FeedAbälard
ReligionBrockhaus 1882

Abälard (Peter; frz. Abailard, Abélard; lat. katiler Abälardus), einer der gefeiertsten Scholastiker und Theologen des Mittelalters, wurde 1079 zu Palet oder Palais, einem Dorfe bei Nantes, geboren. Ursprünglich für den Kriegerstand bestimmt, wurde er durch seinen unüberwindlichen Wissensdrang, namentlich durch seine Lust an scholastischer Dialektik, bewogen, 30 den Wissenschaften zu widmen. Noch sehr jung hörte er Jean Roscelin, den Begründer des Nominalismus (s. d.), und kam um 1099 nach Paris, wo damals Wilhelm von Champeaux, der Vertreter des Realismus (s. d.), Schüler aus nah und fern herbeizog, wurde aber bald der Rival und der Gegner seines Lehrers. Seit 1102 lehrte er zu Melun, Corbeil und Ste.⸗Genevieève vor einem sich immer vergrößernden Kreise von Schülern, machte sich aber Wilhelm von Champeaux damit zum unversöhnlichen Feinde. Nachdem derselbe Bischof von Chalons geworden, übernahm A. 1113 die Leitung der Schule bei der Kirche Notre-Dame und erreichte jetzt die höchste Stufe seines Ruhms. Er bildete hier die ausgezeichnetsten Männer aus, unter ihnen den nachmaligen Papst Cölestin II., den Petrus Lombardus, den Berengar, seinen nachmaligen Apologeten, und den Arnold von Brescia. A. war das anerkannte Haupt aller Dialektiker und überstrahlte an Klarheit und Schönheit der Vorträge alle andern Lehrer von Paris, dem damaligen diete Heirle der philos.⸗theol. Wissenschaften. Um diese Zeit lebte zu Paris Heloise, die Nichte des Kanonikus Fulbert, damals 17 J. alt, ausgezeichnet durch Schönheit, Geist und Kenntnisse. Für sie entbrannte A. in heftigster Liebe, welche von Heloise mit gleicher Leidenschaft erwidert wurde. Durch Fulbert selbst ward A. Lehrer und Hausgenosse Heidisens, und beide Liebende genossen ihr Glück, bis A.s feurige Lieder auch Fulberts hr „enbhet Als dieser die Liebenden zu trennen suchte, entführte A. die Geliebte nach der Bretagne, wo sie einen Sohn gebar, und vermählte sich in der Stille mit 959 wozu Fulbert seine Einwilligung gab. Bald aber kehrte Heloise in das Haus ihres Oheims zurück und leugnete die Ehe, um A. an der Erlangung lirchlicher Würden nicht 4.15— zu werden. Fulbert hingegen ließ den A. aus Rache entmannen, damit diesem die kanonischen Gesetze den Weg zu den kirchlichen Ehren versperrten. A. ging nun als Monch ins Kloster zu St.⸗Denis; die 18jährige Heloise nahm auf sein Verlangen den Schleier zu Argenteuil. Unzufrieden mit dem klösterlichen Treiben, begann er auf Zureden seiner Freunde wiederum seine Vorlesungen in der Priorei zu Maisonville; aber seine Gegner erweckten ihm bald neue Verfolgungen. Seine Introductio in theologiamo ward 1121 auf der Kirchenversammlung zu Soissons zum Feuer, A. selbst zur Haft im St. Medarduskloster verurteilt. Nachdem er mit Mühe die Erlaubnis erhalten, außerhalb der klösterlichen Mauern leben zu dürfen, verließ er St.⸗Denis, wohin er nach überstandener Ha t zurückgekehrt war, und erbaute Pa zu Nogent an der Seine eine Kapelle und Klause, araklet lm zu⸗ die, von seinen ihm dahin folgenden Seulern zu einer geräumigen Stiftung erweitert, von ihm nach seiner Ernennung zum Abt von St.⸗Gildas-de-Ruys in der Bretagne Heloisen und ½ Religiosen zur Wohnung überlassen wurde. ndlich durch päpstl. Erlaubnis der durch den Haß der Mönche ihm verleideten Leitung seines Klosters entbunden, benutzte A. die folgenden Jowie der Ruhe zu einer Revision aller seiner Werke, sowie 1136 zur Wiederaufnahme seiner Lehrthätigkeit auf Mont-Ste.