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Sagen & MythenBrockhaus 1882

Adam (hebr., d. h. der Mensch) und Eva (hebr. Havva, d. h. die Erde als Mutter alles Lebens) sind nach der Tradition der Hebräer das erste Menschenpaar auf Erden und die Stammeltern des ganzen Menschengeschlechts. In dem 1. Buch Mosis ist uns eine doppelte Mythe von der Schöpfung der ersten Menschen erhalten. In der ältern einfachern „Darstellung (1, 26—30) wird erzählt, daß Gott am sechsten Tage den Menschen, Mann und Weib, nach seinem Ebenbilde geschaffen habe, als Herrscher über alles, was auf Erden lebt und webt. Die zweite, hunstreitig jüngere Erzählung (Kap. 2 und 3) gehört . den schönsten und bedeutungsvollsten Mythen des hebr. Volks. Nachdem die Erde mit Bäumen und Pflanzen bewachsen war, bildete Gott den Menschen (hebr. adam) aus Erde (hebr. adama), pblies ihm lebendigen Odem ein und setzte ihn in einen schönen Baumgarten im Lande Eden. In der Mitte dieses Gartens befanden sich zwei Bäume, der Baum des Lebens, d. i. des Lottgleichen Lebens der Unsterblichkeit, und der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, d. i. der gottgleichen Einsicht im Gegensatz der kindlichen Unschuld. Von letzterm Baume zu essen, ward dem Menschen bei Strafe des Todes verboten. Darauf schuf Gott die Tiere des Feldes und die Vögel des Himmels, und führte sie zu A., der ihnen Namen beilegte. Aber der Mensch war noch allein. Da ließ Gott einen tiefen Schlaf auf A. fallen und * eine seiner Rippen und bildete daraus das Weib, und führte sie zu A., der sie Männin (hebr. ischa) nannte, als vom Manne (hebr. isch) genommen. Beide aber waren nackt und schämten sich nicht. Von der listigen Schlange verführt, aß das Weib von dem Baume der Erkenntnis, und gab davon auch ihrem Manne. Die Folge des Genusses der verbotenen Frucht zeigte sich sogleich in dem Verluste der kindlichen Unschuld und dem entstehenden Gefühle der Schamhaftigkeit; sie schämten sich ihrer Nacktheit und machten sich Schürzen von Feigenblättern. Zugleich erwachte das böse Gewissen, und sie verbargen sich vor Gott. Gott bestrafte sie nun, indem er dem Weibe bestimmte, sie solle mit Schmerzen Kinder gebären und dem Manne unterthan sein, der Mann aber solle im Schweiße seines Antlitzes die Erde bebauen, die um seiner Schuld willen nicht mehr freiwillig ihre Gaben bringen würde, bis er, vom Staube genommen, zum Staube Hea Bum werde. A. nannte von nun an sein Weib Eva. Damit der Mensch nicht etwa auch vom Baume der Unsterblichkeit esse, trieb ihn Gott aus dem Garten, dessen Pforten durch Cherubim mit gezückten Schwertern ewacht wurden. Außerhalb des Paradieses zeugten A. und Eva zuerst drei Söhne: Kain, Abel und Seth, dann andere Söhne und Töchter, worauf A., 930 J. alt, starb. Nach der einen überlieferung (Kap. 4) stammt das spätere Menschengeschlecht von Kain ab, nach einer andern (Kap. 5) von Seth. Die Bibel stellt somit Einen Menschen an die Spitze des Menschengeschlechts und läßt von Einem Menschenpaare die Menschheit abstammen. Die neuern naturwissenschaftlichen Forschungen haben diese Voraussetzung, durch welche die biblischen Vorstellungen von der Entstehung der Sünde und von der Erlösung bedingt werden, als mythisch nachgewiesen. Einer jüd. Sage zufolge liegt A. in Hebron neben den Patriarchen begraben, während eine christl. Sage ihn auf Golgatha ruhen läßt. Die biblische Sage von den ersten Menschen ist der in Persien einheimischen Zendsage nahe verwandt. Nach dieser bildete Ormuzd den Urmenschen, einen Leib aus Feuer, Wasser, Luft und Erde emischt, dem er eine unsterbliche Seele hinzufügte. Im