FeedAmputation
HeilkundeBrockhaus 1882

Amputation (lat.) heißt im allgemeinen die kunstgemäße Ablösung einzelner, nicht unbedingt zum Leben notwendiger Glieder mittels chirurgischer Instrumente und zwar, sobald von der Entfernung einer Extremität die Rede ist, mit Durchtrennung des Knochens in seiner Kontinuität zum Unterschiede von der Exartikulation, bei welcher die Abtragung des Gliedes in einem Gelenke geschieht. Diese beiden Operationen werden übrigens in einzelnen Fällen auch miteinander in der Weise ver-t bunden, daß zuerst die Exartikulation in einem Ge-d lenke ausgeführt und dann das Gelenkende des henhat⸗ abgesägt wird (z. B. die A. des Oberschenkels nach Gritti, des Unterschenkels nach Syme und nach Pirogoff). Die A. muß unternommen werden, wenn das Leben durch ein örtliches Leiden gefährdet ist, das sich nur durch die Wegnahme des kranken Teils beseitigen läßt. Sie kommt z. B. bei gänzlicher Zerschmetterung eines Gliedes; bei langwierigen, unheilbaren Eiterungen und Hohlgeschwüren mit Gängen, sog. Fisteln; bei lebensgefährlichen Pulsadergeschwülsten, Knochengeschwüren und Knochenentzündungen; beim kalten Brande bei krebsartigen Geschwülsten, deren Exstirpation wegen der 4541152 Ausbreitung des Leidens unausführbar ist, zur Anwendung. Die neuere Chirurgie neigt sich übrigens mehr der abwartenden Richtung zu und sucht noch in Fällen Heilung zu erreichen, in denen die ältere Schule sicher zur A. des Gliedes geschritten wäre. Dies gilt namentlich bei Getenttrankhe Geschwürsflächen und bei manchen Gelenkkrankheiten. (S. Resektion.) Die Instrumente, die zur A. gebraucht werden, sind hauptsächlich das Messer, die Säge, Arterienpincetten und die Schere. Zur Ablösung der Finger und Beher bediente man sich früher auch des Meißels, welche Operation dann Daktylosmileusis genannt wurde. Die A. selbst geschieht auf folgende Weise. Nachdem Vorkehrungen getroffen sind, um die Blutung zu usnemn, dr⸗ durchschneidet man die Haut und die Muskeln, drängt dieselben nach oben zurück und durchsägt dann, höher oben, den Knochen. Die Schnittführung durch die Weichteile ist natürlich sehr verschieden und richtet sich vor allem nach dem Vorhandensein und nach dem Bedarf von Haut, um den lgefade einemn zu bedecken. Zuletzt werden die Blutgefäße einzeln aufgesucht und unterbunden und die Haut und Muskeln über dem Knochen zusammengezogen. ö Seit den frü esten Zeiten wendete man der Blutstillung bei der A. besondere Aufmerksamkeit zu. Im Mittelalter applizierte man das Glüheisen auf die blutenden Stellen oder —4 nach der A. den Stumpf in siedendes ol oder Pech. Der Brandschorf bewirkte dann den Verschluß der Gefäße. (S. auch Blutstillende Mittel, ferner Abbinden.) Erst im 15. Jahrh. wurde durch Ambroise Paré die seitdem übliche Unterbindung der Arterien eingeführt. Aber in allen Nune ging dem Kranken doch eine erhebliche Menge Blutes verloren. Auch die in neuerer Zeit mitunter geübte Anwendung des Ccraseurs (s. d.) oder der Galvanokaustik (s. d.) zur A. schützte nicht ganz vor Blutung. Vor stärkern Blutungen hatte man sich jedoch schon seit dem 17. Jahrh. durch Anlegung des Tourniquets (s. d.) gesichert. Später bediente man sich auch oft der Fingerkompression der zuführenden Arterie. Noch mehr aber leistet das neuerdings von Esmarch angegebene Verfahren (künstliche Blutleere), ie 5 welches auch das in dem Lon erhallen Biei Teile befindliche Blut dem Körper erhalten bleibt. Man umwickelt hierbei das zu amputierende Glied von der Peripherie her nach aufwärts bis über die Stelle, an welcher die Abtragung geschehen soll, mit einer elastischen Binde aus übersponnenem Gummi, legt sodann am obern Ende der Binde um die Extremität einen stärkern Gummischlauch, welcher während der ganzen Operation straff zugezogen erhalten bleibt. Hierauf wird die Binde molurle Das Glied ist bis zum Gummi-Wut ss lutleer; bei der A. fließt nicht mehr lut, als bei der e, Aud derselben an der Leiche abfließen würde. Nachdem die Operation vollendet und alle irgend auffindbaren Gefäße unterbunden sind, wird der Gummischlauch abgenommen und 45 kurze Zeit unter Erhebung des Stumpfes die zuführende Hauptarterie mit dem an spricht, wenn es sich um verletzte Teile handelt, namentlich in der Kriegsheilkunde von primärer und sekundärer A., insofern als man sich je nach der Art der Verletzung oder dem allgemeinen Zustande des Verletzten genötigt sieht, früh oder erst in später Zeit 4* Operation zu schreiten. Die Gefahren der A. bestehen in der Nachblutung, welche infolge des Wiederaufbruchs der durchschnittenen Pulsadern auftreten kann, im Starrkrampf, welcher in seltenen Fällen infolge der unvermeidlichen Durchschneidung der Nerven entsteht, in erschöpfenden Eiterungen der Schnittwunde und endlich in der Möglichkeit der Entstehung einer Septhämie oder Pyämie, Vergiftung des Bluts durch Jauche oder Eiter. 18.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 580Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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