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ErdkundeBrockhaus 1882

Abort (d. i. abgelegener Ort, früher österr. Provinzialismus, jetzt in die Schriftsprache übergegangen), Abtritt, Privet, Retirade, Apartement, Closet, wird die zur Aufnahme der menschlichen Exkremente bestimmte Lokalität genannt. Die Anlage des A., welche leider von manchen Architekten arg vernachlässigt wird, erfordert Überlegung und Umsicht; von ihr hängt in vielen Fällen der Gesundheitsstand der Hausbewohner ab. Es ist nicht ratsam, den A. so anzulegen, daß man das Freie passieren muß; im Gegenteil soll er warm gehalten, im Winter womöglich geheizt, die Abfallröhre durch eine Klappe verschließbar sein, um jeden Zug zu vermeiden. Nichtbeachtung dieser Vorschriften hat schon zahlreichen Menschen ernstliche Erkältungskrankheiten gebracht. Der A. muß hell (wogegen am häufigsten gefehlt wird) und vollkommen luftig sein; es darf sich daraus nicht der mindeste Geruch kennbar machen. Dies ist zu erreichen teils durch zweckmäßige Ventilation, z. B. durch sog. Stankrohre die über dem Dache des Hauses münden, theils durch den Klappenverschluß. Das Sitzbrett ist aus festem, womöglich poliertem Holze herzustellen; die Schale soll aus einem harten, glatten Stoff, der sich nicht imprägniert und kein Anhaften gestattet, bestehen, am besten aus Porzellan oder Steingut, aus emailliertem Eisen, Marmor u. s. w. Das Abfallrohr sollte nie aus Holz angefertigt sein, da dieses, selbst wenn es ausgepicht ist, leicht Unreinlichkeiten aufsaugt und dann fault; das beste Material sind gut gebrannte, inwendig glasierte Thonröhren. Die Konstruktion der A. ist eine höchst verschiedenartige, von der primitivsten bis zu der kompliziertesten. Die am meisten verbreitete Art ist leider noch die Brille ohne Schale und Klappe, welche direkt in das Abfallrohr oder Reservoir mündet. Verbessert wird dieselbe durch eine Schale mit Verschluß, der sich durch manuellen oder Schwergewichtsdruck öffnet und schließt. Eine bedeutende Vervollkommnung ist das Water-Closet, eine engl. Erfindung; hier wird mittels eines Zug⸗ oder Druckhebels nicht bloß die Klappe geöffnet, sondern auch aus einem Reservoir ein Wasserstrom herbeigeführt, der die Schale vollkommen reinigt. Da zu dieser Einrichtung ein bedeutendes Wasserguantum notwendig ist, dessen Ableitung nur bei Kanalisation zweckmäßig geschehen kann, so hat man versucht, statt des Wassers Torf oder Erde von humoser Beschaffenheit, welche ein vorzüglicher Rezipientund Desinfektor ist, zuzuführen; solche Erd-Closets (System Moule) sind nur auf dem Lande einzuführen, wegen der Schwierigkeit des Transports der dazu erforderlichen großen Massen von Erde; Aschen-Closets hat Morrell in London anempfohlen. Man kann die genannten Stoffe auch durch irgend eins der vielen Desinfektionsmittel in Lösung ersetzen, wobei das Sitzbrett automatisch wirkt, indem es durch seine Belastung den Apparat in Bewegung setzt. (S. Desinfektion.) Da die große Flüssigkeitsmenge, welche den Fäkalien bei der gewöhnlichen Ablage beigemengt wird, ein 14 Ut, folomne für deren Transport und Verwertung ist, so kommen neuerdings immer mehr die Separateurs und die lspger in Aufnahme, Apparate, in welchen sich die flüssigen von den konsistenten Ausleerungen von selber scheiden; die Erfindung ist in dieser Richtung sehr thätig gewesen, es gibt ttamste derartige Systeme; das sinnreichste und wirk 7— ist das von M. Friedrich in Leipzig eingeführte, bei welchem zugleich eine Desinfektion so wirksam ausgeführt wird, daß eine Ableitung der Die Cimrich in 7 Schleusen erfolgen kann. ie Einrichtung des A. wird zum Teil bedingt durch die lin Ve Behandlung der Fäkalmassen, ob dieselben (in Versitzgruben oder Senkgruben) zeitweilig angesammelt oder rasch entfernt werden durch das Fasselsystem (fosses mobiles), durch das pneumat. Verfahren (von Liernur in Harlem), durch Ab-Die oder Kanalisation (Schwemmsysteme). ie Wahl unter diesen verschiedenen Methoden ist eine brennende Fraat der Zeit, welche bisher noch nicht befriedigend gelöst worden ist. (S. Städtereinigung.) In verschiedenen Städten werden von seiten der Kommune an geeigneten Plätzen A. aufgestellt und verpachtet, in andern (Paris, London) sind ambulante Closets in Wagenform eingeführt. Für den Krankengebrauch sind die Zimmer-A., Leibstühle, von Wichtigkeit, deren Einrichtung unschwer mit vollständiger Desinfektion verbunden werden kann und muß; zweckmäßige Apparate dieser Art sind von Müller-Schür konstruiert. Litteratur. Hervorzuheben sind: Varrentrapp, «Über Entwässerung der Städte, über Wert oder Unwert der Water ⸗Closets u. s. w. » (Berl. 1866); Bürkli, «Über Anlage städtischer Abzugskanäle und Behandlung der Abfallstoffes (Zür. 1866); Laurin, «Das Liernursche System» (Prag 1869); A. Müller, «Die Ziele und Mittel einer gesundheitlichen und wirtschaftlichen Reinhaltung der Wohnungen» (Dresd. 1869); von Sommaruga, „Die Städtereinigungssysteme in ihrer land⸗ und volkswirtschaftlichen Bedeutung» (Halle 1874); Mittermaier, „Die öffentliche Gesundheitspflege in Städten und Dörfern» (Karlsr. 1875); derselbe, „Das heidelberger Tonnensystemy (Bayreuth 1878) Reuß, 4Offizielle Berichte von Staats⸗ und Stadtchurden über das Liernursche Kanalisationssystem⸗ (Würzb. 1877); Liernur, aüber das Kanalisieren von Städten » (Frankf. 1880); A. Müller, «Die städti-Pei Düngstoffer (Berl. 1880); Friedrich, «Das Friedrichsche Desinfektionsverfahren⸗(Opz. 1881).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 62Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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