Garten Eden sproßt der Lebensbaum Höm, dessen Saft unsterblich macht. Der todschwangere Ahriman springt in Schlangengestalt (Agramainjus) vom Himmel, um die Stammeltern der Mensch557 Meschja und Meschjane, zu verführen, als der öse Geist in ihre Gedanken einzudringen, sie von ihrem Schöpfer abzuwenden, zum Genusse schädlicher Früchte zu verleiten und ihnen die zugedachte Glückseligkeit der rein und unsterblich geschaffenen Seele zu rauben. Auch hüten nach pers. Sage die Greife (also Cherubs) den Goldberg. — Nach dem Koran bereitete Gott den Körper seines Statthalters auf Erden aus trockenem Thon und den Geist aus reinem Feuer. Alle Engel bezeugten dem neuen Geschöpf ihre Ehrfurcht, nur Eblis nicht, der deshalb aus dem Paradiese verstoßen wurde, das nun A. erhielt. Im Paradiese ward Eva erschaffen. Aus Rache verführte Eblis die W sie wurden auf die Erde herabgestürzt. Des reuigen A. erbarmte sich Gott und ließ ihn in einem Gezelte an der Stelle, wo dann der Tempel zu Mekka errichtet ward, durch den Erzengel Gabriel die göttlichen Gebote lehren, die A. treu befolgte, worauf er auf dem Berge Arafat nach 200 Jahren die Gattin wiederfand. Nach seinem Tode wurde er auf dem Berge Abukais bei Mekka begraben. Die spätern Sagen der achste und Mohammedaner finden sich am ausführlichsten in Eisenmengers «Entdecktes Judentum » (Frankf. 1700) und in Herbelots Wenn die altmosaische Mythe einerseits aus der Schöpfung des Weibes die Geschlechtsliebe erklären will, andererseits im Sündenfalle den Gedanken ur Anschauung bringt, wie der »Mensch überher aus dem Naturzustande kindlicher Unwisseneit und Unschuld zum moralischen Bewußtsein und zur Freiheit erwacht und dadurch sittlich zurechnungsfähig wird, so wird im Neuen Testament wieder der erste Mensch, A., als Urheber der Sünde und des Todes angeführt (Röm. 5, 14) und ihm Christus als der zweite A., als der Urheber des Lebens und der Unsterblichkeit entgegengesetzt. In dem Emanationssystem der christl. Gnostiker und Manichäer sowie in der Gnosis der Zabier (Mandäer) gilt A. als einer der ersten und heiligsten AÄonen. In der christl. Kunst des Mittelalters baum A. und Eva im Paradiese sowie der Apfelaum als Symbol der Erbsünde häufig Anwendung gefunden. Gemeiniglich werden A. und Eva nackt, mit Feigenblättern umgürtet, neben dem Baume der Erkenntnis dargestellt. Namentlich finden sich diese Figuren als sing w Verzierungen auf den Taufbecken von Messing und Silber aus dem 14. und 15. Jahrh. In dem sog. Paradiese (der Vorhalle vor dem Hauptportal) größerer got. Kirchen werden A. und Eva in gleicher Weise mit oder ohne Baum der Erkenntnis abgebildet. Dagegen sind öfter an der Außenseite des Chors A. und Eva, ersterer ackernd, letztere spinnend, mit einem Kinde angebracht. In der Litteratur des Mittelalters ist die Geschichte A.s und Evas oder des Sündenfalls schon frühzeitig, wie namentlich in Frankreich, als Stoff zu Myflerien und andern ichtungen benutzt worden. Die ältere christl. Litteratur kennt auch sog. Adambücher, von denen das der Athiopier am bekanntesten ist (deutsch von Dillmann, Gött. 1853). Dasselbe gibt eine phantasievolle Ausmalung des Lebens und der Verhältnisse der ersten Menschen unter r, Döm Kal dogmatischer Ansichten vom Urzustande, vom Falle und von der Erlösung, an welche sich die weitere Geschichte der Menschen zunächst bis auf Noahs Tod und dann in chronikartiger Darstellung bis auf Christi Geburt anschließt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 126Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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