Indische Grammatik. Die Grammatik erwuchs in Indien an dem Studium des Veda zu einer Zeit, als das Verständnis der alten Hymnen infolge der im Laufe der Jahrhunderte mit der Sprache vorgegangenen Veränderungen sich nicht mehr von selbst ergab, sondern Nachdenken und Kombination nötig machte. Man begann die unverständlich gewordenen Wörter und Wortformen zu sammeln und zu erklären, und damit war der Anfang zu lexikal. und grammatischen Studien gemacht. Wie auf allen Gebieten der ind. Geschichte läßt sich auch hier die Zeit nur ganz annähernd als mindestens ein halbes Jahrtausend v. Chr. bestimmen. Doch blieb die Grammatik keineswegs beim Veda stehen, sie wandte sich vielmehr in späterer Zeit unter nur sehr gelegentlicher Berücksichtigung des letztern mit Vorliebe der nachvedischen Sprache zu, welche eben darum, weil sie bei der Aufstellung der sprachlichen Normen zu Grunde gelegt wurde und dadurch für alle Zeiten ein festes Gepräge erhielt, während die Volksdiakekte, wie früher die alte Sprache, ihren eigenen Weg gingen, im Gegensatz zu diesen auch das klassische oder besser das Kunst-Sanskrit genannt wird. Nordindien war der Hauptsitz der grammatischen Studien. Es werden im ganzen acht Schulen genannt, die aber nur zum Teil, dem Namen nach oder aus Citaten bekannt sind. Pänini, der wahrscheinlich im 3. Jahrh. v. Chr. lebte, ist zwar nicht der älteste, aber der berühmteste ind. Grammatiker, der eben durch sein großes Ansehen seine Vorgänger, die zum Teil der frühern Aindra-Schule angehört haben mögen und deren er mehrere selbst nennt, verdunkelt hat. Seine Gram— matik (Ashtakam Päniniyamo), eins der merkwürdigsten Erzeugnisse des ind. Geistes, ist ein aus acht Kapiteln bestehendes Sutrawerk; d. h. sie ist aus lauter ganz kurzen nur in diesem Zusammenhang und auch dann nur durch eine Erklärung ver— ständlichen Sätzen (sütra) zusammengesetzt, welche ohne jede Spur von systematischer Anordnung, nur nach sprachökonomischen und mnemotechnischen Prinzipien zusammengefügt, dennoch die ganze Sprache in den Kreis ihrer Betrachtung ziehen und diese Betrachtung mit der größten Schärfe und Vollständigkeit durchführen. Pänini bezieht sich in seinem Werke auf gewisse Sammlungen, welche zum Teil von ihm selbst herrühren, zum Teil von seinen Vorgängern überkommen sein mögen; z. B. auf den Dhätupäthap oder das Wurzelverzeich— nis, den „Ganäpathay oder das Verzeichnis der Wörter, welche einer und derselben grammatischen Regel folgen u. s. w. An die Grammatik schließen sich sodann viele erklärende Schriften, so die „Värttilar des Kätyäyana, das Mahäbhäshyay des Pataßüjali, die Kagikä vrttio des Vämana und Jayäditya. Die «„Siddhäntakaumudi des Bhattojidikshita und die daraus abgekürzte Laghukaumudi des Varadaräja sind Versuche einer Systematisierung PäninisF. Von den Grammatiken anderer Schulen sind zu erwähnen die Kätantra-Grammatik des Carvavarman und den «Mugdhabodhao des Vopadeva, welche ein einfacheres Arrangement zeigen. Dasselbe gilt von den Grammatiken der mittelind. Dialekte, des Präkrit (Vararuci und Hemacandra) und des Pali (Kaccäyana), sowie von den Grammatiken der dravidischen Idiome. (über einzelne Werke und Ausgaben s. unter Sanskrit.) Die Grammatik ist diejenige Wissenschaft, welche die Inder am schärfsten und am vollkommensten ausgebildet haben, und zwar in einer durchaus originellen, von keinem irgendwie nachweisbaren fremden Einfluß beherrschten Weise. Schon der Name vyàkarana, eigentlich das Zerlegen, Zerteilen, ist in hohem Grade für die ind. Grammatik bezeichnend, welche seit ihren Anfängen die Zerlegung der Wörter in ihre Haupt- und Nebenbestandteile, als deren erstere die dhätus oder Wurzeln (eigentlich Grundlagen, Elemente) erkannt wurden, zu ihrem Hauptbestreben machte. Da die Inder nur ihre eigene Sprache in das Gebiet ihrer Betrachtung zogen und nicht einmal die verschiedenen Phasen derselben von einem histor. Gesichtspunkt betrachten, mußte ihre Auffassung notwendig eine einseitige und oft sogar schiefe und falsche sein; doch ist ihre, wenn auch rein empirische und schematische Methode und zum Teil auch ihre Terminologie an vielen Vorzügen reich und darum auch von erheblichem Einfluß auf die im Anschluß an die Entdeckung des Sanskrit entstandene europ. Sprachwissenschaft gewesen.