⸗Genevieve. Seine kirchlichen Gegner, unter denen Bernhard von Clairvaux und Norbert von Laon obenanstanden, brachten es endlich dahin, daß 1140 seine Lehre verdammt und dies Urteil vom Papste bestätigt und durch einen Verhaftsbefehl verschärft wurde. Doch Peter der Ehrwürdige, Abt zu Clugny, söhnte ihn mit seinen Feinden und mit dem Muite Stuhle aus. A. starb 21. April 1142 als Muster klösterlicher Zucht in der Abtei St.⸗Marcel unweit Chälon an der Saöne. Heloise erbat sich den Leichnam, den sie zu Paraklet begraben ließ, um einst an seiner Seite zu ruhen. Sie starb 16. März 1164. Beider Asche wurde 1800 in das Musée des Gammmn-des-W. in Paris, 1815 in die Kirche St.⸗ dem Kirchhofe Pere-Lachaise beigesetzt. — In dem Streite des Realismus und Nominalismus, der die damalige philos.⸗theol. Wissenschaft beherrschte, nahm A. eine eigentümliche Stellung ein. Er hielt weder mit Roscelin von Compiegne, dem Haupte der Nominalisten, die Ideen (universalia) für bloße Namen oder Abstraktionen, noch gab er Wilhelm von Champeaux, dem Haupte der Realisten, zu, daß die Ideen das alleinige Reale seien, noch auch, daß die Realität des Allgemeinen an jedem Einzelwesen sich darstelle. Vielmehr bewies er, und n auch Wilhelm von Champeaux zu der Anerkennung, daß die eine und selbe esenheit jedem endlichen Individuum nicht auf dies elbe wesentliche lunendliche), sondern immer nur auf eine individuelle, mithin bestimmte und endliche Weise zukomme (inesse singulis individuis eandem rem non essentialiter, sed individualiter tantumy). So stellte sich im Grunde in der 36 A.s schon eine Vereinigung der beiden großen Gegensätze des Unendlichen und des Endlichen dar, und man hat ihn darum auch als einen Vorläufer Spinozas bezeichnet. Doch ist die Stellung A.s zu der Lehre von den Ideen, da er in seinem Versuche, zwischen Platonismus und Aristotelismus zu vermitteln, sich selbst sehr schwankend Kreiber y noch immer E. Ber-Die franz. Geschichtschreiber pflegen ihn als Vertreter des Konzeptualismus zu bezeichnen. Bezüglich der Religion lehrte er, daß alle Kräfte dem Menschen von Gott zu irgendeinem guten Zweck verliehen seien, also auch der Verstand, durch welchen die ausschweifende Phantasie geregelt und der reliiöse Glaube geläutert werde. Nur auf der durch freies Nachdenken gewonnenen Überzeugung andder Glaube als auf einer unerschütterlichen Grundlage; ein Glaube, der ohne die geistige Kraft erworben, ohne selbstthätiges Prüfen angenommen worden, sei der Freiheit des Menschen unwürdig. A. führte indes seine philos. Grundanschauung nur in Bezug auf die Ethik (in der Schrift cNosce te ipsum v) aus, während er die kirchliche Dogmatik unangetastet ließ. Überhaupt blieb er, ungeachtet seines freien Rationalismus gegenüber der Dogmatik und trotz seiner kühnen Dialektik, innerhalb der Kirche stehen, im Gegensatz zu den Sektierern seiner Zeit, die sich von letzterer abwendeten. Vgl. Goldhorn, De summis principiis theologiae Abaelardeaey (Lpz. 1838); Bornemann, «Anselmus et

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 13Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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