber nur um so mehr, daß J. Jesum früher nicht als den Messias anerkannt haben kann. Sie soll aus dem Gefängnisse heraus geschehen sein, in welches Herodes Antipas den unbequemen Bußprediger eworfen hatte, nach den Evangelien, weil er den Fürsten wegen der unerlaubten Verbindung mit Herodias, der Gemahlin seines Halbbruders Herodes (in den Evangelien fälschlich Philippus genannt), zur Rede stellte, nach Josephus überhaupt aus Furcht vor dem steigenden Einflusse des J. auf die Volksmassen. Ebenso sicher wie die Gefangennahme des Täufers steht geschichtlich seine auf Befehl des Antipas erfolgte Enthauptung. Späterhin sindet sich im Orient eine gnostische Partei, die Mandäer, fälschlich auch Sabier (s. d.) genannt, welche in J. die höchste Offenbarung der Gottheit verehrt haben sollen. Ein geschichtlicher Zusammenhang dieser spätern sog. Johannisjünger mit dem Täufer ist jedoch nicht zu erweisen. In der christl. Kirche ist dem J. nach Joh. 3, 30 der Tag der Sommersonnenwende oder der 24. Juni als Festtag geweiht. Doch wird das Johannisfest in den meisten Ländern nicht mehr kirchlich gefeiert. Wa Johannisfeuer.) Um so größere Bedeutung hat derselbe bei den Freimaurern erlangt, die an diesem Tage ihr höchstes Jahresfest zu begehen pflegen, weil J. in England früher als Schutzpatron der Bauleute galt. Die kath. Kirche hat außerdem den 29. Aug. dem Gedächtnisse der Enthauptung des Täufers geweiht. Johannes, der CEvan gelist, d. h. nach der kirchlichen Überlieferung der Verfasser des vierten Evangeliums, war einer der Zwölf, welche Jesus bald nach seinem öffentlichen Auftreten zu seinen Jüngern berief. Er war der Sohn des Zebedäus, eines Fischers am Galiläischen See, und trieb bis zu seiner Berufung durch Jesus das Gewerbe seines Vaters. Nach der ältesten Tradition bildete er mit seinem Bruder Jakobus und Simon Petrus gewissermaßen den engern Ausschuß des Jüngerper Auhd und wird als ein eifriger, aber ungestümer Anhänger Jesu geschildert. In der Urgemeinde zu Jerusalem erscheint er mit Petrus und Jakobus, dem Bruder des Herrn, als eine der Säulen des Judenchristentums, denen Paulus mühsam die Anerkennung seiner Heidenmission abdringen mußte. Die spätere Sage entwirft dagegen unter dem Einflusse des nach ihm benannten Evangeliums ein wesentlich anderes Bild von ihm. Hiernach wird er als der sanfte, fast weiblich-zarte Lieblingsjünger Jesu geschildert, als der Vertreter seiner höchsten Geheimnisse, der an des Meisters Busen lag wie der göttliche Logos selbst am Busen des ewigen Vaters. Die alte Erwartung, daß J. die Wiederkunft Jesu noch erleben werde, prägte sich später in der Sage aus, daß er nicht sterben könne, sondern in der Verborgenheit dem Anbruch des messianischen Tags entgegenschlummere. Die gewöhnliche überlieferung läßt ihn wenigstens alle andern Apostel überleben und hochbetagt unter Trajan sterben. Nach der kirchlichen Sage soll er sich in seinen spätern Lebensjahren nach Ephesus gewendet haben. Andere Sagen knüpfen sich an seine angebliche Verbannung unter Domitian nach Patmos und an sein noch abenteuerlicheres Olmärtyrertum in Rom. Sein Festtag in der kath. Kirche ist der 27. Dez., sein Symbol ist der Adler; er selbst wird abgebildet als Jüngling mit mädchenhaften Zuügen, öfters mit einem Lelch in der Hand, aus dem eine Schlange emporsteigt. Die zwiespältige Tradition des kirchlichen Altertums über — hat auch die Kritik der unter seinem Namen auf uns gekommenen Schriften des Neuen Testaments außerordentlich erschwert. Daß der Verfasser der Offenbarung des J. oder der Apokalypse nicht zugleich das Evangelium und die Briefe des J. geschrieben haben könne, ist unzweifelhaft: nicht bloß der stilistische Charakter, sondern auch der ganze Gedankenkreis und Standpunkt ist dort ein völlig anderer wie hier. Während nun aber die Schleiermachersche Schule die Apokalypse dem Evangelium opferte, hat die neuere Kritik unwiderleglich bewiesen, daß die erstere ungleich größern Anspruch auf johanneische Abkunft habe, als das Evangelium. Die Offenbarung des Johannes war, solange man in ihr nur ein prophetisches Kompendium der Welt⸗ und Kirchengeschichte sah und die Zukunft aus ihr herauslesen wollte, eine der dunkelsten Schriften der Bibel und für die sog. «reichsgeschichtlicher Auslegung alter und neuer Zeit eine unerschöpfliche Fundgrube apokalyptischer Träume. Seitdem aber die neuere Wissenschaft sie aus den Vorstellungen und Erwartungen ihrer eigenen Zeit heraus zu erklären versuchte, ist das alte Rätselbuch zu einer der „ geschichtlich verständlichsten Schriften unsers Kanon 3und zu einer der wertvollsten Urkunden der christl. eUrzeit geworden. Das Buch ist, wie wir jetzt wissen, rbald nach Neros Tode, während Galbas kurzer Regierung (Juni 68 bis Jan. 69, wahrscheinlich in Kleinasien auf Grund der Visionen, welche der Verfasser während seines Aufenthalts auf der Insel Patmos gehabt zu haben versichert, geschrieben. Damals unter dem frischen Eindrucke der Neronischen Christenverfolgung und des kürzlich ausgebrochenen jüd. Kriegs, in welchem sich die Geschicke des Volks, das seinen Messias verworfen, zu erfüllen begannen, in banger Erwartung noch weit größerer Schrecknisse, welche der als Antichrist wiederkehrende Nero, diese Personifikation des gottlosen Heidentums, der Christengemeinde nach der Meinung der Zeitgenossen bereiten sollte, kleidete der Verfasser die Befürchtungen und Hoffnungen der, wie er meinte, unmittelbar bevorstehenden Zukunft in die herkömmliche Form eines apokalyptischen Gemäldes, in welchem das Wüten des antichristl. Heidentums gegen die Messiasgemeinde, der von furchtbaren Zeichen in der äußern Natur begleitete Entscheidungskampf des wiederkehrenden Nero mit dem wiederkehrenden Christus, der Sieg über den antichristl. Gegner und die ganze heidnische Welt, der Anbruch des 1000jährigen Reichs und, nach dem Ablaufe des letztern, die nochmalige Entfesselung und endliche Vernichtung des Satans und die Herabkunft des himmlischen Jerusalems auf die erneuerte Erde geschildert wird. Das Buch will die Christen zur Standhaftigkeit im Bekenntnis und zur unverfälschten Bewahrung ihres Glaubens ermahnen, auf das bevorstehende Märtyrertum vorbe— reiten, zugleich aber mit froher Hoffnung auf den nahe bevorstehenden überschwenglichen Lohn ihrer Treue im Messiasreiche erfüllen. Ob der J., welcher als Verfasser sich nennt, wirklich der Apostel, oder ein anderer gewesen sei, wird noch immer gestritten; sein Standpunkt ist der des Judenchristentums. Dagegen sind in dem nach ihm benannten Evangelium des Johan nes die Gegensätze jener Zeit, in welcher der Apokalyptiker weissagte, schon verklungen, die heidnische Welt erscheint nicht mehr als der Sitz der antichristl. Macht, sondern als die Pflanzstätte des von den Juden verworfenen Glaubens an Jesus. Die glühende Messiaserwartung des Apokalyptikers mit ihren sinnlichen, echt jüd. Zukunftsgemälden hat der Verkündigung 'eines rein geistigen Kommens Jesu Christi Platz gemacht, und während das Judentum für den Verfasser schon als eine ihm innerlich fremd gewordene Erscheinung in der Vergangenheit liegt, bietet sich ihm in der philos. Idee des «agöttlichen Logosv, des «göttlichen Schöpferwortso und Offenbarungswillens das lösende Wort für das Rätsel der persönlichen Erschei— nung des Erlösers und der Schlüssel zum Verständnisse des über alle beschränkte partikuläre Religionsformen übergreifenden, rein geistigen und universellen Wesens des Christentums dar. Die geschichtliche Darstellung dient hierbei nur zur durchsichtigen Hülle des Gedankens, daß der ewige, in Christus fleischgewordene Logos als das Leben und das Licht der Menschen erschienen sei, um im Kampfe mit der Finsternis und dem aus der Finsternis geborenen Unglauben der Juden seine ewige Herrlichkeit offen— bar zu machen und alle, die aus Gott geboren sind, durch Mitteilung der wahren Erkenntnis zu dem ewigen Leben zu führen, welches schon auf Erden beginnt. Von diesem rein ideellen Gesichtspunkte aus ist nicht nur der geschichtliche Stoff frei ausgewählt und gestaltet, sondern meist unter Anknüpfung an überlieferte Aussprüche Jesu eine lange Reihe tiefsinniger Reden komponiert, welche sich alle um die Person Jesu als des fleischgewordenen Wortes, der der Weg, die Wahrheit und das Leben sei, um seine Herabkunft vom Himmel und seine Rückkehr zum Vater, um den Glauben der vom Vater ihm zum Eigentum gegebenen Jünger und um den Unglauben der in der Finsternis beharrenden Welt, um die bevorstehende Sendung des Geistes, der die Seinen in alle Wahrheit leiten, die Welt aber ihres Unglaubens überführen werde, bewegen. Der ganze Gedankenkreis erinnert an die Zeiten der Apologetik auf der einen, an die des Gnostizismus auf der andern Seite. Mit dieser innern Eigentümlichkeit des Buchs stimmt seine späte äußere Bezeugung (erst seit circa 150 n. Chr.) und der gänzliche Mangel eines Einflusses desselben auf die dogmatische Entwickelung der Kirche vor dem Ende des 2. Jahrh. überein. Die trotz des größten Unterschiedes doch wieder unverkennbaren Berührungen mit der Offenbarung des J. weisen nebst andern Momenten auf die «johanneische Kirche Kleinasiens als die Heimat dieses Evangeliums. Mit dem Evangelium stehen und fallen auch die drei Johanneischen Briefe im Neuen Testament, welche nach Stil und Gedankengehalt demselben nahe verwandt sind. Namentlich der erste Brief rührt wahrscheinlich von demselben Verfasser her, ist aber erst nach dem Cvangelium geschrieben. Das geschichtliche Verständnis der Apokalyyse ist in der Hauptsache schon durch Ewald und Lücke, das des Evangeliums und der Briefe nach den schüchternen Versuchen Bretschneiders erst durch Baur und seine Schüler, besonders Köstlin, Zeller und Hilgenfeld, begründet worden. Vgl. zur Offenbarung Lücke, «Versuch einer vollständigen Einlei— tung in die Offenbarung des J.» (2. Aufl., 2 Tle., Bonn 1849—52) und die Kommentare von Ewald (2 Bde., Gött. 1861—62), De Wette (Opz. 1848, 3. Aufl. von Möller 1862), Düsterdieck (2. Aufl., Gött. 1865) und Volkmar (Zür. 1862); für das ECvangelium besonders Baur, «Kritische Untersuchungen über die kanonischen Evangelieno (Tüb. 1847); Köstlin, «Der Lehrbegriff, das Evangelium und die Briefe des J. (Berl. 1843); Hilgenfeld, „Das Evangelium und die Briefe J.B (Halle 1849) und Die Evangelieno (Lpz. 1854); Scholten, Das Evangelium nach J.v, aus dem Holländischen von H. Lang (Berl. 1867); A. Thoma, Die Genesis des Johannesevangeliumso (Berl. 1882) und die Werke über das Leben Jesu von Strauß und Keim. Die Kommentare von Lücke (über das Evangelium, 3. Aufl., 2 Tle., Bonn 1840—43, und die Briefe, 3. Aufl. von Bertheau, 1856), Baumgarten-Crusius (Jena 1843—45), De Wette (5. Aufl. von Brückner, 1863), Meyer (6. Aufl. von B. Weiß, Gött. 1880), Tholuck (7. Aufl., Gotha 1857), Hengstenberg (2. Aufl., 3 Bde., Berl. 1867 — 71), Düsterdieck (über die Briefe, 2 Bde., Gött. 1852—56), Huther (desgleichen, 2. Aufl., Gött. 1861), Ewald (2 Bde., Gött. 1862), Luthardt (2. Aufl., Nürnb. 1875), Keil (Lpz. 1881) huldigen noch der ältern Ansicht. über die kirchlichen Legenden über J. vgl. Lipsius, „Die apokryphen Apostelgeschichten und Apostellegendend (Bd. 1, Braunschw. 1883).